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theater - text - rhizom

Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten. Macht nie Punkt oder Linien - macht Rhiozom nicht Wurzel!

Lasst keinen General in euch aufkommen!


Ihr könnt weiterschreiben, umschreiben, dranschreiben, wegfressen…

Texte, die Ihr einstellt, werden kollekiviert, d.h. sie gehören Euch nicht mehr und können verändert, erweitert, ergänzt werden, Verbindungen eingehen, sich verknüpfen - ganz gleich, wer sich verknüpft: Autor, Schaupieler, Regisseur, Elektrotechniker, HERMES-Bote, Tapir,…

Wer also seinen Privatbesitz sichern möchte, sollte seine Texte extern speichern - hier gibt es nur „oli oli ola“- Gemeinschaftseigentum.


theater relatief dogma

Wir wissen, dass das Theater unsere Leben verändert hat.

Wir glauben an die lebensverlängernde Kraft des Theaters.

Wir befolgen dogamtisch die Regel, dass wir bei unserer Arbeit keinem Dogma folgen.

Diesen Widerspruch lösen wir nicht auf.

Wir ziehen uns nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf - wir freuen uns auf die Matschepampe und lassen uns zuversichtlich fallen.

Echte Theater Relatief Proben werden ohne Konzept und ohne Festlegung durchgeführt.

Es gibt keine echten Theater Relatief Proben.

Alles ist immer wieder neu zu finden.

Wir lassen keinen General in uns aufkommen - wir machen Rhizom, nicht Wurzeln. Wir sind Vielheiten.

Wir achten das Unwichtige und lieben das Überflüssige - eine gelungene Probe zeichnet sich dadurch aus, dass sie vollkommen überflüssig ist und alles in Fluss bringt.

Wir vertrauen dem Fluss, der sich langsam und und schwarz durch unser Tal windet. Es gibt keinen Grund, ans Ufer zu gelangen.

Wir betreiben keine Landgewinnung - Standpunkte werden von uns geflutet.

Wir bauen Dämme und und reißen Dämme ein, wenn es uns notwendig erscheint.

Das Stück beginnt und endet nirgends.

Das Stück wird gemeinsam mit dem Publikum entwickelt und erlebt - unfertige Stücke müssen während der Aufführung vom Publikum beendet werden.

Flüsse, Bäche, Wasserläufe fließen in unsere Proben ein und zweigen sich ab.

Niemand wird am Ufer zurückgelassen; wir reißen alles mit.

Wir lieben uns wie die Biber - Ihr findet unsre Spuren in die Stämme genagt.

Unser Theater ist Strandgut.

Wir unterscheiden nicht zwischen unserem Theater und unserem Leben.

Zwischen uns und unser Leben und zwischen die Realität und die Fiktion passt kein Blatt Papier, niemand tut als ob.

ZWISCHENRUF Als ob!


Unser Theater verfolgt kein Ziel - wir hören nicht auf die Rufe der Fatzkes.

Wer uns etwas sagen möchte, muss sich die Füße nass machen.

Unsere Arbeit ist beschwerlich und mühsam - wir wollen sie nicht einfacher haben.

Was fertig ist, wird von uns neu gedacht, was auch einfacher ginge, machen wir aufwendiger.

Wir verkomplizieren alles.

Es gibt keine Kompromisse!

Wir suchen kompromisslos - und finden jeden und alles - ausnahmslos.


versteckt bleiben

STIMME (Freizeichen) Ich suche einen Anfang.

Bleibe versteckt hinter meinem Freizeichen.

(Pause - Freizeichen)

Ich sage nichts, kann noch nicht reden oder nicht mehr -

meine Betonsprache steckt in Worthülsen, Hülsenfrüchten, Fruchtjoghurt.

Ich werde mir wieder ein Telefon mit Wählscheibe besorgen müssen - ich möchte die Nummern in den Fingerknöcheln spüren - wissen, dass ich getrennt bin von Euch; mich von der Wählscheibe trennen lassen, wieder den Punkt finden, an dem ich von Euch getrennt war, Ihr nicht hier wart - es dieses HIER noch gab, das getrennt war von Euch - mich hinter das Freizeichen verstecken.

…97, 98, 99, Eckstein - Eckstein, alles muss versteckt sein, hinter mir, vor mir, links, rechts gilt nicht - !

Ich bleibe noch versteckt, wenn alle schon wieder nach Hause gehen, das feuchte Abendblau mir ins T-Shirt kriecht - bleibe noch den einen Moment zu lange versteckt, wenn die Freunde ratlos in die warmen Eigenheime zurückkehren - Abendbrotzeit und durch florale Baumarktvorhänge das Flackern der indirekten Esszimmerbeleuchtung - einfach nicht zurückkommen, wenn es draußen langsam dunkel wird. Ich bleibe versteckt. Ich kann Euch nicht hören.

Das Freizeichen schneidet mich aus Eurem bürgerlichen Neubauglück.

Den Suchtrupp abwarten - warten, bis die Tiere Dich annagen, die Wange an den feuchten Stamm gepresst -

„Ist er denn nicht mit Euch draußen gewesen? Wer hat ihn denn zuletzt gesehen?“

Ich bleibe versteckt. Ich bin zu lange schon hier draußen um wieder zurückzukommen - viele Sommer lang - meine Füße kann ich nicht mehr sehen zwischen dem Herbstlaub, das sich über die Jahre angesammelt hat - gekitzelt hat zwischen den Zehen - weich wurde über die Zeit - die nackten Füßen umhüllte in den ersten Rauhreifnächten.

Ich weiß noch den ersten Abend, als sie die Suche einstellten - die Suchtrupps sich wortlos auflösten, zerstoben und in ihre Hütten und Häuser zurückkehrten, ihre Pfeifen und Öfen ansteckten. Es ist kein Zeichen notwendig, wortlos klopfen wundgegrabene Hände auf schwere Schultern, werden die Kragen öliger Windjacken hochgeschlagen - gleiten letzte suchende Blicke in der Dämmerung ab und verlieren sich.

Ich decke mich weg und sauge die kühle Nachtluft ein, die nach Rauch und feuchtem Laub schmeckt.

Ihr findet mich nicht in diesem JETZT.

Mein Freizeichen trennt mich von Euch.

(legt auf)

irgendwie anfangen

(es klingelt, er nimmt ab)

Ja bitte!

STIMME 2 100 - ich komme!

STIMME 1 Was wollen Sie?

STIMME 2 Ich habe Sie gefunden.

STIMME 1 Wer sind Sie?

STIMME 2 Sie müssen mitspielen!

STIMME 1 Ich spiele nicht mehr mit.

STIMME 2 Sie waren gut versteckt, das muss ich zugeben.

STIMME 1 Wie haben Sie mich…?

STIMME 2 Ich habe Sie mir einfach ausgedacht.

STIMME 1 Das ist absurd -

STIMME 2 Ich musste Sie nicht suchen, Sie sind mir einfach so eingefallen.

STIMME 1 Was wissen Sie überhaupt von mir?

STIMME 2 Noch nicht viel, ich habe Sie mir ja gerade erst gefunden.

STIMME 1 Sie können doch nicht irgendwelche Personen erfinden und sich vorher keine Gedanken machen. Sie müssen doch einen Plan haben. Wie stellen Sie sich das eigentlich vor?

STIMME 2 (es sind nicht seine Worte) Ich kenne den Sound. Im Sound ist das Ganze schon enthalten, eben weil es noch nicht ausdefiniert ist sondern anti-ideenhaft und also unreduziert vorhanden ist

STIMME 1 (schweigt)

STIMME 2 Der Satz ist nicht von mir, das muss ich zugeben, den habe ich mal gelesen, und vorhin hat es auch wirklich besser geklungen. Jetzt, nachdem ich ihn reinkopiert habe in diesen Anfang, in dieses Weiß, nachdem ich diesen ganz fremden Satz in unseren Text gelassen, unsere ersten gemeinsamen Minuten zerschnitten und aufgerissen habe - und ich kann wirklich sagen, dass ich die ersten Sätze gerne mit Ihnen geteilt habe - jetzt, nachdem dieser intime Moment vor mir liegt, und ich darin herumwühle wie in einem ausgeweideten Tier, jetzt, wenn meine Tränen auf das matte Fell fallen, ich mich in den trüben Pupillen spiegle - jetzt muss ich auflegen - neu beginnen.

STIMME 1 Warten Sie, das war sehr schön, was Sie eben über unsere gemeinsamen Minuten gesagt haben - und das mit dem Tier und dem Fell - ich glaube, ich habe verstanden, was Sie…

STIMME 2 (legt auf)

PAUSE (Klingeln)

STIMME 2 (nimmt ab) Ja…?

STIMME 1 Sie können doch nicht einfach auflegen und mich hier zurücklassen - Sie können mich doch nicht hier mitten in Ihrer traurigen Geschichte alleine lassen - Wo soll ich denn hin, mit der Traurigkeit, die ja auch meine ist. Sie haben mir ja nicht einmal ein paar interessante Gedanken erfunden oder den Wunsch, meine Zeit sinnvoll zu nutzen: Gedichte schreiben, Brennessel-Sud ansetzen, Platten sammeln…

STIMME 2 Glauben Sie mir, es tut mir wirklich aufrichtig leid, dass das alles so gekommen ist mit uns; ich habe die ersten Sätzen mit Ihnen sehr genossen, bis ich es verdorben habe. Ich hätte besser aufpassen müssen.

STIMME 1 Aber man kann uns doch nicht verantwortlich machen für einen Satz, der garnicht von Ihnen ist.

STIMME 2 Ich habe ihn hereingelassen - ich habe ihn markiert, kopiert und eingefügt. So leid es mir tut, wir können hier nicht weitermachen, das ist wirklich unmöglich. Ich muss das alles wieder löschen. Das kann so nicht stehen bleiben. Ich muss ganz neu beginnen.

STIMME 1 Wie meinen Sie das?

STIMME 2 Ich kann diese Geschichte mit Ihnen nicht weitererzählen. Ich habe das verdorben und mit jedem Satz, den wir wechseln, wird es nur schlimmer. Glauben Sie mir, es hat wirklich keinen Sinn.

STIMME 1 Sie machen wohl Witze! Wissen Sie, was übrig bleibt, wenn Sie das alles wegstreichen: Haus - Garten - Teichbepflanzung - Gehsteig - wissen Sie, was Ihnen dann übrig bleibt? Sie denken, Sie können sich hinter einem Freizeichen verstecken - Sie glauben, das verschwindet alles, wenn Sie den Rechner zuklappen, die Buchseite ausreißen, den Hörer auflegen.

(plötzlich heftig) Sie sind furchtbar naiv - ich wünschte, ich wäre von jemandem mit mehr Talent ausgedacht worden, von jemandem, der mehr Ahnung davon hat, wie die Dinge sich zueinander verhalten. Sie können das alles weglöschen, ausradieren, freischneiden; Sie können das gesamte Totholz entfernen, Löcher reißen wie Sie wollen - Sie können Ihren gesamten verdammten Text kurz und klein kürzen - bis nur noch ein einsamer Cursor auf dem Monitorweiß pulsiert - und wenn Sie diesen Strich fixieren, und wenn Sie sich auf sein Erscheinen und Verschwinden konzentrieren - seinen regelmäßigen Maschinen-Herzschlag zählen, dann spüren Sie, was übrig bleibt und was am Anfang und am Ende steht:

der Hunger (Pause) - den werden Sie nicht mehr los. Und mit jedem Wort und jedem Satz wächst in Ihnen der Gedanke, dass Sie es irgendwann finden werden, dass sie es herauspflücken können oder es Ihnen einfach entgegenfällt: das Wort, das Sie meint - der Satz, in dem Sie vorkommen. Aber aus dem Hunger wird über die Jahre der unstillbare Wunsch, alles zu verschlingen - alles in sich hineinzustopfen. Das Gefühl, nie wieder satt zu werden. Die Panik, die Sie packt und nicht mehr loslässt, wenn Sie mit stieren Augen auf die beschriebenen Blätter starren, während Sie sich Wort um Wort in Ihr aufgerissenes Maul pressen, sich mit jedem Wort Ihr Verlangen steigert.

Sie spüren, dass Sie nicht satt werden können. Wie ein ausgehungertes Tier fressen Sie sich durch den Text. Es ist Ihnen gleich, dass Sie eine Spur der Verwüstung hinterlassen. Den Gedanken, satt werden zu können, haben Sie vor so langer Zeit aufgegeben, dass Sie nicht einmal mehr wissen, ob Sie ihn je gehabt hatten oder ob er nicht auch Ihrer Einbildung entsprungen ist. Ob Sie nicht diese unstillbare Sehnsucht von Anfang an getäuscht hat. Ob Sie nicht von Anfang an wussten, dass da keine Sättigung möglich ist, Sie schon immer wussten, dass am Anfang der Hunger war.

Und endlich begreifen Sie, dass Sie nicht vorkommen.

Und dann sitzen Sie da in Ihrer Wohnlandschaft, in Ihrer Verbundenheit, die einmal eine Beziehung war - lange vor den Worten. Und Sie starren ratlos und ohne Vorwurf auf die Gesprächsgerippe, die einmal als undurchdringliche und aufregende Wildnis zwischen Ihnen lagen: unentdecktes Land - jeder Schritt ein Wagnis. Und Sie ahnen längst, dass Sie sie Wort um Wort und Satz um Satz kahlgefressen haben - dass Sie nicht ein Blättchen übriglassen konnten in Ihrer Gier, dass Sie die Wildnis gerodet haben; und im stillen Einvernehmen akzeptieren Sie, dass es jetzt an Ihnen ist, die toten Stämme und Äste wegzuräumen.

STIMME 2 Worauf warten Sie noch? Gehen Sie an die Arbeit!

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(in einer Wohnlandschaft)

RUTH Wer war dran?

HERBERT Was meinst Du?

RUTH Na, wer am Telefon war?

HERBERT Ich weiß nicht.

RUTH Du hast 10 Minuten telefoniert, aber Du weißt nicht mit wem?

HERBERT Nein, ich habe es nicht richtig verstanden.

RUTH Und Du hast nicht nachgefragt? Du telefonierst mit irgendjemandem ohne zu wissen wer es ist und Du fragst nicht nach seinem Namen?

HERBERT Ich glaube, er hat ihn garnicht gesagt - ich weiß nicht mehr. Ich war abgelenkt. Ich habe über das nachgedacht, was Du gleich sagen wirst.

RUTH Na, das ist ja klasse - jetzt bin ich schuld, dass Du nicht telefonieren kannst wie jeder normale Mensch.

HERBERT Entschuldige, ich bin noch nicht ganz angekommen.

RUTH Was soll das heißen? - Du bist noch nicht ganz angekommen? Seit 30 Jahren sitzt Du mir gegenüber, glotzt mit Deinen wässrigen Augen vor Dich hin, stierst an mir vorbei auf den Pfennigbaum und knetest mit Deinen alten feuchten Händen die Wachstischdecke.

HERBERT So meine ich das doch nicht.

RUTH Du meinst nie etwas - ich frage mich, wie ich in dieses Leben geraten konnte, wann das angefangen hat, dass Du mir meine Zeit weichgeknetet hast. Ich frage mich, wann ich die Hoffnung aufgegeben habe, dass wir hier wieder rauskommen. Wann ich aufgehört habe, das Fenster zu öffnen, um den Muff rauszulassen - um Deinen Mief loszuwerden. Wann ich angefangen habe wie Du zu riechen. Ich frage mich, ob ich diesen Geruch jemals wieder loswerde, ob er über die Jahre eingewachsen ist in meine Haut - so wie Du eingesickert bist in mein Leben. Und da sagst Du mir, dass Du „noch nicht ganz angekommen bist“? Ich bin hier so angekommen, dass es wehtut - mehr ankommen kann man garnicht

(es klingelt an der Haustür)

RUTH Erwartest Du jemanden?

HERBERT Nein, es weiß ja noch keiner, dass wir da sind.

RUTH Willst Du nicht aufmachen.

HERBERT (geht ab)

JOHANN (tritt auf, Rucksack, Flip-Flops, Traveller-Klamotten. Er scheint von weit her zu kommen, als er das Zimmer betritt - vor dem ihm überrümpelt folgenden Herbert - weht eine Sandböe in den Zuschauerraum. Johann ist Aphasiker - die Aphasie darf keinesfalls gespielt sein - sie ist kein Handicap, sondern zeichnet ihn in besonderer Weise aus, es umhüllt ihn ein irisierender Schein. Er spricht in einer auch für die Zuschauer gänzlich unverständlichen eigenen Sprache. Im Folgenden sind Textpassagen, die vom Schauspieler ohne feste gestische und mimische Vorgaben gesprochen werden können, mit STERNCHEN gekennzeichnet - wie könnte es auch anders sein. Johann wirft sich auf das Sofa, schleudert den Rucksack und die Flip-Flops von sich und lässt sich offensichtlich häuslich nieder. Er prüft Wind- und Lichtverhältnisse, setzt einen kleinen Gaskocher in Gang, drapiert die Kissen um. Nach der Prozedur, die Ruth und Herbert wort-, fassungs- und regungslos beobachtet haben, lehnt er sich gemütlich zurück, verschränkt die Arme hinterm Kopf - mit einem breiten Grinsen) * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

RUTH (die als Erste wieder ihre Fassung gewinnt) Herbert, jetzt steh doch nicht so nutzlos herum - tu etwas!

HERBERT Was soll ich denn…? Ich meine…ich weiß nicht recht (versucht entrüstet zu klingen) Was wollen Sie von uns? Sie können doch nicht einfach ungefragt hier in unser Wohnzimmer marschieren und sich auf unserem Sofa ausbreiten - das ist nun wirklich nicht… - also das ist… - ich finde… - Sie sollten… - (nach Worten ringend) also…Sie sollten wissen: der Velourstoff reagiert sehr empfindlich und wir konnten vergangene Woche nur mit allergrößter Mühe und durch die sofortige und gründliche Bearbeitung mit destilliertem Wasser einen Fleck, von dem wir nicht einmal genau wussten, wie er auf die Sitzfläche geraten ist, wieder beseitigen und Schlimmeres verhindern -

JOHANN * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

HERBERT (nimmt keine Notiz von Johann, mechanisch, es sind nicht seine Worte) Wir bemühen uns wirklich, unseren Mitmenschen mit dem erforderlichen und angemessenen Maß an Höflichkeit zu begegnen; auch wenn uns das nicht immer leicht fällt und wir immer wieder berechtigten Grund haben, Anstoß zu nehmen, sind wir um Zurückhaltung bemüht (sucht nach einer gütlichen Lösung) Sie sollten wissen: Wir haben im vergangenen Herbst eine Ratenzahlung vereinbart, die uns an diese Wohnlandschaft bindet und Sie werden sicher verstehen, dass wir uns in unserer Lebenssituation die finale Verwendung der Wohnlandschaft nicht durch Ihr unsachgemäßes Auftreten gefährden lassen können.

RUTH Du bist der größte Hohlkopf, den ich kenne - Herbert, halt die Klappe und mach Kaffee.

(Herbert ab)

Sie müssen entschuldigen, Kommunikation war noch nie seine Stärke, aber seit er nur noch zu Hause sitzt, ist es wirklich unerträglich geworden mit ihm. Ich weiß nicht, was ich mit ihm anfangen soll - ich rede auf ihn ein - Er schaut mich an mit seinen Wasseraugen, als warte er auf irgendetwas. Als hoffte er, dass ich etwas sage oder tue. Aber was soll ich denn sagen? Ich weiß ja nicht einmal, ob irgendetwas von dem, was ich sage, bei ihm ankommt. Ich kann ihn ja auch nirgendwohin mitnehmen. Sie machen sich keine Vorstellung, in welche unmögliche Situationen er mich bringt - naja, Sie haben es ja gerade selbst erlebt. Der Mann ist einfach nicht auszuhalten. Ich bin sehr froh, dass Sie gekommen sind.

JOHANN * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

RUTH Ich weiß ja, dass ich ihm auch unrecht tue - und wenn er jetzt gleich mit seinem Kaffeetablett ungelenk ins Zimmer balanciert und fragt, ob er die kleinen Tassen mit Untersetzer oder die großen Humpen verwenden soll, und wenn er an die eingeschweißten Kekse gedacht hat, und wenn er dann auf den Kannendeckel drückt, um die heiße Luft ausströmen zu lassen, damit der Kaffee ruhiger in die Tasse fließt - (während des folgenden Monologs verschwindet sie zwischen Sitzfläche und Lehne des Sofas, das Erzählte geschieht zugleich) sein suchender Blick dann durchs Wohnzimmer schweift, er für einen Moment überrascht ist, weil ich da nicht mehr bin - für einen Augenblick still seht, das Tablett zwischen seinen müden Händen. Wie er da so steht, ein großer trauriger Bär - der für einen Moment Witterung aufnimmt, sein Tanzbärenleben, die Goldrandtassen, die Demütigungen vergisst, weil für den Bruchteil einer Sekunde alles hätte ganz anders sein können - alles möglich scheint. Dann reißt für diesen kurzen Moment der Schleier auf, dann fällt für den Bruchteil einer Sekunde durch diesen Riss ein Schimmer - eigentlich nur eine Ahnung, ein Funkeln zwischen den schlaffen Augenlidern - eine schwache Erinnerung an eine andere Zeit, eine Wildheit, ein fremder Geruch.

Nur der geübte und geduldige Beobachter kann diesen Moment überhaupt wahrnehmen - aber wenn ich ihn so da stehen seh, drückt es mir die Tränen in die Augen. (verschwindet völlig im Sofa)

HERBERT (setzt sich mit dem Tablett neben Johann - beide starren eine Weile vor sich hin)

JOHANN * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

HERBERT Du musst mir nichts erklären - ich verstehe schon! Auch Hunger? (bietet ihm einen eingeschweißten Keks an, den Johann dankbar annimmt. Johann versucht im Folgenden die Keksverpackung zu öffnen - was ihm nur mit größter Mühe gelingt. Beide mümmeln schließlich stumm einen Keks - es fallen ihnen fortwährend Krümel aus dem Mund, was keinen stört. Sie genießen einen Moment großen Friedens) Gut - oder?

JOHANN HMMHH

JOHANN (reicht Herbert kommentarlos ein Handy)

HERBERT (ruft an)

ANRUFBEANTWORTER (automatische Ansage) Leider sind wir im Augenblick nicht erreichbar. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton. Danke.

HERBERT Das tritt hier auf der Stelle - (Pause) hallo, falls jemand das abhört: Das kommt nicht in Bewegung - es dümpelt hier so richtungslos vor sich hin! (Pause) - könnte jemand sich bitte mal kümmern?? Ich habe auch immer noch Hunger und die Kekse sind alle! (legt auf)

JULI (an der Tür - ruft ins Wohnzimmer) Hey Papa - ich bin da. Ist okay, wenn Raimar mitkommt? Wir wollen noch die Aktion besprechen und bei ihm in der Bude is` Wasserrohrbruch. (betritt das Wohnzimmer, hinter ihr Raimar)

dazwischengehen

JULI Ist Mama da?

HERBERT Nicht mehr.

JULI (zu Johann, dessen Anwesenheit sie seltsam ungerührt lässt) Wer ist das?

HERBERT Keine Ahnung - ist seit vorhin da.

JULI Wie heißt er?

HERBERT Weiß nicht - kann, glaube ich, nicht reden.

REIMAR Echt jetzt?

JOHANN (abwehrend) * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

REIMAR Wahnsinn - Wahnsinn!! Krasser Zufall (zu Juli) - das hast Du mir doch gerade erzählt, von dem Münchhausen-Ding!

JOHANN * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

JULI Du meinst das Trilemma?

REIMAR Ja klar - krass! Steht doch genauso auf Wikipedia - warte… (wischt auf seinem Smartphone rum) hier: „Warum ist das Mädchen stumm? – Das Mädchen ist stumm, weil es sein Sprachvermögen verloren hat! – Warum hat es sein Sprachvermögen verloren? – Auf Grund des Unvermögens, die Sprache zu beherrschen!“ - krasser Scheiß: ist von Moliere!

JOHANN (wütend) * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

JULI (leicht genervt) Das Beispiel ist von Moliere, aber das Münchhausen-Trilemma ist von Hans Albert und darum geht es ja!

REIMAR Schon, aber dass jetzt der Typ bei Euch auf dem Sofa sitzt, der nicht reden kann - das ist wirklich ein krasser Scheiß! Warum kann er nicht reden? weil er nicht reden kann - voll der Münchhausen!

JOHANN (gibt seinen Widerstand auf)

JULI es geht so: Die Begründung verläuft im Kreis. Eine Aussage, die p begründen soll, ist identisch mit p oder kommt in der Begründungskette, die p begründen soll, bereits vor, das ist ein unendlicher Regress!

REIMAR Klar!

JOHANN **

HERBERT Er meint, dass das ein logischer Zirkel ist - kein Regress

REIMAR (immer noch mit seinem Handy beschäftigt) Ja, Mann - er hat Recht - steht hier auch so.

JULI Okay - okay - hab ich verwechselt, aber darum geht es ja bei unsrer Aktion: dass wir das Aufsprengen, diese unendliche Begründungsschleife.

REIMAR Schon klar - aber warum eigentlich nochmal?

JULI Schau, das ist ja so, dass wir seit Jahrhunderten in diesen Begrünsungsschleifen hängen, das hat sich ja alles festgefressen, weil wir uns ständig selbst an den Haaren aus dem Sumpf ziehen wie in der Münchhausen-Geschichte - jetzt ja gerade schon wieder - weil - weil - weil… - wir suchen ständig irgendeinen Grund. Wir ahnen, dass wir nichts wissen können, dass es keine Begründung für irgendetwas geben kann. Wir haben diese wahnsinnige Angst vor dem Sumpf. Wir haben solche Angst, dass wir uns selbst an den Haaren herausziehen wollen, dass wir seit ewigen Zeiten irgendeinem Dogma folgen, auch wenn wir wissen, dass wir eigentlich nur in einem Begründungs-Zirkel stecken. Warum kann z.B. irgendein Typ über Dein Leben bestimmen? - Weil er die Macht hat. Warum hat er die Macht? Weil er über Dich bestimmen kann! Wir müssen diesen Zopf, an dem wir uns seit Jahrhunderten aus dem Sumpf ziehen, endlich abschneiden. Wir dürfen keine Angst haben vor dem Sumpf!

REIMAR krasser Scheiß!

JULI Kannst Du mal damit aufhören bitte?

(Es klingelt an der Tür - niemand reagiert)

JULI Papa, willst Du nicht aufmachen?

HERBERT Geh Du. Ich weiß doch, was jetzt kommt.

JULI Du wirst wirklich immer seltsamer. (geht ab)

(JULI kommt mit GUNTHER wieder - GUNTHER trägt Jägerkleidung, er ist auf eine merkwürdige Weise derangiert…Details seines seltsamen Erscheinens sind auf jeder Probe und bei jeder Aufführung neu festzulegen, sodass die an der Szene Beteiligten wirklich überrascht sind. Das Jägerhafte bleibt trotzdem immer erkennbar.)

GUNTHER (aufgeregt) Herbert - das ist gut, dass ich Dich gefunden habe.

HERBERT (zu sich) Ich muss wirklich über meine Verstecke nachdenken.

(HERBERT spricht den folgenden Satz GUNTHERS leise synchron mit. Er muss ihn schon tausendmal gehört haben)

GUNTHER Herbert, sie haben RUTH gefunden! Im Wald - in unserem Wald, verstehst Du?

REIMAR Coole Jacke (T-Shirt, Hose, Jacke, Wimpel…was immer an Reimars Outfit bemerkenswert ist) - kann ich die mal…

JULI Du gehst mir so auf die Nerven - ehrlich! Was ist mit Mama?

HERBERT Das weißt Du doch.

JULI Was weiß ich?

JOHANN * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

JULI Was sagt der?

GUNTHER Herbert, wir müssen reden - ich glaube nicht, dass…

JULI …dass was? Du schlägst hier auf in Deinem Jägerkostüm, mit Deinem Weidmanns-Heil-Gequatsche…(GUNTHER imitierend) unser Wald - Sie haben sie gefunden - in unsrem Wald. Ist das hier ein fucking-Sonntagabend-Tatort?

start.txt · Zuletzt geändert: 2018/05/22 20:08 von relatief

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