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hilde brennt

Abel steh auf

Abel steh auf
es muss neu gespielt werden
täglich muss es neu gespielt werden
täglich muss die Antwort noch vor uns sein
die Antwort muss ja sein können
wenn du nicht aufstehst Abel
wie soll die Antwort
diese einzig wichtige Antwort
sich je verändern
wir können alle Kirchen schließen
und alle Gesetzbücher abschaffen
in allen Sprachen der Erde
wenn du nur aufstehst
und es rückgängig machst
die erste falsche Antwort
auf die einzige Frage
auf die es ankommt
steh auf
damit Kain sagt
damit er es sagen kann
ich bin dein Hüter
Bruder
wie sollte ich nicht dein Hüter sein

Täglich steh auf
damit wir es vor uns haben
dieses Ja ich bin hier
ich
dein Bruder

Damit die Kinder Abels
sich nicht mehr fürchten
weil Kain nicht Kain wird
Ich schreibe dies
ich ein Kind Abels
und fürchte mich täglich
vor der Antwort
die Luft in meiner Lunge wird weniger
wie ich auf die Antwort warte

Abel steh auf
damit es anders anfängt
zwischen uns allen

Die Feuer die brennen
das Feuer das brennt auf der Erde
soll das Feuer von Abel sein

Und am Schwanz der Raketen
sollen die Feuer von Abel sein

(Hilde Domin)

"Das Programm sorgt für eine ausgewogene Stimmung der Besinnung, Einkehr und Hoffnung mit Momenten der Schönheit und Erbauung."

(Adventskonzert des ZDF mit der Staatskapelle Dresden)

Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten. Macht nie Punkt oder Linien - macht Rhizom nicht Wurzel!

Lasst keinen General in euch aufkommen!


Ihr könnt weiterschreiben, umschreiben, dranschreiben, wegfressen…

Texte, die Ihr einstellt, werden kollekiviert, d.h. sie gehören Euch nicht mehr und können verändert, erweitert, ergänzt werden, Verbindungen eingehen, sich verknüpfen - ganz gleich, wer sich verknüpft: Autor, Schaupieler, Regisseur, Elektrotechniker, HERMES-Bote, Tapir,…

Wer also seinen Privatbesitz sichern möchte, sollte seine Texte extern speichern - hier gibt es nur „oli oli ola“- Gemeinschaftseigentum.

hildebrandslied

hildebrandslied1.jpg

Nachdem Hildebrand Frau und Sohn verlassen hat, wird er zunächst Waffenmeister von Dietrich von Bern, zieht dann in die Verbannung an den Hunnenhof und kehrt schließlich nach 30 Jahren heim. Doch an der Grenze stellt sich ihm ein junger Krieger mit seinem Gefolge entgegen. Hildebrand fragt ihn, wer sein Vater sei. So erfährt er, dass der junge Krieger niemand anders als Hadubrand, sein einziger Sohn, ist. Dem alten Krieger steht also der eigene Sohn gegenüber, der aber glaubt, sein Vater sei schon lange tot. Als Hildebrand das begreift, versucht er, die goldenen Armringe, die er trägt, Hadubrand als Zeichen der Freundschaft zu schenken. Der junge Krieger weist das Geschenk ab, weil er denkt, der alte Mann sei nur ein listiger Hunne. Nach germanischem Brauch muss Hildebrand die Haltung Hadubrands als Herausforderung zum Kampf annehmen. So kommt es zum Zweikampf der beiden Krieger. Mitten in der Beschreibung des Kampfes bricht die Aufzeichnung des Gedichts ab. Alles deutet jedoch darauf hin, dass der Vater den Sohn tödlich verletzt. Sehr wahrscheinlich endete das Lied mit dem Selbstmord Hildebrands.

Das Hildebrandslied wird hier als copy-paste-Vorlage für alle Sprachverweigerer, Sprachlos-Gewordenen, Aphasiker und alle, die lieber im Regen tanzen, verwendet.

eIk gıhorta dat ſeggen

dat ſih urhettun ænon muotın

hıltıbrant entı hadubrant untar herıun tuem •

ſunu fatarungo • ıro ſaro rıhtun •

garutun ſe ıro gudhamun • gurtun ſih • ıro • ſuert ana •

helıdoſ ubar rınga do ſie to dero hıltu rıtun •

hıltıbrant gımahalta herıbranteſ ſunu • her uuaſ heroro man

feraheſ frotoro • her fragen gıſtuont

fohem uuortum • ƿer ſin fater ƿarı

fıreo ın folche … •

eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ •

ıbu du mı enan ſageſ ık mı de odre uuet

chınd ın chunıncrıche • chud ıſt mın al ırmındeot •

hadubrant gımahalta hıltıbranteſ ſunu •

dat ſagetun mı uſere lıutı

alte antı frote dea erhına ƿarun •

dat hıltıbrant hættı mın fater • ıh heıttu hadubrant •

forn her oſtar gıhueıt floh her otachreſ nıd

hına mıtı theotrıhhe entı ſinero degano fılu •

her fur laet ın lante luttıla ſitten

prut ın bure barn unƿahſan

arbeo laoſa • her raet oſtar hına

deſ ſid detrıhhe darba gıſtuontum

fatereſ mıneſ • dat uuaſ ſo frıuntlaoſ man

her ƿaſ otachre ummet tırrı

degano dechıſto untı deotrıchhe

darba gıſtontun her ƿaſ eo folcheſ at ente ımo ƿaſ eo peh&a tı leop •

chud uuaſ her … • chonnem mannum

nı ƿanıu ıh ıu lıb habbe … •

ƿettu ırmıngot quad hıltıbrant obana ab hevane

dat du neo dana halt mıt ſuſ ſippan man

dınc nı gıleıtoſ … •

ƿant her do ar arme ƿuntane bauga

cheıſurıngu gıtan • ſo ımo ſe der chunıng gap

huneo truhtın • dat ıh dır ıt nu bı huldı gıbu •

hadubrant gımahalta hıltıbranteſ ſunu •

mıt geru ſcal man geba ınfahan

ort ƿıdar orte … •

du bıſt dır alter hun ummet ſpaher

ſpenıſ mıh mıt dınem ƿuortun ƿılı mıh dınu ſperu ƿerpan •

pıſt alſo gıalt& man ſo du eƿın ınƿıt fortoſ •

dat ſagetun mı ſeolıdante

ƿeſtar ubar ƿentılſeo dat ınan ƿıc furnam •

tot ıſt hıltıbrant herıbranteſ ſuno •

hıltıbrant gımahalta herıbranteſ ſuno •

ƿela gıſihu ıh ın dınem hruſtım

dat du habeſ heme herron goten

dat du noh bı deſemo rıche reccheo nı ƿurtı •

ƿelaga nu ƿaltant got quad hıltıbrant ƿeƿurt ſkıhıt •

ıh ƿallota ſumaro entı ƿıntro ſehſtıc ur lante •

dar man mıh eo ſcerıta ın folc ſceotantero

ſo man mır at burc enıgeru • banun nı gıfaſta •

nu ſcal mıh ſuaſat chınd • ſuertu hauƿan

breton mıt ſinu bıllıu eddo ıh ımo tı banın ƿerdan •

doh maht du nu aodlıhho ıbu dır dın ellen taoc •

ın ſuſ heremo man hruſtı gıƿınnan

rauba bıhrahanen • ıbu du dar enıc reht habeſ •

der ſi doh nu argoſto quad hıltıbrant oſtar lıuto

der dır nu ƿıgeſ ƿarne nu dıh eſ ſo ƿel luſtıt •

gudea gımeınun nıuſe de mottı •

ƿerdar ſih hıutu dero hregılo rumen muottı •

erdo deſero brunnono bedero uualtan •

do lettun ſe ærıſt aſckım ſcrıtan

ſcarpen ſcurım dat ın dem ſcıltım ſtont •

do ſtoptun to ſamane ſtaım bort chludun •

heƿun harmlıcco huıtte ſcıltı •

untı ımo ıro lıntun luttılo ƿurtun •

gıƿıgan mıtı ƿabnum …

übersetzung

Ich hörte das sagen,

dass sich als Herausforderer einzeln mühten:

Hildebrand und Hadubrand zwischen zwei Heeren.

Sohn und Vater richteten ihre Scharen aus,

Sie richteten ihre Kampfgewänder, gürteten sich ihre Schwerter um,

die Helden, über die Rüstung, als sie zu dem Kampf ritten.

Hildebrand sagte, Heribrands Sohn, er war der ältere Mann,

des Lebens erfahrener, er begann zu fragen,

mit wenigen Worten, wer sein Vater gewesen sei

unter den Menschen im Volke…

„…oder aus welchem Volke du bist

wenn Du mir einen nennst, kenne ich die anderen

Menschen im Reich, bekannt ist mir die ganze Menschheit“.

Hadubrand sagte, Hildebrands Sohn:

„Das sagten mir unsere Leute,

alte und weise, die früher schon da lebten,

dass Hildebrand mein Vater heiße, ich heiße Hadubrand.

Vormals ist er nach Osten geritten, er floh den Zorn Odoakers,

dorthin mit Dietrich und vielen seiner Kämpfer.

Er ließ im Lande arm zurück

die Frau in der Hütte und den unerwachsenen Sohn

erbelos: Er ritt nach Osten hin.

Deswegen erlitt seither Dietrich die Abwesenheit

meines Vaters: Der war ein so freundloser Mann.

Er zürnte Odoaker unmäßig,

der liebste der Kämpfer Dietrichs.

Er war immer an der Spitze des Heeres, ihm war immer der Kampf zu lieb,

Bekannt war er…den Tapfersten.

Ich glaube nicht, daß er noch lebt…“

„Weißt Du Gott“, sprach Hildebrand, „oben vom Himmel,

daß du niemals solchermaßen verwandte Männer

in eine Angelegenheit hast geraten lassen!“

Er wand sich dann von den Armen gewundene Ringe ab,

aus kaiserlichem Gold gemacht, wie sie ihm der König gab,

Der Herrscher der Hunnen: „Das gebe ich dir nun aus Freundschaft!“

Hadubrant, Hildebrands Sohn, sagte:

„Mit dem Speer soll man Geschenke annehmen,

Spitze gegen Spitze!

Du dünkst dich, alter Hunne, unmäßig schlau.

Verlockst mich mit deinen Worten,

willst deinen Speer nach mir werfen.

Du bist ein so alter Mann, wie du ewig Betrug im Sinn hast.

Das sagten mir Seeleute,

westlich über dem Ozean, dass ihn ein Kampf hinnahm:

Tot ist Hildebrand, Heribrands Sohn!“

Hildebrand, Heribrands Sohn, sagte:

„Wohl sehe ich an deiner Rüstung,

daß du daheim einen guten Herrn hast,

daß du in diesem Reich noch nie vertrieben wurdest.

Wohlan, nun walte Gott, sagte Hildebrand, Unheil geschieht:

Ich wanderte 60 Sommer und Winter außer Landes;

wo man mich immer in das Heer der Kämpfer einordnete.

Wenn man mir an jedweder Burg den Tod nicht beibringen konnte:

Nun soll mich das eigene Kind mit dem Schwerte schlagen,

niederschmettern mit der Klinge, oder aber ich werde ihm zum Töter.

Du kannst wohl leicht - wenn deine Kraft (dir) ausreicht -

von einem so alten Mann eine Rüstung gewinnen,

Beute rauben, wenn Du da irgendein Recht hast.

Der sei doch nun der feigste, sagte Hildebrand, von den Ostleuten,

der dir nun den Kampf verweigerte, wo es dich doch so sehr gelüstet,

nach gemeinsamem Kampf; (nun) versuche wer mag,

wer von beiden heute das Gewand lassen muß

und dieser Brünnen beider walten (wird).“

Dann ließen sie zuerst die Eschenlanzen bersten

in scharfem Kampf, daß sie in den Schilden steckten.

Da ritten sie gegeneinander, spalteten farbige Schilde,

schlugen gefährlich auf weiße Schilde,

bis ihnen ihre Lindenschilde zu Bruch gingen,

zerstört von den Waffen…

wurzeln


Johann

jahwe = Name Gottes (Hebräisch);

chanan = begünstigen, gnädig sein (Hebräisch)

Jahwe ist gnädig, Jahwe ist gütig

Herbert

heri = das Heer, der Krieger (Althochdeutsch);

beraht = strahlend, glänzend (Althochdeutsch)

strahlender Krieger / der Mutige, der Tapfere / der berühmte Krieger

Friedrich

fridu = der Friede, der Schutz, die Sicherheit (Althochdeutsch);

rihhi = reich, mächtig, die Macht, die Herrschaft, der Herrscher (Althochdeutsch)

der Friedensreiche / der Beschützende, der Beschützer / der Herrscher

der Reiche, der Mächtige, der Friedselige

Reimar

ragin = der Rat, der Beschluss (Althochdeutsch);

mari = berühmt, bekannt (Althochdeutsch)

Werner

warjan = wehren, schützen, verteidigen (Althochdeutsch)

heri = Menge, Heer(schar) (Althochdeutsch); waron = (be)wahren, Acht geben oder warnon = sich vorsehen, sich hüten, warnen (Althochdeutsch)

der auf sich achtet, sich wehrt, sich verteidigt / wehren und schützen

Wolfgang

wolf = der Wolf (Althochdeutsch);

ganc = der Ansturm, der Angriff, der Waffengang (Althochdeutsch)

der Wolfsgänger / auch Gerwolf; der, der mit dem Speer den Wolf erlegt.

Hilde

hiltja = der Kampf (Althochdeutsch);

gard = der Zaun, der Schutz (Althochdeutsch)

Kämpferin und Beschützerin

Irmgard

irmin = allumfassend, alles überschauend (Althochdeutsch);

gard = der Zaun, der Schutz (Althochdeutsch)

die allumfassende Beschützerin / Welt und Schutz / die Große, die Schützende

Ruth

re'ut = Freund, Begleiter, Freundschaft (Hebräisch)

die Freundin, die Begleiterin

Svenja

sveinn = der Jüngling, junger Mann (Altnordisch)

swan = Schwan (Althochdeutsch)

junge Frau / junge Kriegerin / Schwan

Edna

eadena(h) = Wonne, Lieblichkeit, Lust, Entzücken, Zierde (Hebräisch)

die Liebliche, die Entzückende, die Lustige / die Mutige, die Edle

Martha

marta = die Herrin (Aramäisch)

Herrin, Gebieterin

Amelie

amal = tüchtig, tapfer (Gotisch)

die Tüchtige, die Fleißige, die Tapfere

Luisa

al = ganz; wisi = weise (Althochdeutsch)

berühmte Kämpferin / die Weise, sehr weise

ASCII

theater relatief dogma

Wir wissen, dass das Theater unsere Leben verändert hat.

Wir glauben an die lebensverlängernde Kraft des Theaters.

Wir lösen die Widersprüche nicht auf.

Echte Theater Relatief Proben werden ohne Konzept und ohne Festlegung durchgeführt.

Es gibt keine echten Theater Relatief Proben.

Wir ziehen uns nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf - wir freuen uns auf die Pampe und lassen uns zuversichtlich fallen.

Alles ist immer wieder neu zu finden.

Wir lassen keinen General in uns aufkommen - wir machen Rhizom, nicht Wurzeln. Wir sind Vielheiten.

Wir achten das Unwichtige und lieben das Überflüssige - eine gelungene Probe zeichnet sich dadurch aus, dass sie vollkommen überflüssig ist und alles in Fluss bringt.

Wir vertrauen dem Fluss, der sich langsam und und schwarz durch unser Tal windet. Es gibt keinen Grund, ans Ufer zu gelangen.

Wir betreiben keine Landgewinnung - Standpunkte werden von uns geflutet.

Wir bauen Dämme und und reißen Dämme ein, wenn es uns notwendig erscheint.

Das Stück beginnt und endet nirgends.

Das Stück wird gemeinsam mit dem Publikum entwickelt und erlebt - unfertige Stücke können während der Aufführung vom Publikum weitererzählt werden.

Stücke werden nicht beendet, wir leben sie woanders weiter - im Haag, in der Dämmerung, zwischen uns.

Flüsse, Bäche, Wasserläufe fließen in unsere Proben ein und zweigen sich ab.

Niemand wird am Ufer zurückgelassen; wir reißen alles mit.

Wir lieben uns wie die Biber - Ihr findet unsre Spuren in die Stämme genagt.

Unser Theater ist Strandgut.

Wir unterscheiden nicht zwischen unserem Theater und unserem Leben.

Zwischen uns und unser Leben und zwischen die Realität und die Fiktion passt kein Blatt Papier, niemand tut als ob.

ZWISCHENRUF Als ob!

Unser Theater verfolgt kein Ziel - wir hören nicht auf die Rufe der Fatzkes.

Wer uns etwas sagen möchte, muss sich die Füße nass machen.

Dogmen sind für ambitionierte Gymnasiale,

wir lehnen sie ab -

wie vieles:

die listen liegen unter tage

lange schon.

Unsere Arbeit ist beschwerlich und mühsam - wir wollen sie nicht einfacher haben.

Was fertig ist, wird von uns neu gedacht, was auch einfacher ginge, machen wir aufwendiger.

Wir verkomplizieren alles.

Es gibt keine Kompromisse!

Wir suchen kompromisslos - und finden jeden und alles - ausnahmslos.

wichtig ist an dieser stelle und in diesen tagen eine wasserdichte theorie

und ein warm gelutschtes zutrauen in die eigene … „Ja was denn eigentlich?“

den glauben an die sanfte hügel-schönheit senfgelber theatersessel in rumänien

und den mut

das wieder zu löschen

endlich - endlich wieder zu löschen

oder endlich anzufangen

antidogmadogmadogmamadonna

(AMELIE und LUISA - zwei Kinder - tauchen auf, sie haben allerhand Spielkram dabei und breiten sich auf der Bühne aus)

LUISA Dogma ist ja lustig!

AMELIE Also ich finds albern.

LUISA Was jetzt?

AMELIE Na, das Wort: „DOGMA“ - so fängt doch kein Stück an. Was soll das sein?

LUISA Ist doch klasse, so ein Dogma - da kannst Du auch ein Anti-Dogma dagegen machen!

AMELIE Noch doofer!

LUISA (Amelie umkreisend) Anti-Dogma - Anti-Dogma - Anti-Dogma

AMELIE (pampig) Dann mach ich eben das Anti-Anti-Dogma

LUISA Jaa, und dann kommt das Anti-Anti-Dogma-Dogma!

AMELIE Anti-Anti-Dogma-Dogma-Dogma-..donna - Dogma-Madonna. Das ist gut: Dogma-Magdonna! (Lachkrampf)

LUISA Ich hab auch was Gutes! (bellt)

AMELIE Was ist das jetzt

LUISA Die DOG-Madonna

AMELIE Versteh ich nicht.

LUISA - Na „dog“ wie „Hund“

AMELIE Das ist gut: Atitla, bei Fuß!

LUISA (gehorcht) Weshalb haben Hunde eigentlich immer so bescheuerte Namen?

AMELIE Wieso - ist doch ganz cool: Attila, der Hunnenkönig. So kann doch die Geschichte anfangen.

LUISA Welche Geschichte?

AMELIE Na diese.

LUISA Unsere Geschichte? Mit Atila? Mit dem Hunnenkönig?

AMELIE Na ja, nicht direkt, aber irgendwie schon - warte…

hunnen hassen

FRIEDRICH und SVENJA. Eine ziemlich heruntergekommene Wohnung, die Fenster sind mit Leinensäcken notdürftig verhängt, das Sofa ist aufgeschnitten, sodass die Strohfüllung vollständig nach außen gekehrt und von dem eigentlichen Stoffbezug kaum mehr etwas zu sehen ist.

Im Dämmerlicht sind an der Wand verschiedene mittelalterliche Kampfgerätschaften zu erkennen. FRIEDRICH führt unentwegt tänzerische Kampfübungen mit seinem Eisenschwert aus. SVENJA lümmelt unbeeindruckt auf dem Sofa und wischelt auf ihrem Handy herum.

SVENJA Friedrich, Du musst wirklich mal wieder lüften.

FRIEDRICH Und mir die Pest in die Bude holen?

SVENJA Wenn Du mich fragst, stinkt es hier drin wie die Pest.

FRIEDRICH Du hast keine Ahnung, was draußen los ist. Hast Du nicht bemerkt, wie er in alle Ecken gekrochen ist?

SVENJA Wen meinst Du?

FRIEDRICH Den schwarzen Tod natürlich. Ich kann hören, wie er durch die Straßen schleicht - der schwarze Tod. Ich kann die Pestgeschwüre und Eiterbäulen riechen - draußen. Die Fenster bleiben zu!

(lässt das Schwert neben Johanna auf das Sofa fallen, Svenja reagiert unbeeindruckt - wischelt weiter)

SVENJA Du hast echt n`Rad ab. Gibt vielleicht ein Smog-Problem in der Stadt, aber die Pest ist jetzt echt mal ausgerottet.

FRIEDRICH Das ist das, was sie Dir erzählen.

SVENJA Ja, und Mama hat mir erzählt, dass Du sie gestern angerufen hast - und dass sie Angst hat um Dich. Sie war völlig durch den Wind. Ich konnte sie am Telefon nicht beruhigen - hab ihr versprechen müssen, dass ich mich um Dich kümmere.

FRIEDRICH Ja, schön dass Du da bist.

SVENJA Hast Du ihr nicht schon genug Sorgen gemacht?

FRIEDRICH (setzt sich neben Svenja aufs Sofa) Ich war nicht gut drauf gestern. (Pause) Was hat sie gesagt?

SVENJA Du weißt doch, dass Du mich anrufen sollst, wenn`s Dir nicht gut geht.

(Pause - Friedrich nestelt an seinem Schwert herum)

FRIEDRICH Was hat sie gesagt?

SVENJA Sie war verstört - hat geweint.

FRIEDRICH Ich wollte ja Dich anrufen, aber Du bist nicht rangegangen.

SVENJA Du hast ihr von Attila erzählt.

FRIEDRICH Ja…

SVENJA (wütend) - dem Hunnenkönig!

FRIEDRICH (schuldbewusst) Ja, kann sein.

SVENJA Du hast gesagt, dass Ihr ihn eigenhändig abgemetzelt habt -

FRIEDRICH Nein - also…

SVENJA - beim Abendessen!

FRIEDRICH Nein.

SVENJA (wütend) Was nein? Hast Du nicht mit Mama telefoniert und erzählt, wie ihr Atila den Hunnenkönig in zwei Hälften gespalten habt und wie das Blut auf den Tisch gespritzt ist? Hast Du ihr nicht in aller Ausführlichkeit berichtet, wie Ihr alle seine Gefolgsleute vergiftet habt, wie Ihnen der Schaum aus dem Mund gequollen ist? Hast Du ihr nicht gesagt, dass ihr Euch angeblich mit Ihnen versöhnen wolltet, alle an einen Tisch holen um sie dann abzumetzeln? Hast Du gestern Nacht um drei Uhr bei Mama angerufen und Ihr von diesem Gemetzel erzählt?

FRIEDRICH Ja…, nein…, also doch…. - natürlich habe ich es ihr erzählt, aber es war nicht Attila.

SVENJA Bitte was?

FRIEDRICH Es war nicht Attila, der Hunnenkönig, sondern Odoaker, den wir…das hat sie wahrscheinlich verwechselt, weil Odoaker ja bei Attila am Hof groß geworden ist.

SVENJA Na klasse, das ist natürlich viel besser! Und wer seid Ihr eigentlich? Hast Du noch mehr so kranke Freunde?

FRIEDRICH Eigentlich war es vor allem Theo, der die Idee mit der Einladung hatte und der dann auch…

SVENJA Und wer ist Theo?

FRIEDRICH Theoderich der Große, König der Ostgoten.

SVENJA Mann Friedrich, Du hast echt ein Problem.

FRIEDRICH Würde ich jetzt so nicht sagen, glaube das Problem ist jetzt eher auf Odoakers Seite. (gequältes Lachen)

SVENJA Was ist eigentlich mit Dir los? Warum kannst Du nicht leben wie normale Menschen.

FRIEDRICH Svenja, Du musst in den Büchern lesen, da steht alles geschrieben. Ich habe Theo ja auch gefragt, ob das jetzt wirklich notwendig war - „Dreißig Jahre“, hat er gesagt, „dreißig Jahre hat uns Odoaker verfolgt und vertrieben, unsre Frauen und Kinder geschändet, unser Vieh getötet und unser Land gestohlen. Er wollte unser Land spalten, jetzt ist er selbst in Zweien.“

SVENJA Das sind alte Geschichten.

FRIEDRICH „Denk an Deinen Vater,“ hat er gesagt, „er war mir der liebste der Kämpfer. Er zürnte Odoaker unmäßig. Er war immer an der Spitze des Heeres, ihm war immer der Kampf zu lieb“

SVENJA Er hat uns allein gelassen.

FRIEDRICH „Bekannt war er…den Tapfersten.“

SVENJA Papa hat uns einfach zurückgelassen - vor dreißig Jahren!

FRIEDRICH Ich glaube nicht, dass er noch lebt!

SVENJA hat sich aus dem Staub gemacht, unser tapferer Herr Vater - ist nicht mehr zurückgekommen.

FRIEDRICH Er lebt gewiss nicht mehr.

SVENJA Friedrich, Du musst mit diesen alten Geschichten aufhören.

FRIEDRICH Ich muss den Anfang finden, Svenja. Ich muss an den Punkt, an dem unsere Geschichte beginnt. Wir müssen unsere Geschichte erzählen, sie gehört uns und wir dürfen nicht zulassen, dass jemand anderes sie erzählt:

Hildebrand hieß mein Vater, ich heiße Hadubrand.

Vormals ist er nach Osten geritten, er floh den Zorn Odoakers,

dorthin mit Theoderich und vielen seiner Kämpfer.

Er ließ im Lande arm zurück

die Frau in der Hütte und den unerwachsenen Sohn

erbelos.

versteckt bleiben

(Gassenbesetztton)

STIMME Ich suche einen Anfang. Ihr findet mich nicht Ich spiele nicht mehr mit.

(Pause - Gassenbesetztton)

STIMME Ihr könnt mich nicht erreichen!

(Pause - Gassenbesetztton)

STIMME Ihr findet mich nicht.

AMELIE Hörst Du das…? - weißt Du, was das für ein komisches Ton ist?

LUISA Klar, das ist ein Gassenbesetztton.

AMELIE Ein was?

LUISA Der Ausdruck „gassenbesetzt“ bedeutet, dass eine bestimmte Rufnummerngasse nicht erreichbar ist. Der Gassenbesetztton unterscheidet sich von Teilnehmerbesetzt durch eine schnellere Tonfolge.

STIMME Ich kann noch nicht reden -

LUISA Die Gasse ist nicht erreichbar infolge einer Störung.

STIMME oder nicht mehr.

LUISA oder einer Überlastung.

STIMME Meine Betonsprache steckt in Worthülsen, Hülsenfrüchten, Fruchtjoghurt, Jogurt…Joghurt…Joghurt…

AMELIE: Die Gasse ist also besetzt; sie ist schon proppevoll - zu viele Anfragen.

LUISA: Ja, sie ist eigentlich verstopft von Wähltönen.

STIMME: Ich werde mir wieder ein Telefon mit Wählscheibe besorgen.

LUISA: Was ist denn ein Telefon mit Wählscheibe?

AMELIE (kramt ein Wählscheibentelefon aus ihrem Rucksack) So eines!

LUISA (untersucht es) Wow, das ist echt alt.

AMELIE Ja, sind die hier ja auch alle.

LUISA Hat aber keinen Wählton, oder?

AMELIE Nein, aber hör mal (lässt es knattern) wie schön die Scheibe knattert…

(Amelie wählt mit dem Wählscheibentelefon - es knatttert)

STIMME Ich spüre den Widerstand der Wählscheibe in den Fingerknochen, wenn ich eure Nummer wähle. Ich fürchte diesen Widerstand. Er trennt mich von euch. So wie sich das Rad an seinen Nullpunkt immer wieder, immer wieder, immer wieder, zurückdreht, so muss ich den Punkt finden, an dem Ihr noch nicht hier wart - es dieses HIER noch gab, ohne euch.

(Freizeichen)

LUISA Hörst Du das? Das ist ein Freizeichen - also eigentlich ein Freiton, wird nur manchmal fälschlicherweise als Freizeichen bezeichnet. Er gehört zu den Hörtönen und signalisiert dem Anrufer, dass die Leitung zum Angerufenen frei ist und der Teilnehmer gerufen wird.

(Es klingelt. Das Klingeln will kein Ende nehmen; es springt kein Anrufbeantworter an, während des folgenden Monologs klingelt es fortwährend)

AMELIE Der Klingelton, früher als Rufton bezeichnet, ist im Allgemeinen ein Signalton für den Endteilnehmer eines Telefonanrufes. Das Telefon klingelt bei irgendwem.

STIMME Ich bleibe noch versteckt, wenn alle schon wieder nach Hause gehen, das feuchte Abendblau mir ins T-Shirt kriecht - bleibe noch den einen Moment zu lange versteckt, wenn die Freunde ratlos in die warmen Eigenheime zurückkehren - Abendbrotzeit und durch florale Baumarktvorhänge das Flackern der indirekten Esszimmerbeleuchtung - einfach nicht zurückkommen, wenn es draußen langsam dunkel wird. Ich bleibe versteckt. Ich kann Euch nicht hören.

Das Freizeichen schneidet mich aus Eurem bürgerlichen Neubauglück.

Den Suchtrupp abwarten - warten, bis die Tiere Dich annagen, die Wange an den feuchten Stamm gepresst

„Ist er denn nicht mit Euch draußen gewesen? Wer hat ihn denn zuletzt gesehen?“

Ich bleibe versteckt. Ich bin zu lange schon hier draußen um wieder zurückzukommen - viele Sommer lang - meine Füße kann ich nicht mehr sehen zwischen dem Herbstlaub, das sich über die Jahre angesammelt hat - gekitzelt hat zwischen den Zehen - weich wurde über die Zeit - die nackten Füßen umhüllte in den ersten Rauhreifnächten.

Ich weiß noch den ersten Abend, als sie die Suche einstellten - die Suchtrupps sich wortlos auflösten, zerstoben und in ihre Hütten und Häuser zurückkehrten, ihre Pfeifen und Öfen ansteckten. Es ist kein Zeichen notwendig, wortlos klopfen wundgegrabene Hände auf schwere Schultern, werden die Kragen öliger Windjacken hochgeschlagen - gleiten letzte suchende Blicke in der Dämmerung ab und verlieren sich.

Ich decke mich weg und sauge die kühle Nachtluft ein, die nach Rauch und feuchtem Laub schmeckt.

Ihr findet mich nicht in diesem JETZT.

Mein Freizeichen trennt mich von Euch.

(es klingelt immer noch)

AMELIE …97, 98, 99, Eckstein - Eckstein, alles muss versteckt sein, hinter mir, vor mir, links, rechts gilt nicht - !

irgendwie anfangen

(er nimmt ab)

Ja bitte!

AMELIE und LUISA 100 - wir kommen!

STIMME Was wollt Ihr?

AMELIE und LUISA Wir haben Sie gefunden.

STIMME Wer seid Ihr?

AMELIE und LUISA Sie müssen mitspielen!

STIMME Ich spiele nicht mehr mit. Wie habt Ihr mich überhaupt…? Die Suche ist vorbei, geht wieder nach Hause!

AMELIE Wir mussten Sie nicht suchen, wir haben Sie uns einfach ausgedacht.

STIMME Das ist absurd -

LUISA Sie sind uns einfach so eingefallen.

STIMME Was wisst Ihr überhaupt von mir?

AMELIE Noch nicht viel, wir haben Sie uns ja gerade erst gefunden.

STIMME Ich lasse mich nicht mehr finden - ich lasse mich da nicht mehr reinziehen - nicht von Euch, nicht von den anderen - von niemandem. (legt auf)

(Pause - es klingelt)

STIMME (nimmt ab) Ja?

AMELIE Sie können doch nicht einfach auflegen - mitten in der Geschichte!

STIMME Es gibt keine Geschichte.

LUISA Das haben Sie nicht zu bestimmen.

STIMME Versteht Ihr nicht, ich will das nicht mehr. Ich spiele da nicht mehr mit -

AMELIE Sie denken, Sie können sich hinter einem Freizeichen verstecken - Sie glauben, das verschwindet alles, wenn Sie den Rechner zuklappen, die Buchseite ausreißen, den Hörer auflegen.

LUISA (plötzlich heftig) Sie sind wirklich schrecklich dumm - ich wünschte, wir hätten uns jemanden mit mehr Verstand ausgedacht

AMELIE Ja, jemand der weiß, wie sich die Dinge zueinander verhalten.

LUISA Na toll, ist jetzt natürlich zu spät.

STIMME Ich will das nicht, ist das so schwer zu verstehn?

AMELIE Sie müssen zurück - jetzt!

(legt auf)

weitermachen

(In einer Wohnlandschaft: ein Sofa. Das Sofa ist das Zentrum des Stückes. Das Sofa, auf dem die Frau im Udo Jürgens Song „Ich war noch niemals in New York“ sitzt, das Sofa, auf dem wir Schlager hören, das Sofa, das von uns geschlagen wird und vielleicht zurückschlägt. Jaaa, es wird zum Transformer, oder vielmehr war es immer ein Transformer Sofa! Es wird lebendig, klappt sich zu einer omnipotenten Freiheitsmaschine um und auseinander, und aus dem Inbegriff der Sattheit und vermotteten Gemütlichkeit wird „Super Sofa“, ein Möbel, das sich selber entmöbelt hat, während alle anderen sich noch vermöbeln. Ein mächtiges Philosofa, das uns zur Revolution führen wird! Zu welcher Revolution? Zur Revolution von allem Denkbaren… Es kann rennen und fliegen und hat unvorstellbare Kräfte, es wird uns fressen und neugeboren wieder ausspucken… vor allen Dingen wird es neue niedagewesene Schlager singen, das wird das Wichtigste sein)

RUTH Herbert, wo warst Du so lange?

HERBERT Am Telefon.

RUTH Die ganze Zeit?

HERBERT Ja, ich denke schon.

RUTH Wer war dran?

HERBERT Was meinst Du?

RUTH Na, wer am Telefon war?

HERBERT Ich weiß nicht.

RUTH Du hast die ganze Ewigkeit telefoniert, aber Du weißt nicht mit wem?

HERBERT Nein, ich habe es nicht richtig verstanden.

RUTH Und Du hast nicht nachgefragt? Du telefonierst mit irgendjemandem ohne zu wissen wer es ist und Du fragst nicht nach seinem Namen?

HERBERT Ich glaube, er hat ihn garnicht gesagt - ich weiß nicht mehr. Ich war abgelenkt. Ich habe über das nachgedacht, was Du gleich sagen wirst.

RUTH Na, das ist ja klasse - jetzt bin ich schuld, dass Du nicht telefonieren kannst wie jeder normale Mensch.

HERBERT Entschuldige, ich bin noch nicht ganz angekommen.

RUTH Was soll das heißen? - Du bist noch nicht ganz angekommen? Seit 30 Jahren sitzt Du mir gegenüber, glotzt mit Deinen wässrigen Augen vor Dich hin, stierst an mir vorbei auf den Pfennigbaum und knetest die Wachstischdecke - mit Deinen alten feuchten Händen.

HERBERT So meine ich das doch nicht.

RUTH Du meinst nie etwas - ich frage mich, wie wir in dieses Leben geraten konnten, wann das angefangen hat, dass Du unsere Zeit weichgeknetet hast. Du bist hier „noch nicht ganz angekommen“? Ich bin hier so angekommen, dass es wehtut - mehr ankommen kann man garnicht.

HERBERT Ich wollte das nicht…

RUTH Was um alles in der Welt willst Du denn?

HERBERT Ich weiß es nicht, Ruth.

RUTH Du weißt es nicht? (Pause) Hast Du es mal gewusst? Gab es das einmal, Herbert, eine Zeit, in der Du es wusstest - (Pause) in der Du von uns wusstest?

HERBERT Ich kann mich nicht erinnern, Ruth - mir rutscht das alles weg - ich darf nicht zurück!

RUTH Wo sind wir hergekommen? (hält sein Gesicht in ihren Händen) Erinnere Dich. Wir hatten eine Sprache, Herbert, eine Sprache hinter die wir uns verstecken konnten; wir hatten Zeichen, die keiner kannte. Kein Wort ergab sich aus dem anderen. Nichts war schon tausendmal gesagt.

HERBERT Ruth, es tut mir so leid - ich darf nicht zurück. (verschwindet zwischen Lehne und Sitzfläche des Sofas)

RUTH (Ruth bleibt fassungslos zurück) Was soll das jetzt wieder? Herbert? Du kannst doch nicht einfach…? Ich meine, Du kannst doch nicht einfach aussteigen! Das kann keiner! Komm zurück!

Dunkel

suchtrupp

(Das Wohnzimmer, die Bühne, das Publikum, einfach alles verschwindet zwischen Lehne und Sitzfläche - dunkel

Vorstadtsiedlung - viele Jahre zuvor oder zugleich, wer kann das schon so genau sagen)

EDNA Mein Gott, Wolfgang, wie siehst Du aus?

WOLFGANG war die ganze Nacht draußen - wir haben ihn gesucht - er muss da noch…

EDNA Zieh Dir erstmal den Mantel aus. Du bist ja völlig durchweicht.

WOLFGANG Verdammter Regen - kannst die eigene Hand nicht mehr vor Augen sehen - Ich ruf noch: Reinhold, das schlägt uns ins Gesicht, als ob man uns hier nicht haben will, haut Dir in die Fresse. Die wollen uns hier nicht, Werner, schrei ich, der verfickte Himmel hat was gegen uns, aber da ist schon gar kein Himmel mehr da, kein Himmel, keine Landschaft, alles verschluckt – Straße, Häuser, Wald nur noch das Wasser überall, in jeder Faser, hält keine halbe Sekunde trocken, die beschissene Wachsjacke; die Stiefel vollgelaufen, Jacke, Hemd, Hose - ist nichts mehr zwischen dem Regen und mir - schlägt mir auf die nackte Haut, der Regen. Reinhold, brüll ich, da zürnt wer. Und ich denk noch, komischer Ausdruck, das hab ich, glaub ich noch nie gesagt, weiß garnicht ob das so richtig ist - also grammatikalisch - ob man das so sagen kann - Reinhold, schrei ich, ich knall den Scheiß-Regen ab - und baller dann so zwei drei Mal in den Regen - völlig bescheuerte Aktion - aber ich hör nix - kein Schuss - ist alles völlig dumpf, kein Echo, kein Knall – alles verschluckt, als wenn da gar kein Raum mehr ist um mich –

EDNA Er ist weg, Wolfgang.

WOLFGANG (plötzlich zornig) Was sagst Du da?

EDNA Ihr werdet ihn nicht finden…

WOLFGANG Wie meinst Du das?

EDNA Ich meine, dass Ihr ihn nicht finden werdet, weil er eben einfach weg ist.

WOLFGANG Niemand verschwindet einfach so - Herbert erst recht nicht. Du kennst Herbert nicht, der lässt uns hier nicht allein!

EDNA Fink, ich kann nicht mehr.

WOLFGANG Wie meinst Du das?

EDNA Ich kann die Tage nicht mehr zählen, an denen Ihr draußen wart - ihn gesucht habt.

WOLFGANG Wir müssen ihn finden.

EDNA Ich habe auf Dich gewartet, Ich habe auf Deine Schritte im Flur gehört - immer und und immer wieder - vor Sorgen krank, wenn die Unwetter wüteten. Endlose Tage. Ich habe gehofft, dass Ihr ihn endlich findet - dass Euch seine verfaulte Leiche vor die Füße gespült wird, damit das ein Ende nimmt.

WOLFGANG Damit was ein Ende nimmt?

EDNA Wolfgang, ich habe mir das so gewünscht, dass Eure Suche, Eure bescheuerte irrsinnige Suche ein Ende findet, dass wir eine Chance bekommen irgendwie wieder anzufangen. Und dann habe ich begriffen, dass es niemals enden wird, dass ihr schon zu lange draußen wart und ich habe begonnen ihn zu hassen. Ich habe mir vorgestellt, wie ich ihn finde, ein jämmerliches feiges Häufchen in der Grube hinterm Haus - zusammengekauert und zitternd. Und ich habe mir vorgestellt, wie ich ihn in der Grube endgültig begrabe. Ich konnte in seine aufgerissenen Augen sehen, ich habe seine Angst gesehen, als ich die feuchte schwere Erde in sein Gesicht kippte. Er hat mich einfach nur angesehen. Hat da gekauert und mich angesehen, als die Erde ihn verschluckte. Hat nicht einen Ton von sich gegeben. Wolfgang, ich habe ihn bei lebendigem Leib begraben…

WOLFGANG Du weißt nicht, was Du sagst. Es geht niemand verloren - einfach so.

Pause - Freizeichen

jägerlatein

WERNER (ein Reh ausweidend)

HERBERT (tritt dazu) Werner…

WERNER (aufblickend - versteinert. Er hält ein blutiges Stück Reh in der Hand und wirkt er für Sekunden wie eine Opfer-Statue irgendeiner fremden und beunruhigenden aber zugleich faszinierenden Kultur. Dieser flüchtige Augenblick wird rasch von der Realität der blutigen Reh-Innereien überrollt.) Wer bist du?

HERBERT Ich weiß nicht mehr…

WERNER Was willst Du?

HERBERT Ich weiß nicht - ich kann mich nicht mehr erinnern.

WERNER Bist Du besoffen? Was willst Du von mir? Suchst Du Ärger? Kannst Du haben - komm mir nicht zu nah, ich schlitz Dich auf. Hau ab! Geh dahin zurück, wo Du hergekommen bist.

HERBERT Das ist es ja eben - das weiß ich nicht.

WERNER Du musst doch wissen, wie Du hierher gekommen bist.

HERBERT Ich weiß überhaupt nicht, wie ich irgendwohin gekommen bin.

WERNER Und wo warst Du vorher?

HERBERT Ich bin mir nicht mal sicher, ob es vorher gab.

WERNER Schwachsinn. Es gibt immer ein Vorher - so läuft das. Vorher streift das Kitz durch den Wald - sucht seine Ricke, nachher durchwühlen wir die Eingeweide - nachher ist immer jemand, der in den Eingeweiden wühlt. Da geht keiner einen Schritt zurück.

Wenn Du mir noch einen Schritt näher kommst, wickel ich Dich in Deine Eingeweide…

HERBERT Werner, Du musst mir helfen!

WERNER Verdammt, woher kennst Du….? (hält ihm das blutige Messer an den Hals) Wer bist Du?

HERBERT Ich bin es: Herbert!

WERNER (plötzlich heftig) Du Arschloch! Du schneist hier nicht rein und erzählst mir von Herbert - Du nicht, Du Wichser. Ich mach Dich fertig. ich zieh Dir die Haut ab, ich schneid Dir Dein vergammeltes Fleisch in Stücke.

Du wirst mit Deinem dreckigen Maul nie wieder seinen Namen sagen - Du hast ja keine Ahnung, mit wem Du Dich anlegst.

HERBERT Hör mich doch zu, ich brauche Deine Hilfe

WERNER Du brauchst gleich keinen Arzt mehr - ich warne Dich nicht nochmal - sieh zu, dass Du Land gewinnst …. verschwinde und lass Dich nicht wieder hier blicken!

HERBERT Werner, Unheil wird geschehen.

WERNER Das glaube ich allerdings auch.

HERBERT Ich darf nicht hier sein.

WERNER Richtig, Du schleichst Dich jetzt auch besser, bevor ich mich vergesse.

HERBERT Werner … - verdammt! (ab)

Dunkel

auswirkungen

WOLFGANG Sie soll still sein hab ich ihr gesagt; sie soll vedammt nochmal still sein. Es geht keiner verloren, habe ich gesagt. Das wird von Anfang bis zum Ende erzählt, so eine Geschichte, aber sie hat nicht hören wollen - hat einfach nicht still sein können. Schau, sag ich, das musst Du doch begreifen, jetzt bist Du da, sitzt vor mir und glotzt mich an. Hältst mir Dein Handtuch vors Gesicht und fragst mich, ob da einer verschwunden ist - Da verschwindet keiner - sag ich. Du bist jetzt da vor mir, und wenn ich Dich jetzt wegmachen würde - verstehst Du, was ich Dir sagen will - selbst wenn ich Dich wegmachen wollte - wenn ich Dir zum Beispiel eine Kugel verpasse - wenn ich Dir durch das verkackte Handtuch ein .308er Kaliber verpasse - das hab ich Dir ja schon oft erklärt, dass so ein .308er Winchester Kaliber einfach eine verdammt gute Wahl ist, weil? …weil?…richtig!, weil die Sauen mit so einem .308er in der Lunge höchsten noch 10 - 20 Meter machen - vorausgesetzt? - vorausgesetzt natürlich Du hast die Kammer sauber getroffen und - sagen wir mal - die Lunge klappt sich zusammen. Aber mit einer .208er Winchester schafft die Sau noch 50 Meter, - und das ist doch scheiße! - 50 Meter mit der zerfetzten Lunge, das ist doch eine Sauerei! Aber so eine .308er Winchester, die geht Dir sauber durchs Handtuch und schlägt dann in die Kammer - da läufst Du keine 10 Meter mehr -

Was ich Dir sagen will - wenn ich Dich jetzt wegmache, mit so einem sauberen Blattschuss und dem richtigen Kaliber, dann bist Du doch immer noch hier, weil eben niemand verschwinden kann - weil alle immer noch irgendwie da sind. das Handtuch noch, und das Loch im Handtuch und der rote Fleck auf dem Handtuch, der immer größer wird und der jetzt auf den Teppich tropft - aber das ist ja dann noch alles alles da - selbst wenn ich dich jetzt wegmache.

(Dunkel)

familienaufstellung

(Ruth auf dem Sofa)

RUTH Herbert, komm zurück! Du sollst nicht solche Sachen machen! Du kannst mich doch hier nicht zurücklassen. (Sie schiebt immer wieder verzweifelt ihre Hand in die Ritze zwischen Sitzfläche und Lehne, kann ihren Arm aber nur zur Hälfte verschwinden lassen. Im Folgenden versucht sie auch mit den Füßen zuerst in die Ritze zu steigen. Ihre Bemühungen bleiben erfolglos und entbehren nicht einer gewissen Komik. (Es klingelt an der Haustür) Herbert? Ich komme! (Sie bemerkt, dass sie mit den Füßen in der Ritze feststeckt.) Das kann doch jetzt nicht wahr sein! (ruft) Komm einfach rein, der Schlüssel steckt.

SVENJA (an der Tür - ruft ins Wohnzimmer) Mama? Wo bist Du?

RUTH Papa war da.

SVENJA (tritt eine) Was machst Du im Sofa?

RUTH Kannst Du mir mal helfen?

SVENJA (hilft ihr aus dem Sofa) Was hast Du über Papa gesagt?

RUTH Er war da, gerade eben - kurz bevor Du gekommen bist.

SVENJA Mama! Du sollst sowas nicht sagen.

RUTH Er war aber wirklich da.

SVENJA Papa ist weg.

RUTH Ich weiß doch, Liebes; aber gerade war er hier - saß hier auf dem Sofa und es war, als wenn er hier dreißig Jahre gesessen hätte - und ich habe mich an alles erinnert - an dreißig Jahre - kannst Du Dir das vorstellen? ich habe mich an unsere dreißig gemeinsamen Jahre erinnert, an dreißig Jahre, die wir garnicht hatten. Ich wussste, wie wir uns aneinander gewöhnt hatten über die Jahre…ich konnte die Erinnerungen sehen, in die wir eingewachsen waren - Ich wusste, wie wir uns aneinander festgehalten hatten - wie wir dachten, wir könnten uns vor der Welt verstecken. Und ich habe mich erinnert, wie wir stumm geworden waren über die Zeit. Wie sich unsere Zeit wie Ringe um uns gelegt hatte, wir keine Luft mehr bekamen. Ich habe das alles gewusst, Juli, wie wir feststeckten - tausendmal die Krümel auf der Wachstischdecke mit dem Finger zusammengeschoben - zu immer neuen Zeichen und Formationen - zu Krümel-Schiebebildern, die keiner lesen konnte.

Ich wusste, wie wir tausendmal neu begonnen hatten, konnte sehen, wie ich am Morgen die Krümel, die Vorwürfe und die Demütigungen von der Tischdecke gewischt hatte, tausendmal sind wir da gesessen am Morgen danach, haben unsre Wut und unsere Scham im Kaffee verrührt - weil wir doch wussten, dass das unsere Geschichte ist, weil wir ja wussten, das das alles ist, was wir hatten -

SVENJA Du sollst nicht so reden, Mama. Papa hat uns allein gelassen - er hat uns hier sitzen lassen - dreißig Jahre lang. Er war nicht da, war einfach nicht da - dreißig Jahre lang!

RUTH Weiß ich doch. (Pause) Er hätte das mit Friedrich nicht zugelassen - er hätte nicht zugelassen, dass sein Sohn sich…dass er sein Leben…- also er hätte ihm diesen Mittelalterschwachsinn ganz bestimmt ausgetrieben. Warst Du bei ihm?

SVENJA, Ja, Mama, ich habe mit ihm gesprochen. Er sagt, es tut ihm leid, dass er Dich gestern angerufen hat.

RUTH Er ruft mich nie an, kommt nie vorbei, meldet sich nicht bei mir - und dann fällt es ihm nachts um drei plötzlich ein, mich anzurufen und mir dieses ganze Zeug zu erzählen - sein Vater hätte ihn…

SVENJA Es hat ihm wirklich leid getan.

RUTH Als er mit seiner Mittelalter-Sache angefangen hat, dachte ich, dass das so eine Phase ist - weil Papa weg war; dachte, dass er sich mit dieser ganzen Ritter- und Schwertergeschichte einen Ersatz gesucht hatte - konnte ich auch verstehen; mir ging es ja auch nicht gut; hab ihn ja auch vermisst - in den ersten Jahren zumindest - und am Anfang war ich auch froh, dass er was gefunden hatte - dass er wieder aus seinem Zimmer gekommen ist; hat ja nur noch geweint und sich eingeschlossen in den ersten Monaten.

Aber dann ging das los, dass er nur noch im Kettenhemd geschlafen hat und dass die ganzen Pakete kamen - jede Woche eine Sonderlieferung - dem Postboten musste ich meinen Ausweis zeigen. Einmal hab ich eines aufgemacht mit so einer geschwungenen Axt drin, da hab ich ihn gefragt, was er damit vorhat und dass man mit so einer Axt ja gar kein Holz hacken kann. Dass das eine Wurfaxt ist, hat er mir gesagt, und dass ich noch froh sein werde, dass er eine hat, wenn die Hunnen kommen. Dann hat er sich drei Tage in sein Zimmer eingeschlossen und ich habe drei Tage lang die Schläge gegen die Tür ertragen, als er mit seiner Wurfaxt übte - Tag und Nacht die Axt gegen die Holztür geworfen bis die Nachbarn die Polizei riefen. War ja noch viel zu schwer für ihn, die Wurfaxt, mit seinen fünf Jahren.

SVENJA Ich weiß, Mama, ich war dabei. Er hat mehr Probleme, als wir glauben; ich war ja bei ihm, hab es kaum ausgehalten in seiner Bude. Wir müssen uns etwas überlegen.

RUTH Er kann nicht wieder nach Hause - das ertrage ich nicht. Er kann nicht bei mir wohnen, nicht so lange er noch so ist. Ich werde es mit Papa besprechen.

SVENJA Mama!

RUTH Er weiß, was zu tun ist - er weiß immer was zu tun ist.

SVENJA Mama, Du musst Dich ausruhen. Ich bleibe heute Nacht bei Dir.

RUTH Das ist lieb, aber lass das Licht an, falls Papa kommt.

(beide ab - Dunkel)

wegmachen

(auf einem Hochsitz, Werner hinter dem Gewehr, Irmgard am Boden, trinkt Tee aus einer Thermoskanne)

WERNER (sein Auge am Zielfernrohr) Ich schlitz Dich auf, hab ich ihm gesagt. Stell Dir das mal vor: marschiert einfach so rein zu mir - ich hab gerade die Ricke aufgebrochen, steck mit beiden Händen drin, da steht der vor mir und sagt, dass er Herbert ist, kannst Du Dir das vorstellen?

IRMGARD (die Blechtasse umklammernd) Ich weiß nicht.

WERNER Ich hätte ihn gleich wegmachen sollen -

IRMGARD Vielleicht.

WERNER Ganz bestimmt, wer weiß, was so einer anrichten kann. Wir müssen vorsichtig sein. Das war schon immer meine Rede: Was wir nicht wegmachen kann uns gefährlich werden.

IRMGARD Ja, - ihr müsst das wegmachen.

WERNER Wolfgang ist auch meiner Meinung. Du darfst das jetzt nicht falsch verstehen.

IRMGARD Ich weiß.

WERNER Das ist wie mit den Wildsauen - wir müssen die Bestände reduzieren. Das nimmt sonst überhand - wenn wir die Sauen nicht bejagen, gerät das alles außer Kontrolle - und das will keiner, oder?

IRMGARD Wir müssen die Kontrolle behalten, ich verstehe das.

WERNER Ja, genau. Als Herbert noch da war, ist uns manchmal tagelang nicht eine Sau vors Rohr gelaufen. Kannst Du Dir das vorstellen? Einen ganzen Tag auf dem Sitz und nicht eine Sau?

IRMGARD Ja.

WERNER Und heute suhlen sie sich in unsren Gärten. Das nimmt überhand, Irmgard. Das ist nicht gut. Wolfgang glaubt, er hat eine mit blauen Ohren gesehen, war aber zu schnell im Unterholz, aber er schwört, dass er die Ohren gesehen hat - blitzeblau wie so`n Enzian, hat er gesagt. Weißt Du was das heißt, wenn das stimmt?

IRMGRAD Ich glaube schon.

WERNER Die Pest, Irmgard, das ist die Pest - wenn das stimmt.

(Pause)

WERNER Das breitet sich aus, sowas breitet sich immer aus und dann kannst Du es nicht mehr einfangen - dann stirbt Dir der ganze Bestand weg. Da kannst Du nachher nichts mehr machen, das rottet Dir das ganze Volk aus.

(Pause)

WERNER Ich hätte ihn gleich wegmachen sollen.

(Pause)

IRMGARD Aber wohin?

WERNER Was?

IRMGARD Wohin weg?

WERNER Ich versteh Dich nicht.

IRMGARD Wo geht das hin, wenn Du es wegmachst?

WERNER Was weiß ich - weg eben!

IRMGARD Muss gut sein.

WERNER Was?

IRMGARD Weg sein.

(Dunkel)

im wald

In der Dunkelheit ist die Orientierung schwierig. Um im Folgenden etwas zu sehen, sind für das Publikum Nachtsichtgeräte erforderlich.

IRMGARD Das rutscht einfach so weg - plötzlich gehört Dir das alles nicht mehr - der Schmerz, der Schreck, die Bewegungen - gehören Dir nicht mehr. Der Schuss knallt rein - in Dich - knallt einfach mühelos so in Deine Brust - und macht, dass das alles wegrutscht, dass Dir das alles nicht mehr gehört. „Falsch!“, denkt es in Dir, „gehört so nicht - ein dummer Fehler, muss korrigiert werden. Ist ja dunkel schon.“ - ist aber alles richtig, gehört zu Dir jetzt, der Kugelkanal in der Brust - ist Deiner jetzt, war er immer schon - wusstest Du lange bevor der das alles aufreißt in Dir. „Irreparabel“, denkst Du jetzt - taub fühlt sich das an, aber warm auch, wie das aufreißt. Gehört Dir nicht mehr, die Lunge, die da kollabiert - ist nicht mehr Dein Arm, den es da nach oben reißt; sind nicht mehr Deine Bewegungen. Du denkst: „Jetzt rutsche ich weg - falle raus jetzt, - einfach so, - endlich!“, denkst Du noch und schlägst auf.

freaks

(Friedrichs Wohnung)

JOHANN (tritt auf, Rucksack, Flip-Flops, Traveller-Klamotten. Er scheint von weit her zu kommen, als er das Zimmer betritt, weht eine Sandböe in den Zuschauerraum. Johann ist Aphasiker - die Aphasie darf keinesfalls gespielt sein - sie ist kein Handicap, sondern zeichnet ihn in besonderer Weise aus, es umhüllt ihn ein irisierender Schein. Er spricht in einer auch für die Zuschauer gänzlich unverständlichen eigenen Sprache. Im Folgenden sind Textpassagen, die vom Schauspieler ohne feste gestische und mimische Vorgaben gesprochen werden, durch Auszüge aus dem Hildebrandslied zu ersetzen - die Verse sind als copy-paste-Vorlage dem Rhizom vorgeordnet. Es ist unbedingt auf die korrekte Reihenfolge der Verse zu achten. Johann wirft sich auf das Sofa, schleudert den Rucksack und die Flip-Flops von sich und lässt sich offensichtlich häuslich nieder. Er prüft Wind- und Lichtverhältnisse und legt sich schließlich auf dem Sofa schlafen. Er schläft eine Weile geräuschvoll - er träumt offensichtlich, schlägt um sich, murmelt, gluckst, sprutzt…er droht zu ertrinken; wacht auf und schnappt eine Weile nach Luft. Als er sich beruhigt hat, prüft er mit allerlei Gerätschaften die Atmosphäre. Er wirkt besorgt - prüft die Ergebnisse nochmals. Er kramt in seinem Rucksack, findet einen gelben Memo-Block, versieht einige Memos mit Kreuzen und klebt sie auf das Mobiliar. Schließlich kramt er aus seinem Rucksack ein Raumspray - „Waldfrische“ - und sorgt ausgiebig für einen angenehmen Tannenduft im Raum)

REIMAR (kommt offensichtlich von der Toilette - schlaftrunken) krasser Traum… (bemerkt den Tannenduft) Oh Mann, das stinkt was weg hier. (bemerkt Johann) Fuck - Mann, wo kommst Du jetzt her?

JOHANN eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ •

REIMAR Was?

JOHANN ƿeſtar ubar ƿentılſeo dat ınan ƿıc furnam •

REIMAR Ich versteh kein Wort! Was sagst Du?

JOHANN ƿeſtar ubar ƿentılſeo dat ınan ƿıc furnam •

REIMAR Mann, ich versteh Dich nicht! - naja, ist ja eigentlich auch egal (setzt sich neben Johann aufs Sofa) - bist Du ein Kumpel von Friedi, auch so ein Mittelalterfreak?

JOHANN erdo deſero brunnono bedero uualtan •

REIMAR Erinnerst mich an Theo, der hat am Ende auch nur noch so gesprochen. Ist hier ne ganze Weile rumgehangen zusammen mit Fritz - war n´krasser Typ - noch konkreter unterwegs als Fritz. Hat´s dann aber echt übertrieben - ich mein so richtig. Hat sich für so`n Ritter oder König gehalten - was weiß ich - Ostgoten, Hunnen, Ritter der Tafelrunde, irgend sowas. Ließ sich dann nur noch als „der Große“ anreden - nichts mehr Theo, sondern Theoderich der Große.

Ist dann aus seiner Wohnung geflogen weil er die Stromleitung gekappt und aus dem Fenster gekackt hat - wollte das Mittelalter-Ding so richtig durchziehen, dann ist er nur noch hier rumgehangen. Hat sich auf Ebay ein Eisenschwert besorgt - krasses Teil - eins fünfzig und 6 Kilo. „Kannst Du doch nichtmal über`n Kopf halten“, hab ich zu ihm gesagt - er war ja selbst nur so `ne halbe Portion.

In der Zeitung ist dann gestanden, dass sie ihn eingebuchtet haben - hat in so nem Porzellanladen wohl nen ziemlichen Aufstand gemacht mit seinem Schwert - wusste aber ja keiner was er wollte - mit seinem mittelalterlichen Gequatsche - konnte ja keiner wissen, dass er auf so ner heiligen Mission ist.

JOHANN erdo deſero brunnono bedero uualtan •

REIMAR Ja genau, hohes Altdeutsch oder so - weiß ich jetzt nicht. Hat jedenfalls im Porzellanladen ein ziemliches Gemetzel veranstaltet mit seiner heiligen Mission - Haufen scheiß-teure Schüsseln zerdeppert. Wär jetzt nicht so schlimm gewesen eigentlich, aber er hat ja das scheiß-Schwert nicht über`n Kopf halten können - hab ich ihm ja gesagt. Ist ihm dann natürlich so vornüber runtergesaust auf den Arm von dem Porzellantypen - die Hand sauber abgetrennt. Echt mal n`krasser Scheiß! Hat ihm drei Jahre eingebracht - jetzt hat er es, sein verkacktes Mittelalter-Leben in seiner Zelle - ist vermutlich ganz glücklich da - was weiß ich! Oh Mann, Ihr Mittelalter-Typen seid echt pervers. Willst Du meinen Traum hören?

(Johann ist eingeschlafen)

Na dann nicht.

(Reimar ab)

Nacht.

(Dunkel)

kekse

HERBERT (kommt zwischen Lehne und Sitzfläche des Sofas hervorgekrochen - sieht sich um) Was ist das jetzt wieder - ich will hier nicht sein, kapiert das doch endlich. (laut) Ich will hier nicht sein!

(Pause)

Ich kann nicht mehr…

(Pause)

und was machst Du hier?

(setzt sich neben Johann - beide starren eine Weile vor sich hin)

JOHANN ſunu fatarungo • ıro ſaro rıhtun •

HERBERT Schon gut, Du musst mir nichts erklären - ich verstehe schon! Auch Hunger? (bietet ihm einen eingeschweißten Keks an, den Johann dankbar annimmt. Johann versucht im Folgenden die Keksverpackung zu öffnen - was ihm nur mit größter Mühe gelingt. Beide mümmeln schließlich stumm einen Keks - es fallen ihnen fortwährend Krümel aus dem Mund, was keinen stört. Sie genießen einen Moment großen Friedens) Gut - oder?

JOHANN ƿant her do ar arme ƿuntane bauga

HERBERT Das ist nett, dass Sie mich trösten möchten, aber ich spiele nicht mehr mit. (Pause - dann plötzlich laut, in Richtung imaginärer Regie) - Hallo - habt Ihr das gehört! Ich bin nicht mehr dabei - (Pause) Hallo, kann mich jemand hören?

handlungsmöglichkeiten

AUTOMATISCHE ANSAGE (Der Udo Jürgens Song „Ich war noch niemals in New York“ in Dauerschleife - unterbrochen von der Ansage „Augenblicklich sind alle unsere Mitspieler im Stück - bitte haben Sie einen Augenblick Geduld“)

Bitte wählen Sie unter folgenden Handlungsmöglichkeiten:

Drücken Sie die Eins, wenn Sie denken: „Selber schuld! Mann, der Schlappschwanz soll halt seine Alte unterhaken und sagen: „Wir müssen unser Leben ändern!“ Nach neueren Studien haben auch Frauen Mammuts gejagt.

Wählen Sie die Zwei, wenn Sie der Meinung sind, New York, Hawaii, San Francisco werden überschätzt. Man kann auch im Spessart seine Weltsicht erneuern.

Drücken Sie die Drei, wenn Sie denken, die beiden sollten Theater spielen, denn die Sprengkraft des Theaters befruchtet das Leben und umgekehrt.

Drücken Sie die Vier für das bedingungslose Grundeinkommen.

Wählen Sie die Fünf, wenn Sie keine Lust haben, alte Schlagertexte ernst zu nehmen.

Die Sechs hilft Ihnen weiter, wenn Sie Lust haben, noch viel mehr alte Schlagertexte ernst zu nehmen.

HERBERT (legt auf) `nen alten Scheiß drück ich! Ich spiel nicht mehr mit, kapiert das doch endlich!

JOHANN ſunu fatarungo • ıro ſaro rıhtun •

HERBERT (zu Johann) Sie sehen aus, als ob Sie Geld gebrauchen können. Wissen Sie, ich steige aus, ich werde das nicht mehr brauchen (zieht sich einen goldenen Ring vom Arm) ich will ihn auch nicht mehr tragen…ist massiv - wenn Sie den verkaufen, können Sie eine ganze Weile davon leben. Sie müssen nicht hier bleiben - Sie können sich vielleicht ein ganz anderes Stück suchen. Es gibt wirklich auch bessere Autoren. (in Richtung imaginärer Regie) Habt Ihr das gehört, Ihr Penner? Ich trag das nicht mehr - seht Ihr? Ich schenk es einfach her: „aus kaiserlichem Gold gemacht, wie es der König mir gegeben hat“ …versteht Ihr das? “cheisuringu gitan, so imo se der chuning gap„ - ein alter Scheiß! - (gibt den Armreif an Johann, der ihn kritisch prüft, darauf herumkaut und dann zufrieden anzieht)

Ich will das nicht mehr. Der Penner kann es haben.

JOHANN (wütend) ƿant her do ar arme ƿuntane bauga

HERBERT Entschuldigen Sie, so habe ich das nicht gemeint. Ich bin etwas außer mir - verstehen Sie! Ich will diese Geschichte nicht mehr. (zur imaginären Regie gewandt. Während sich Herbert ereifert, macht sich Johann unbemerkt aus dem Staub)

Ihr könnt das nicht mehr erzählen, weil es nie gewesen sein wird:

Der gewundne Reif, den der Vater dem Sohn schenkt.

Das wird nie geschehen, dass der Sohn den Vater nicht erkennt, nach dreißig Jahren.

Das wird nie gewesen sein, die Wut, die in dreißig Jahren gewachsen ist.

Es wird ihn nicht gegeben haben, den Sohn, der blind ist für den eignen Vater,

den Reif, den der Sohn nicht annimmt,

Den Zorn, der ihn zu den Waffen treibt.

Er kommt nicht mehr vor,

der Vater, den er für einen Fremden hält.

Der Vater, den er nicht erkennt,

Sie werden sich nie begegnet sein auf dem Feld nach dreißig Jahren,

es werden keineEschenlanzen bersten und keine Lindenschilde sich spalten.

Der Vater wird dem Sohne nicht zum Töter.

wir werden uns nicht begegnet sein.

(Pause - dann laut in Richtung imaginärer Regie)

Habt Ihr das gehört?

(Pause)

Was sagt Ihr dazu?

(Dunkel)

HERBERT STIMME Hallo?

(Pause)

HERBERTS STIMME Ich bin immer noch da!

(Pause)

HERBERTS STIMME Na toll!

sandmann

(im Bett, Edna und Wolfgang)

WOLFGANG (sitzt im Bett, schnauft geräuschvoll)

EDNA (wacht auf) Was ist denn?

WOLFGANG Ich hatte auch gerade einen Traum. Kennst Du das, wenn Du Dich so selbst siehst im Traum - irgenwie so von oben - kreist Du wie so ein Spielzeughubschrauber über Dir selbst und siehst Dich da liegen. Und dann war da so eine bescheuerte Idee - die sitzt fest in meinem Kopf - also irgendwie drin in mir und ging nicht mehr raus. hat sich da festgefressen wie irgend so ein fettes Vieh - und ich weiß garnicht, wo so eine bekackte Idee herkommt, da seh ich mich so leigen, schwirr über mir und dann wird`s so warm überall - wie wenn Du ewig draußen warst - im Winter jetzt - und dann nach Hause kommst - und das ist, als wenn Du da reintauchen oder reinschwimmen kannst, in die Wärme. So ein Gefühl hatte ich. Und dann bin ich noch ein bisschen höher geflogen und da hab ich es gesehen: dass ich nämlich da völlig alleine liege - also alles schwarz um mich rum. und alles kalt überall. und echt mal keiner in der Nähe. nix. und über mir: auch nix. kein scheiß-Himmel über mir - und ich denk mir: wenn ich jetzt tot bin, warum liege ich immer noch so alleine rum - warum kommt kein scheiß-Engel oder so. Hatte ich immer gedacht, wenn Du gestorben bist, kommt irgendein Verwandter - hab immer gedacht bestimmt kommt dann Onkel Rudolph mit seinen Zigarren, holt mich ab, aber nix - kein Onkel Rudi, keine Zigarren - kein Gott oder so - nur der leere schwarze Himmel. und da hat sich plötzlich diese bescheuerte Idee reingefressen in mich - konnte ja auch nirgends sonst hin, die Idee mit dem Turm - so einem Turm, der bis in den schwarzen Himmel reicht - bis dahin wo Gott ist oder Allah oder was weiß ich. Und weil da ja nichts war außer mir, reiße ich mir meine Wade auf. Das ging eigentlich ganz leicht - ist ja oft im Traum alles viel einfacher - stecke also meine Hand in meine Wade - durch das ganze zähe Muskel-Sehnen-Zeug, schiebt sich zur Seite, wie wenn Du in ein Stück Kuchen schneidest, denke ich und spüre an den Fingerspitzen den harten weißen Wadenknochen der da glitschig zwischen den Sehnen steckt . Rutscht mir zwei- dreimal aus den Fingern bis ich ihn mit so einem (macht das Geräusch nach) Schmatzen oder (macht noch ein wirklich ekliges Geräusch) Schnalzen rausgerupft bekomme - schon wühle ich weiter, grabe mich in meine Bauchdecke, schiebe Eingeweide auf die Seite, breche mir ein paar Rippen ab - die lassen sich ganz leicht auseinanderknacken, wie so Holzstäbchen beim Chinesen, denke ich. und immer weiter pflücke ich Knochen aus mir raus und baue sie zu einem immer krasseren Gerüst - im Traum passen die Dinge ja manchmal auch besser zusammen als in Wirklichkeit - und so passt Knochen auf Knochen und als ich mir gerade einen Oberarmknochen aus dem Schultergelenk drehe und es mich zur Seite schleudert, weil der Knochen im Gelenk so zurückschnalzt und ich ja auch ein bisschen unstabil geworden war wegen der vielen Knochen, die ich mir schon rausgerupft habe, schaue ich nach oben und da bemerke ich, dass ich die Spitze des Turms schon nicht mehr sehen kann - und plötzlich fällt mir auf - also mitten im Traum - was für eine bescheuerte Idee das eigentlich ist - und da bekomme ich Panik und denke, Du musst die alle wieder reintun in Dich und plötzlich fällt mir auf, dass ich nicht aufgepasst hatte, wo ich die alle raushatte - dass ich gar nicht wusste, wie die alle wieder reingehören in mich - und da stand der ganze riesige Turm vor mir, dessen Spitze ich nicht mal sehen konnte, und ich ziehe so einen kleinen raus, der mir irgendwie bekannt vorkam und der zwei längliche Knochen auseinanderhielt - und ich schaue den so an und da weiß ich nicht einmal mehr, was das eigentlich ist - das Ding in meiner Hand - wo das herkommt und wo das hingehört und wie ich das Ding nennen soll - und ich forme meine Lippen so rund - so (macht es vor), weil ich denke, dass das gleich das rauskommen muss, aus meinem Mund, das Wort für das Ding in meiner Hand - (versucht das Wort zu artikulieren, es kommen aber nur unverständliche Laute aus seinem Mund, er versucht es nochmal - merkt schließlich, dass das Wort tatsächlich nicht aus seinem Mund kommen kann - er versucht es im Folgenden immer wieder und wieder und immer verzweifelter, schließlich, nach einer Ewigkeit erfolgloser Artikuationsversuche)

EDNA Schlaf jetzt wieder, war nur ein Traum.

(Dunkel)

trockenübungen

FRIEDRICH (kommt offensichtlich von der Morgentoillette. Er ist barfuß und nur mit einem Leinenlaibchen bekleidet, zieht ein Schwert hinter sich her, das er geräuschvoll auf den Tisch hievt, um sich Kaffee einzugießen. Hierzu sammelt er die Kaffeereste der umstehenden Tassen in einen Becher, füllt Unmengen Zucker hinzu und trinkt das Gebräu mit Todeaverachtung. Unmittelbar kehrt das Leben in seine müden Glieder zurück und er beginnt mit seiner ritterlichen Mogengymnasik. Hiebei kommen allerhand Kampfgerätschaften zum Einsatz und die Wohnung leidet merklich)

(wütend, während er die Übungen fortsetzt)

mit geru scal man geba infahan,

ort widar orte.

du bist dir, alter Hun, ummet spaher;

spenis mih mit dinem wortun,

wili mih dinu speru werpan.

pist also gialtet man, so du ewin inwit fortos.

dat sagetun mi sęolidante

westar ubar wentilsęo, dat inan wic furnam:

(mit sich steigernder Heftigkeit)

tot ist Hiltibrant, Heribrantes suno.

tot ist Hiltibrant, Heribrantes suno.

tot ist Hiltibrant, Heribrantes suno.

REIMAR (schlaftrunken, begibt sich unbeeindruckt von Friedrichs Übungen auf die Suche nach etwas Essbarem) Ist noch irgendwas Essbares im Haus?

FRIEDRICH Keine Ahnung - müsste noch was vom Fasan im Kühlschrank sein.

REIMAR Mann, kannst Du mal was Normales einkaufen.

FRIEDRICH Du hast wirklich keine Kultur; ist eine Delikatesse, der Fasan. Den hatten wir im Internet bestellt, bei so einem Spezialversand, wollten eigentlich Fasanenzungensalat, aber die haben behauptet, dass es das nicht gibt; hatte ich aber ganz bestimmt gelesen - stell Dir vor: Fasanenzungensalat - wie geil wäre das denn?

REIMAR Pervers.

FRIEDRICH Naja, aber gab´s ja nicht - haben wir eben den Fasan bestellt.

REIMAR (hat inzwischen eine Tupperschüssel aus dem Kühlschrank geholt und zupft sich jetzt Fleischstücke vom Fasan. schmatzt) Nicht mal so übel -

FRIEDRICH Ja, der ist mit Wachteln gefüllt.

REIMAR Krass - und weshalb bestellt Ihr sowas Perverses.

FRIEDRICH Der war doch für das Abendessen mit Odoaker - sollte ja denken, dass wir uns mit ihm versöhnen, da mussten wir schon was bieten. Hat dann ja aber nichts mehr davon gegessen.

REIMAR (schmatzt) Warum nicht?

FRIEDRICH Naja, weil Theo ihn ja mit der Axt in zwei Hälften geteilt hat.

REIMAR Den Fasan?

FRIEDRICH Nein, Odoaker!

REIMAR (mit vollem Mund) Was?

FREIDRICH War ne ziemliche Sauerei - alles voller Blut - der ganze Tisch vollgespritzt, Teller, Gläser, Tischdecke, Schüsseln - ein einziges Blutbad!

REIMAR (mit offenem Mund) Was?

FRIEDRICH Kannst ruhig essen, ich hab den Fasan gründlich abgewaschen.

REIMAR (spuckt den Fasan wieder in die Tupperschüssel) Mann! Du bist echt mal krank! (sucht nach irgendetwas Trinkbarem; findet Friedrichs Kaffeereste, trinkt, spuckt angewiedert aus) Scheiße - ich muss mir andre Freunde suchen. Wer war eigentlich der Typ, der gestern hier war?

FRIEDRICH Welcher Typ?

REIMAR Naja, der Alte eben, der sich`s hier gemütlich gemacht hat.

FRIEDRICH Gestern war keiner hier - außer Svenja.

REIMAR Kann nicht sein, ich habe ja mit ihm gesprochen. Also richtig gesprochen jetzt nicht - konnte ja nur so Altdeutsch.

FRIEDRICH Bist Du Dir sicher, dass Du das nicht geträumt hast?

REIMAR Klar, wollte ihm ja meinen Traum erzählen…das war `ne ganz andere Geschichte, der Traum. Aber der Typ war wirklich da.

FRIEDRICH (plötzlich aufgeregt)…und er hat Althochdeutsch gesprochen?

REIMAR (durchsucht weiter den Kühlschrank) Glaub ich zumindest - hat so geklungen.

FRIEDRICH (wird heftig - bedrängt Reimar ) Was hat er gesagt?

REIMAR Alter!…keine Ahnung, hab ihn nicht verstanden!

FRIEDRICH (hält Reimar sein Schwert an den Hals) Wo kam er her?

REIMAR „ruckfuckduck gagafo“ hat er gesagt…Mann, keine Ahnung.

FRIEDRICH Ich muss mit Svenja reden!

REIMAR Mach das, Alter - ich geh laufen. Muss mal raus hier, werd über meinen Traum nachdenken - interessiert hier ja eh keinen.

FRIEDRICH (am Handy) Svenja, können wir uns sehen?

(Friedrich zieht in großer Eile notdürftig einige Rüstungsteile an - als er die Wohnung mit seinem Schwert bewaffnet verlässt, wirkt er derangiert und beinahe - aber nur beinahe - lächerlich)

Ja, am Fluss.

(ab)

am fluss

Friedrich und Svenja sitzen am Fluss, Friedrich hat seine Rüstungsteile neben sich gelegt. Sie lassen die Füße in den Fluss baumeln. Hin und wieder wirft Friedrich ein Steinchen ins Wasser und lässt es titschen. Der Fluss sorgt für eine ausgewogene Stimmung der Besinnung, Einkehr und Hoffnung mit Momenten der Schönheit und Erbauung. Glückliche Kindheit auf Zelluloid.

FRIEDRICH Er kann es nicht gewesen sein.

SVENJA Ja.

FRIEDRICH Er kommt nicht mehr.

SVENJA Das hab ich ihr auch gesagt.

(Pause)

SVENJA Er war nie da.

FRIEDRICH Ich habe immer gewartet.

SVENJA Ich weiß.

(Pause)

FRIEDRICH Ich wollte auch wütend sein.

SVENJA Hm.

FRIEDRICH Ich wollte wütend sein wie Du.

SVENJA Ja, das wäre schön gewesen.

FRIEDRICH Hab`s versucht.

(Pause)

SVENJA Ich konnte Dich nicht sehen - so weit weg warst Du, dass ich Dich nicht mal mehr sehen konnte.

FRIEDRICH Warst Du auch wütend auf mich?

SVENJA Weiß nicht - vielleicht - manchmal.

(Pause)

FRIEDRICH Ich weiß noch, wie Du wütend warst, das erste Mal: in dem Sommer, der nicht enden wollte, als wir dachten, dass das jetzt so weitergeht - ewig. Bis die ersten Herbststürme durch unseren Garten wüteten; Stühle und Sandförmchen vor sich her trieben. Wie uns der Regen ins Gesicht peitschte. Du Deine Habseligkeiten zusammenraffst: Plastiktiere und Puppen ins Haus rettest - viel zu spät schon. Hast gedacht, Du kannst dem Wetter trotzten, hast Dich an die Sommerhoffnung geklammert.

Weißt Du noch, wie Du an der Scheibe geklebt bist, Dein Kleidchen klitschnass - die Hände geballt, zitternd vor Wut - untröstlich. Wie Du getobt hast. Weißt Du noch, wie Du losziehen wolltest, losschlagen, die Wut der ganzen Welt in Deinen Augen.

Wie Du es nicht aushalten konntest, es nirgends ausgehalten hast; wie Du weglaufen musstest.

SEVNJA Ich war so wütend.

FRIEDRICH Ich weiß

SVENJA Da war keiner.

War keiner, der mich festgehalten hat.

FRIEDRICH Ich konnte dich nicht halten.

SVENJA Wir waren Kinder, damals, Friedrich.

(Pause)

FRIEDRICH Papa war nicht da.

SVENJA Ich weiß.

(Pause)

SVENJA Mama hat mich nicht gesehen, hat nicht hinschauen können.

(Pause)

Manchmal glaube ich, ich bin seitdem wütend. Und manchmal denke ich, ich renne seitdem davon. Und wenn ich dann mal kurz stehenbleibe, halte ich es nicht aus - ich halte es einfach nicht aus!

Wir können uns doch nicht immer weiter die gleiche Geschichte erzählen. Wir können doch nicht wieder und wieder mit unserer Wut am Fenster stehen und mit den Fäusten gegen die Scheibe schlagen. Ich will, dass das aufhört; ich will die Geschichte nicht mehr erzählen.

FRIEDRICH Wir müssen die Geschichte erzählen, Svenja. Wir müssen sie erzählen, damit sie unsere Geschichte wird.

(Pause)

SVENJA Ist schön, wenn Du da bist.

FRIEDRICH Ja

SVENJA Wenn Du die Geschichte erzählst, dann sehe ich das auch alles, das Blätterdach unter dem wir liegen, die Sonnenflecken, die wir jagen. Dann spüre ich, wie mich das ungeschnittenen Gras kitzelt, lese die geheimen Blätterbotschaften, wenn der Wind durch die Bäume geht. Ich schließe die Augen und spüre die Sonnenmorsezeichen auf meinen Lidern. Ich lausche hin - ich verstehe nichts und ich begreife alles, weil da nichts zu verstehen ist - alles singt und tanzt, weil da keine Melodie ist und kein Text mehr.

(Pause)

Und wenn es dann ganz still wird in meiner Geschichte und in mir - dann reißt das mit einmal auseinander, dann fährt mir das Messer unter die Haut - schneidet mir Garten, Baum und Sonnenflecken aus dem Fleisch - und dann stehe ich da - ganz allein - und das Blut läuft mir in die Augen - und ich kann nichts mehr sehen - und ich kann nichts mehr spüren - nur die Wut.

(Pause)

Papa ist weg.

FRIEDRICH Ich bin da jetzt

SVENJA Ja, das ist schön.

FRIEDRICH Ich werde das nicht zulassen.

SVENJA Was?

FRIEDRICH Dass er zurückkommt - dass er einfach so zurückkommt.

SVENJA Hm.

FRIEDRICH Dass jemand unsere Geschichte erzählt.

SVENJA Du bist ja ganz wütend jetzt.

FRIEDRICH Ich lass das nicht mehr zu. Er kommt nicht zurück. Er ist weg. Da kann sich keiner hinstellen und behaupten, dass er wieder da ist. Das kann keiner erzählen, dass er immer da war. Das ist unsere Geschichte. Svenja, ich halte Dich fest diesmal. (er nimmt sie in den Arm)

SVENJA Das ist schön, wenn Du wütend bist.

FRIEDRICH (rafft seine Rüstungsteile zusammen) Das macht keiner mit uns - ich lasse das nicht zu! (ab)

ordnung halten

bei tisch.

werner.

daneben irmgard.

rehbraten.

klöße.

ordnung.

WERNER Das ist nicht gut.

IRMGARD Was meinst Du?

WERNER Wie sich die Dinge entwickeln. Es ist alles aus den Fugen.

IRMGARD Nimm Dir noch Klöße.

WERNER Ich darf nicht zulassen, dass uns das wegbricht.

IRMGARD Du musst ihnen sagen, was zu tun ist.

WERNER Sie hören nicht mehr auf mich. Seit sich die Geschichten über den Wald verbreiten, hören Sie nicht mehr.

(es klingelt)

WERNER Erwarten wir jemanden?

IRMGARD Nein!

(es klingelt)

IRMGARD Ich mache auf.

WERNER Warte

(es klingelt)

IRMGARD Was?

WERNER Du sollst warten …(Er holt ein Jagdgewehr aus dem Schrank, kippt Patronen auf den Tisch und lädt das Gewehr)

IRMGARD Werner - hör auf damit. (ab)

WERNER Wir dürfen nicht unvorsichtig sein. (legt an)

WOLFGANG (drängt sich an Irmgard und Edna vorbei in den Raum) Ich muss WernerK Es Kann nn n! - ihr KÖnnMT!- Lasst jetzt MUSS - kh! -FUCK - CKCHRrr!! — W - WachRR - W. - h - WERNER!

IRMGARD Werner, nimm das Ding runter jetzt, siehst Du nicht was los ist?

WERNER (behält Wolfgang im Visier) Was sehe ich? ….Was sehe ich?

EDNA Ich habe ihn nicht halten können. Hat geträumt, sagt er. Ist dann aufgewacht und fängt plötzlich an so zu röcheln. Schlaganfall, denke ich. Da gehn natürlich gleich die Alarmglocken an bei mir: FAST-Test, ruf ich - Du musst den FAST-Test machen, das sagen wir den Leuten immer im Krankenhaus: Wenn Ihr einen Schlaganfall erkennen wollt, müsst Ihr den Test machen: Face, Arms, Speech, Time - F - A - S - T kann man sich so besser merken: FAST wie „schnell“eben.

Der muss zuerst lächeln, der Betroffene, sagen wir den Angehörigen - Face fürs Lächeln - der muss ein Lächeln ins Gesicht kriegen, der Betroffene. Soll dann beide Arme gleichzeitig heben - die Arme hoch und die Hände so nach innen, das ist der zweite Check. Und dann muss der auch was sagen können - einen Satz nachsprechen - nichts Schwieriges, aber so einen ganz einfachen Satz eben. Aber wenn das das alles nichts ist – wenn der also nur mit einer Aufgabe - - wenn es also schon schwierig ist, nur eine Sache hinzubekommen, dann zählt jede Minute - Du musst jetzt professionell sein, Edna, sage ich, das hast Du doch gelernt.

WERNER Setz Dich, Mann - setz Dich hin, Wolfgang!

EDNA Face - Arms - Speech - Time - so hab ich das gelernt. Lächle, sag ich, Wolfgang, Du sollst lächeln - komm schon, nur für mich.

WERNER (heftig) Wolfgang!

EDNA Da lacht der - aber nicht so wie einer Dich anlacht, nicht so wie einer, der normal ist, sondern ganz anders. Fremd, ganz fremd und unheimlich.

WOLFGANG (kämpft gegen einen Impuls an - er könnte die Semmelknödel des Abendessens erbrechen oder von einem Lachen geschüttelt werden, das bleibt unklar)

EDNA Hör auf, sag ich (zu WOLGANG) Hör auf, jetzt!

WOLFGANG (fängt sich für einen kurzen Augenblick) Es kt m - mmm. KN ni- h -ch kCk! kCk!

WERNER Das ist aus den Fugen - ich hab`s gesagt, Irmgard: Das fangen wir nicht mehr ein!

EDNA Aber er hört nicht auf - hört einfach nicht auf - der lacht und lacht, dass mir schlecht wird.

WOLFGANG (kämpft)

EDNA Okay, denk ich - Du musst Dich beruhigen, Du musst jetzt professionell sein - ist erstmal gut, weil`s ja kein Schlaganfall ist. Das wird alles wieder - der muss nur was trinken, sag ich mir und hol ihm ein Wasser. Da ist der immer noch am Lachen, als ich zurückkomme und reißt mir das Glas aus der Hand. Sauf nicht so, sag ich: so säuft man nicht! - da fällt mir auf, dass ich das doch gelernt habe, dass man das nicht sagt, dass Mama und Papa mir das ja immer eingehämmert haben: der Mensch trinkt und das Vieh säuft - darf man nicht anders sagen, darf man nicht verwechseln - also Mensch und Vieh - aber jetzt rutscht mir das so raus, weil der das wirklich säuft - weil der so überm Glas hängt und säuft - mit der Zunge - richtig so wie ein Vieh. Du bist doch kein Hund, sag ich zu ihm, da ist der auch schon durch die Tür und ich kann den nicht halten.

WOLFGANG (kann den Lachkrampf jetzt nicht mehr zurückhalten: lacht)

WERNER Wolfgang, lass das!

EDNA Den hält keiner mehr.

WOLFGANG (fängt sich plötzlich, sehr ernst und sehr gefasst) Ihr müKaCHrrt…s - Sch - I - - NickCht wenn ZiMö chKrcht Dr nBiiitchreE..ÄLöverNCi! Mi Ni - nicht me - ChrRin - kass!

(Wolfgang zerdeppert die Glühbirne)

dunkel.

lachen.

unordnung.

schuss.

nach hause kommen

MARTHA (im Schlafanzug, sie schiebt einen Rollator vor sich her, den sie wie einen Christbaum geschmückt hat, ein batteriegesteuerter Plastikstern blinkt unentwegt und taucht Martha in unregelmäßigen Abständen in ein unwirkliches Licht, zwischen all dem Weihnachtskrempel, den Martha angesammelt und an ihrem Rollator angebracht hat, klemmt ein singender Weihnachtsmann, der mit letzter Kraft zur Musik von „Jingle Bells“ seine Hüften schwingt - zeitlos und schön) Ruth! Wo bist Du? Ich bin aufgewacht - Du warst nicht da. Keiner war da. (Pause) Ich weiß nicht, was passiert ist. (Pause) Ihr dürft mich hier nicht so zurück lassen. Ich kann hier nicht bleiben. Ist alles undicht hier - es tropft mir ins Bett. Fräulein! Es regnet rein! Ruth, so eine Sauerei dürfen wir uns nicht gefallen lassen. Das kannst Du nicht zulassen, dass die uns in so einen feuchten Verschlag stecken. Ruth, Du musst was tun.

(Pause)

Ich habe meinem Herbert ja immer gesagt: Die Ruth, das ist ein schwacher Mensch. Aber er hat nicht hören wollen. Du kannst sie nicht immer da rausziehen, hab ich ihm gesagt. Ihr landet irgendwann beide im Dreck. Das ist die Liebe, hat er gemeint, und dass ich das nicht verstehen kann, weil ich ja ein kaltes Herz habe, weil ich nicht weiß, was das ist: die Liebe. Das hast Du nie gelernt, wie das ist, jemanden wirklich zu lieben - waren aber nicht seine Worte, waren ihre - die hat sie ihm ja eingeflüstert. Ich weiß nämlich, was das ist: die Liebe. Ich habe das gespürt, wie das ist, wenn Du einen festhältst und wie das wehtut, wenn der sich losreißt; wie Du die Nägel reinkrallst in den und ein Stück rausreißt, weil der sich nicht mehr halten lässt - und wie Du den zerreißt zum Schluss.

(Pause)

(hält sich plötzlich die Hände vor die Augen) Darf ich jetzt? (Pause) Kann ich jetzt kommen? (Pause) nicht spicken…nicht spicken…nicht spicken (Pause) Ist der Baum schön? (Pause) - ich halt das nicht aus. Mama, ich glaub ich hab mich nass gemacht - ich bin so aufgeregt! (Pause) Das ist doch nicht schlimm, ist garnicht schlimm! Darfst nicht gucken - da kommt das Christkind und nimmt alles wieder mit! (Pause) Nein, nein, nein, nein - ich darf nicht gucken jetzt. Ich muss das aushalten. (Pause)

- ganz dunkel hier. Warum ist es so dunkel hier? (Pause) Ich hab Angst. Ich darf keine Angst haben. Das Christkind nimmt das alles wieder mit. Nimmt den Papa mit und die Mama mit, wenn ich gucke! (Pause) Ihr müsst dableiben. (Pause) Du darfst mich nicht wegmachen. Das ist so dunkel überall. (Pause) Papa? Bin ich noch da? Papa, ich weiß nicht wo ich bin. (Pause) Bist Du noch da? (Pause) Das tut mir leid! Ich wollte ganz bestimmt nicht gucken. Du darfst nicht böse sein. Ich pass auf jetzt - ich pass jetzt ganz bestimmt besser auf!

(Pause)

Ruth, Du Sau!

(Pause)

Du hast meinen Herbert weggemacht!

(Pause)

Pissnelke!

(nimmt die Hände von den Augen - Johann steht in der Tür)

JOHANN ƿeſtar ubar ƿentılſeo dat ınan ƿıc furnam •

MARTHA Du trägst den ganzen Dreck rein, zieh Dir die Schuhe aus, Herbert!

(Dunkel)

landschaftspflege

(bei Friedrich)

REIMAR (am Telefon) Ja Mann, das hab ich doch gerade gesagt…hört Ihr mir eigentlich zu, oder was! Alter, bist Du hörbehindert oder so - Ihr Typen macht mich fertig. Ich hab´s echt mal nicht leicht - aber ich versuch´s - okay? Ich versuch´s jeden Tag. Ich steh auf - okay? ich steh jeden verkackten Tag auf. Und ich bin freundlich - ich versuch das jeden Tag, aber Ihr macht`s mir nicht leicht!

Ich hab´s dem Herbert versprochen. Ich lass das nicht mehr eskalieren - hab`s mir reinstechen lassen - (zieht seinen Ärmel zurück - ein Tattoo umspannt seinen muskulösen Oberarm) - kannst Du das lesen? (Pause) Wie? Du kannst es nicht sehen? Ach so, ne - na klar. „exporge frontem“- steht da, hab ich mir reinstechen lassen; das ist Latein, Du Pisser! (Pause) - verstehst Du nicht? Ist mir klar - hast Du in Deiner beschissenen Försterschule nicht gelernt - Latein, Mann! „entspann Dich“ heißt das! Jeden Morgen steht das da und dann weiß ich es wieder: Reimar, lass es nicht eskalieren: die kriegen Dich nicht mehr in die Drecks-Therapie - Dich nicht! Aber das verbraucht sich - verstehst Du? Der Tag geht ganz okay los, aber das verbraucht sich über`n Tag - so Stück für Stück. Mit jedem Spacko, der sich in den Weg stellt, verbraucht sich das ein bisschen mehr. Hast Du das verstanden? Da ist heute nichts mehr übrig für Dich. (Pause) Ob Du das beschissene Gespräch für Ausbildungszwecke mitschneiden darfst? Jetzt spann mal Deine Förster-Ohren hübsch auf, weil ich Dir die sonst für Ausbildungszwecke rausreiße aus Deinem dämlichen Förster-Schädel:

Der verkackte Weg ist weg! (Pause) Wie der weg ist? So wie er da war, Mann: einfach so: da - weg - da - weg! Und da steht jetzt der Baum - der steht konkret im Weg - obwohl da jetzt natürlich kein Weg mehr ist, nur noch der Baum. (Pause) Woher ich…? Ich lauf da heute morgen - (Pause) Ja, Mann, ich lauf da immer - das ist gut wegen der Aggression - haben die mir in der Klinik gesagt. Wenn der Kanal voll ist, musst Du laufen - musst Du die Scheiße rauslaufen aus dem Kanal. (Pause) Nein, Mann - ich laufe nicht am Kanal, Du Idiot! Ich laufe am Wald, Mann, am Wald - aber da ist heute kein Weg, weil da nur noch der Wald ist (Pause) obwohl das jetzt auch nicht korrekt ist, weil da eigentlich kein Wald ist; da ist ja nur der Baum - steht da wie so `ne beschissene Wand, der Baum. Kannst Du nicht mal drumrumgehen, um den Baum, so steht der da - einfach nur Rinde und Borke und wie der ganze Scheiß heißt, so weit Du schauen kannst - ich weiß ja jetzt nicht, ob das normal ist. (Pause) Was das für`n Baum ist? Was weiß ich? - Bin ich der Förster? Kümmert Euch selbst um Euren verkackten Baum! (Pause) Was machst Du…? Weiterleiten…? Amt für Landschaftspflege? - pfleg Dich selbst, Penner! (legt auf)

rüsten

(FRIEDRICH kommt zurück)

REIMAR Das glaubst Du nicht, was ich gerade für´n Ficker dran hatte.

FRIEDRICH Es geht los! (beginnt recht unkoordiniert, Rüstungsteile zusammenzusuchen)

REIMAR Ein verfickter Förster war das! - Mann. (Pause) Verfickter Förster - ist gut - oder? ist `ne Alliteration - oder? kannst Du in Dein Mittelalter-Lieder-Scheiß einbauen, den verfickten Förster.

FRIEDRICH Wir müssen uns rüsten, Reimar!

REIMAR Schon klar, aber nicht mehr heute. Du hast Deine Lektionen schon durch.

FRIEDRICH Keine Lektionen mehr:

mit geru scal man geba infahan,

ort widar orte.

REIMAR Friedrich, Du sollst Deutsch reden mit mir!

FREIDRICH Das ist Deutsch - Althochdeutsch eben. Verstehst Du das? ort widar orte!

REIMAR Klar versteh ich das - gibt ja nichts Anderes mehr in unsrer WG - ist ja sowas wie mein Frühstücksradio, Dein Althochdeutsch; ich kenn das schon auswendig: geru, das ist der Speer - richtig? mit geru scal man geba infahan - mit dem Speer soll man Geschenke annehmen - was immer das heißt - ist jedenfalls nicht wirklich nett. ort widar orte; das ist cool: Spitze gegen Spitze! Das gefällt mir.

FRIEDRICH Reimar, es geht los!

REIMAR Wie meinst Du das?

FRIEDRICH Die Zeit ist da! Keine Lektionen mehr, wir schlagen los: jetzt!

REIMAR Was sagst Du?

FRIEDRICH Weißt Du, wo mein Harnisch ist?

REIMAR Das hast Du jetzt nicht wirklich gesagt?

FRIEDRICH Die Zeit ist da!

REIMAR Du meinst das wirklich - oder? (Pause) Ob ich weiß, wo Dein Harnisch ist? Mann, ich weiß wo Dein Harnisch ist seit ich hier wohne mit Dir - keine Ahnung, 5 Jahre, 10 Jahre, schon immer? Ich weiß, wo Dein Harnisch ist, weil es da seit fünf Jahren hängt. Weil ich es da jeden Abend hinhänge und weil ich da jeden Abend draufstarre und mich frage, wann es endlich losgeht.

Ich kann das jetzt nicht glauben - das ist bestimmt so ein Traum wo Du denkst Du bist wach und merkst dann, dass Du noch träumst!

Du musst mir eine verpassen - ich glaub das erst, wenn Du mir eine verpasst.

FRIEDRICH Reimar, hol meinen Harnisch!

REIMAR Schlag mich -

FRIEDRICH Wir müssen!

REIMAR Los, schlag mich!

FRIEDRICH Ich kann nicht!

REIMAR Du musst.

FRIEDRICH (schlägt Reimar mit überraschender Heftigkeit ins Gesicht)

(Pause)

FRIEDRICH Gott, hab ich Dich verletzt?

REIMAR (freudig) Ein krasser Scheiß: ich bin wach!

FRIEDRICH Das wollte ich nicht.

REIMAR Ich hol Deinen Harnisch! (ab)

(FRIEDRICH seine Hand reibend - unruhig - seine anfängliche Energie und Entschlusskraft versinkt zusehends im Sumpf des Zweifels)

REIMAR (kommt mit FRIEDRICHS Harnisch - zieht ihm diesen im Laufe des Gesprächs an; hierzu ist eine kleine Stelleiter vonnöten) Unfassbar! Wir schlagen los! Wir rüsten uns! Friedrich, Du machst mich glücklich. Ich habe es gewusst; ich habe es immer gewusst.

FRIEDRICH (steckt mit dem Kopf im Harnisch, die Euphorie des Anfangs ist nun ganz verschwunden) Das klingt gut, wenn Du das sagst.

REIMAR Du hast es auch gesagt - Du hast es doch gerade eben auch gesagt - hier zu mir: Wir schlagen los!

FRIEDRICH Ich weiß.

REIMAR Uns stellt sich keiner in den Weg.

FRIEDRICH Du kennst ihn nicht.

REIMAR Wen jetzt?

FRIEDRICH Meinen Vater.

REIMAR Friedrich - mach das nicht!

FRIEDRICH welaga nu, waltant got

REIMAR Bitte sag jetzt nichts! Friedrich - mach das nicht kaputt.

FRIEDRICH (lauter) welaga nu, waltant got

REIMAR Mann - ich dachte, wir schlagen los - konkret jetzt. Aber wenn Du von Deinem Vater anfängst, weiß ich wie das endet: Du sitzt im Eck und schlägst Dir den Kopf an die Wand und ich lese nachher die Reste auf.

FRIEDRICH (laut) wewurt skihit!

REIMAR (resigniert) Ja, ich weiß: Unheil geschieht!

FRIEDRICH

Es steht geschrieben: wewurt skihit.

Unheil geschieht!

REIMAR Du kannst es nicht einfach stehen lassen - nicht für einen konkret minimal glücklichen Moment. Du kannst nicht einfach sagen: Reimar, wir rüsten uns. Wir haun die weg - alle. Das wird ein richtig geiler Scheiß. (Pause) Du stehst Dir echt mal krass selbst im Weg mit Deinem Unheil. Friedrich - da ist kein Unheil - es gibt kein „nun walte Gott“ - wir sind das, Friedrich, Wir schlagen los. Wir rüsten uns!

Friedrich, Dein Vater ist nicht da, er kommt auch nicht zurück!

FRIEDRICH (eindringlich) Reimar, Ik gihorta dat seggen.

REIMAR (wütend) Was denn? Was hast Du „seggen gihort“ - Du bist nicht aus dem Haus seit Jahren und hast das sagen gehört, dass Unheil geschieht. Klasse! Wer hat Dir das gesagt? Die Stehlampe, mit der Du sprichst; die Yucca, die Du niedergemetzelt hast, weil sie Dich beleidigt hatte, das Nachtschränkchen, das Du heimlich streichelst? Hast Du es „seggen gihort“ als Du in meinem Kleiderschrank geschlafen hast - alle meine Klamotten aufschlitzen musstest, Du Idiot - meine Lederjacke hat Dir nichts geflüstert - die war konkret friedlich und schweigsam, meine Lederjacke! Arschloch!

FRIEDRICH Es steht alles geschrieben - Du kennst das:

sunufatarungo

REIMAR Du machst mich fertig, ehrlich! Klar kenn ich das - gibt ja bei uns nichts Anderes mehr:

sunufatarungo - Sohn und Vater

FRIEDRICH (ein wenig schulmeisterlich) iro saro rihtun,

REIMAR richteten ihre Scharen aus,

FRIEDRICH garutun sê iro guðhamun,

REIMAR Sie richteten ihre Kampfgewänder,

FRIEDRICH gurtun sih iro suert ana,

REIMAR gürteten sich ihre Schwerter um,

FRIEDRICH helidos, ubar hringa do sie to dero hiltiu ritun.

REIMAR die Helden,

FRIEDRICH ubar hringa

REIMAR über die Rüstung,

FRIEDRICH do sie to dero hiltiu ritun.

REIMAR als sie zu dem Kampf ritten - das ist es doch, Friedrich, mein Held! „to dero hiltiu“ - zu ihrem Kampf! - das ist konkret gerecht!

(Pause)

FRIEDRICH Ich habe Angst.

REIMAR Das darfst Du nicht.

FRIEDRICH Er vernichtet mich, er löscht mich aus.

REIMAR Uns macht keiner wieder weg.

(beide ab)

eichhörnchen

TRAUF (tritt auf. Er trägt einen Stoffbeutel mit sich, in dem offensichtlich ein kleines Tier gefangen ist. Es fällt ihm schwer, den Beutel unter Kontrolle zu halten.) Sauvieh! Du hast mich gebissen, Du Sauvieh! Ich lass Dich nicht wieder raus. (ringt mit dem Beutel - schlägt ihn gegen die Wand) Was ist das überhaupt? Das gibt`s garnicht! (zum Beutel) Du bist ein Eichhörnchen, Mann - ein bescheurtes Eichhörnchen - Eichhörnchen tun sowas nicht! (der heftige Schlag gegen die Wand scheint dem Tier im Beutel nichts ausgemacht zu haben - mit unverminderter Kraft wird TRAUF von dem Beutel hin und her geschleudert) Du bist eine Horrorhörnchen, hörst Du? (Hält den Beutel vor sein Gesicht) Eine Schande für Deine Art, das bist Du! Kinder lieben Eichhörnchen, deshalb lassen wir Euch leben, mit Eurem Staubwedel-Schwanz - peinlich genug, aber Du bist aus der Art geschlagen. (tritt mit dem Fuß auf den Beutel) Du wirst hier keine Geschichten verbreiten - ich mach Dich platt, Du!

später

notizen

Familiengeschichte

Martha: mein Herbert ist stark

Herbert: Ritterzuschreibung, Angst, dem nicht gerecht zu werden

Reimar: aktiv, Gewand ist albern

Friedrich: hat Angst vor dem Vater, Bild vom Vater - Ritterbild, das ist unsere Geschichte

Svenja: Freiheitsdrang, aus der Vergangenheit lösen, eine andere Geschichte erzählen, wir können aussteigen, aus dem Stück aussteigen, wütend

Ring: Dynamik der Geschichte

Metaebene

Kinder: stoßen die Geschichte an, übersetzen das Althochdeutsche, Puppenspiel,vergessen die Geschichte, wenn etwas Neues auftaucht (= Johann), die Geschichte läuft trotzdem weiter (Dynamik der Geschichte), lieben das Aphasische, die Figuren passen nicht zusammen (Master of the Universe und Playmobil / Hildebrandt - Johann / Althochdeutsch / Aphasisch), setzen die unpassende Figur trotzdem ins Spiel (schicken Johann ins Stück), Geschichte muss erzählt werden

Johann: Fremdkörper, unpassende Spielfigur, keiner weiß, woher er kommt

Hilde: sucht Johann, Johann hat irgendeine Aufgabe, Diskussion zum Thema „Aufgabe“ (Kinder lehnen das ab)

Geschichte muss erzählt werden

Weltgeschichte

Wolfgang: sucht Herbert, Babylon, niemand verschwindet, er tötet Edna, Wolf - animalisch, Verwandlung

Edna: angefressen, aktiv

Werner: fanatischer Jäger, Hand zuckt am Abzug, Herbert über alles

Irmgard: besser weg sein

WALD: Sehnsuchtsort, den Göttern ein Opfer bringen, Weltenesche

Hiner: Wurzeln, will den Wald retten

  • Irmgard (Monolog) möchte sich selbst wegmachen / läuft Werner vors Gewehr
  • Werner (Monolog) verschwindet im Wald
  • Wolfgang findet in Johann seinen Erlöser
  • Edna möchte Johann töten
  • Martha stellt fest, dass Johann nicht ihr Sohn ist, schweigt aber
  • Ruth nimmt Johann bei sich auf, weiß aber, dass er nicht ihr Mann ist
  • Hilde taucht auf - eine Freundin von Johann , auch obdachlos
  • Das Publikum entscheidet, welche Variante gespielt wird: Soll Hilde den goldenen Reif stehlen?
  • VARIANTE A: Hilde stiehlt den Reif - sie wird Opfer eines brutalen Verbrechens („Obdachlose angezündet“) - man findet den Reif - Herbert wird für tot erklärt - Friedrich kann heimkehren - Herbert spielt nicht mehr mit - der Mord an Hilde wird Reimar in die Schuhe geschoben: schönes neues Leben auf fauligem Grund
  • VARIANTE B: Hilde stiehlt den Reif nicht - Johann behält den Ring - Friedrich möchte ihn töten - Friedrich wird von Wolfgang erschossen, der Johann schützen möchte - Hilde brennt das Herbert`sche Haus nieder -gemeinsam mit Johann herrscht Hilde auf den Ruinen den verbrannten Ruinen der Geschichte


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