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theater - text - rhizom

Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten. Macht nie Punkt oder Linien - macht Rhizom nicht Wurzel!

Lasst keinen General in euch aufkommen!


Ihr könnt weiterschreiben, umschreiben, dranschreiben, wegfressen…

Texte, die Ihr einstellt, werden kollekiviert, d.h. sie gehören Euch nicht mehr und können verändert, erweitert, ergänzt werden, Verbindungen eingehen, sich verknüpfen - ganz gleich, wer sich verknüpft: Autor, Schaupieler, Regisseur, Elektrotechniker, HERMES-Bote, Tapir,…

Wer also seinen Privatbesitz sichern möchte, sollte seine Texte extern speichern - hier gibt es nur „oli oli ola“- Gemeinschaftseigentum.

material

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hildebrandslied

Das Hildebrandslied wird hier als copy-paste-Vorlage für alle Sprachverweigerer, Sprachlos-Gewordenen, Aphasiker und alle, die lieber im Regen tanzen, verwendet - verbrauchte Verse sind kursiv gesetzt. Dies dient lediglich der besseren Orientierung - sofern eine solche überhaupt möglich ist oder gewünscht - und darf keine falschen Rückschlüsse zulassen, auch wenn es keine falschen Rückschlüsse gibt, aber das versteht sich ja von selbst.

Dennoch bleibt das Markieren und Kopieren mühsam - so wie es mit der Sprache eben ist.

eIk gıhorta dat ſeggen

dat ſih urhettun ænon muotın

hıltıbrant entı hadubrant untar herıun tuem •

ſunu fatarungo • ıro ſaro rıhtun •

garutun ſe ıro gudhamun • gurtun ſih • ıro • ſuert ana •

helıdoſ ubar rınga do ſie to dero hıltu rıtun •

hıltıbrant gımahalta herıbranteſ ſunu • her uuaſ heroro man

feraheſ frotoro • her fragen gıſtuont

fohem uuortum • ƿer ſin fater ƿarı

fıreo ın folche … •

eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ •

ıbu du mı enan ſageſ ık mı de odre uuet

chınd ın chunıncrıche • chud ıſt mın al ırmındeot •

hadubrant gımahalta hıltıbranteſ ſunu •

dat ſagetun mı uſere lıutı

alte antı frote dea erhına ƿarun •

dat hıltıbrant hættı mın fater • ıh heıttu hadubrant •

forn her oſtar gıhueıt floh her otachreſ nıd

hına mıtı theotrıhhe entı ſinero degano fılu •

her fur laet ın lante luttıla ſitten

prut ın bure barn unƿahſan

arbeo laoſa • her raet oſtar hına

deſ ſid detrıhhe darba gıſtuontum

fatereſ mıneſ • dat uuaſ ſo frıuntlaoſ man

her ƿaſ otachre ummet tırrı

degano dechıſto untı deotrıchhe

darba gıſtontun her ƿaſ eo folcheſ at ente ımo ƿaſ eo peh&a tı leop •

chud uuaſ her … • chonnem mannum

nı ƿanıu ıh ıu lıb habbe … •

ƿettu ırmıngot quad hıltıbrant obana ab hevane

dat du neo dana halt mıt ſuſ ſippan man

dınc nı gıleıtoſ … •

ƿant her do ar arme ƿuntane bauga

cheıſurıngu gıtan • ſo ımo ſe der chunıng gap

huneo truhtın • dat ıh dır ıt nu bı huldı gıbu •

hadubrant gımahalta hıltıbranteſ ſunu •

mıt geru ſcal man geba ınfahan

ort ƿıdar orte … •

du bıſt dır alter hun ummet ſpaher

ſpenıſ mıh mıt dınem ƿuortun ƿılı mıh dınu ſperu ƿerpan •

pıſt alſo gıalt& man ſo du eƿın ınƿıt fortoſ •

dat ſagetun mı ſeolıdante

ƿeſtar ubar ƿentılſeo dat ınan ƿıc furnam •

tot ıſt hıltıbrant herıbranteſ ſuno •

hıltıbrant gımahalta herıbranteſ ſuno •

ƿela gıſihu ıh ın dınem hruſtım

dat du habeſ heme herron goten

dat du noh bı deſemo rıche reccheo nı ƿurtı •

ƿelaga nu ƿaltant got quad hıltıbrant ƿeƿurt ſkıhıt •

ıh ƿallota ſumaro entı ƿıntro ſehſtıc ur lante •

dar man mıh eo ſcerıta ın folc ſceotantero

ſo man mır at burc enıgeru • banun nı gıfaſta •

nu ſcal mıh ſuaſat chınd • ſuertu hauƿan

breton mıt ſinu bıllıu eddo ıh ımo tı banın ƿerdan •

doh maht du nu aodlıhho ıbu dır dın ellen taoc •

ın ſuſ heremo man hruſtı gıƿınnan

rauba bıhrahanen • ıbu du dar enıc reht habeſ •

der ſi doh nu argoſto quad hıltıbrant oſtar lıuto

der dır nu ƿıgeſ ƿarne nu dıh eſ ſo ƿel luſtıt •

gudea gımeınun nıuſe de mottı •

ƿerdar ſih hıutu dero hregılo rumen muottı •

erdo deſero brunnono bedero uualtan •

do lettun ſe ærıſt aſckım ſcrıtan

ſcarpen ſcurım dat ın dem ſcıltım ſtont •

do ſtoptun to ſamane ſtaım bort chludun •

heƿun harmlıcco huıtte ſcıltı •

untı ımo ıro lıntun luttılo ƿurtun •

gıƿıgan mıtı ƿabnum …


ASCII

theater relatief dogma

Wir wissen, dass das Theater unsere Leben verändert hat.

Wir glauben an die lebensverlängernde Kraft des Theaters.

Wir lösen die Widersprüche nicht auf.

Echte Theater Relatief Proben werden ohne Konzept und ohne Festlegung durchgeführt.

Es gibt keine echten Theater Relatief Proben.

Wir ziehen uns nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf - wir freuen uns auf die Pampe und lassen uns zuversichtlich fallen.

Alles ist immer wieder neu zu finden.

Wir lassen keinen General in uns aufkommen - wir machen Rhizom, nicht Wurzeln. Wir sind Vielheiten.

Wir achten das Unwichtige und lieben das Überflüssige - eine gelungene Probe zeichnet sich dadurch aus, dass sie vollkommen überflüssig ist und alles in Fluss bringt.

Wir vertrauen dem Fluss, der sich langsam und und schwarz durch unser Tal windet. Es gibt keinen Grund, ans Ufer zu gelangen.

Wir betreiben keine Landgewinnung - Standpunkte werden von uns geflutet.

Wir bauen Dämme und und reißen Dämme ein, wenn es uns notwendig erscheint.

Das Stück beginnt und endet nirgends.

Das Stück wird gemeinsam mit dem Publikum entwickelt und erlebt - unfertige Stücke können während der Aufführung vom Publikum weitererzählt werden.

Stücke werden nicht beendet, wir leben sie woanders weiter - im Haag, in der Dämmerung, zwischen uns.

Flüsse, Bäche, Wasserläufe fließen in unsere Proben ein und zweigen sich ab.

Niemand wird am Ufer zurückgelassen; wir reißen alles mit.

Wir lieben uns wie die Biber - Ihr findet unsre Spuren in die Stämme genagt.

Unser Theater ist Strandgut.

Wir unterscheiden nicht zwischen unserem Theater und unserem Leben.

Zwischen uns und unser Leben und zwischen die Realität und die Fiktion passt kein Blatt Papier, niemand tut als ob.

ZWISCHENRUF Als ob!

Unser Theater verfolgt kein Ziel - wir hören nicht auf die Rufe der Fatzkes.

Wer uns etwas sagen möchte, muss sich die Füße nass machen.

Dogmen sind für ambitionierte Gymnasiale,

wir lehnen sie ab -

wie vieles:

die listen liegen unter tage

lange schon.

Unsere Arbeit ist beschwerlich und mühsam - wir wollen sie nicht einfacher haben.

Was fertig ist, wird von uns neu gedacht, was auch einfacher ginge, machen wir aufwendiger.

Wir verkomplizieren alles.

Es gibt keine Kompromisse!

Wir suchen kompromisslos - und finden jeden und alles - ausnahmslos.

wichtig ist an dieser stelle und in diesen tagen eine wasserdichte theorie

und ein warm gelutschtes zutrauen in die eigene … „Ja was denn eigentlich?“

den glauben an die sanfte hügel-schönheit senfgelber theatersessel in rumänien

und den mut

das wieder zu löschen

endlich - endlich wieder zu löschen

oder endlich anzufangen

antidogmadogmadogmamadonna

(AMELIE und LUISA - zwei Kinder - tauchen auf, sie haben allerhand Spielkram dabei und breiten sich auf der Bühne aus)

LUISA Dogma ist ja lustig!

AMELIE Find ich albern.

LUISA Was jetzt?

AMELIE Na, das Wort: „DOGMA“ - so fängt doch kein Stück an.

LUISA Nee - kommt ja erst noch das Anti-Dogma!

AMELIE Noch doofer!

LUISA (Amelie umkreisend) Anti-Dogma - Anti-Dogma - Anti-Dogma

AMELIE Anti-Dogma-Dogma

LUISA Anti-Dogma-Dogma-Dogma

AMELIE Anti-Dogma-Dogma-Dogma-..donna - Dogma-Madonna

LUISA (bellt)

AMELIE Was ist das jetzt

LUISA Die DOG-Madonna

AMELIE Versteh ich nicht.

LUISA - Na „dog“ wie „Hund“

AMELIE Das ist gut: Atila, bei Fuß!

LUISA (gehorcht)

AMELIE Atila, geh spielen!

(LUISA ab)

AMELIE Der imaginäre Hund macht sich davon, in eine imaginäre Landschaft, wo er imaginäre Stöckchen aufsammelt.


versteckt bleiben

STIMME (Freizeichen) Ich bleibe versteckt.

AMELIE Was ist das jetzt? So fängt doch auch kein Stück an!

STIMME Ich bleibe versteckt hinter meinem Freizeichen.

(Pause - Freizeichen)

AMELIE Luisa! Komm wieder her! Atila, bei Fuß!

LUISA Was ist?

AMELIE (kommt zurück) Freizeichen…? - weißt Du, was das ist?

LUISA (wischt auf ihrem Handy rum) Ich schau mal nach….hier: Der Freiton, manchmal fälschlicherweise als Freizeichen bezeichnet, gehört zu den Hörtönen und er signalisiert dem Anrufer, dass die Leitung zum Angerufenen frei ist und der Teilnehmer gerufen wird.

STIMME Ich sage nichts,

AMLELIE Gib mal her (nimmt Luisa das Handy weg - liest) Der Klingelton, früher als Rufton bezeichnet, ist im Allgemeinen ein Signalton für den Endteilnehmer eines Telefonanrufes. Das Telefon klingelt bei irgendwem.

STIMME …kann noch nicht reden…

AMELIE (liest vor) Es gibt übrigens auch den Gassenbesetztton. Er gehört ebenfalls zu den Hörtönen.

STIMME …oder nicht mehr.

AMELIE Der Ausdruck „gassenbesetzt“ bedeutet dabei, dass eine bestimmte Rufnummerngasse nicht erreichbar ist, infolge einer Überlastung oder Störung.

LUISA: Die Gasse ist also besetzt; sie ist schon proppevoll.

AMELIE: Ja, sie ist eigentlich verstopft von Wähltönen.

LUISA: Man könnte daraus ein Schlagzeugsolo komponieren. (kurzes Schlagzeugsolo - sie flippt ziemlich aus)

STIMME: Ich werde mir wieder ein Telefon mit Wählscheibe besorgen.

LUISA: Was ist denn ein Telefon mit Wählscheibe?

AMELIE (kramt ein Wählscheibentelefon aus ihrem Rucksack) So eines!

LUISA (untersucht es) Wow, das ist echt alt.

AMELIE Ja, sind die hier ja auch alle.

LUISA Hat aber keinen Wählton, oder?

AMELIE Nein, aber hör mal (lässt es knattern) wie schön die Scheibe knattert…

(Amelie wählt mit dem Wählscheibentelefon - es knatttert)

STIMME: Ich spüre den Widerstand der Wählscheibe in den Fingerknochen, wenn ich eure Nummer wähle. Ich fürchte diesen Widerstand. Er trennt mich von euch. So wie sich das Rad an seinen Nullpunkt immer wieder zurückdreht, so muss ich den Punkt finden, an dem Ihr noch nicht hier wart - es dieses HIER noch gab, ohne euch.

(Es klingelt. Das Klingeln will kein Ende nehmen; es springt kein Anrufbeantworter, während des folgenden Monologs klingelt es fortwährend)

Das ist lange her. Ich bin versteckt geblieben - einen Moment zu lang. Wenn alle nach Hause gehen, wenn die Freunde ratlos in die warmen Eigenheime zurückkehren - Abendbrotzeit und durch florale Baumarktvorhänge das Flackern der indirekten Esszimmerbeleuchtung - einfach nicht zurückkommen, wenn es draußen langsam dunkel wird. Ich bleibe versteckt. Ich kann Euch nicht hören.

Den Suchtrupp abwarten - warten, bis die Tiere Dich annagen, die Wange an den feuchten Stamm gepresst -

„Ist er denn nicht mit Euch draußen gewesen? Wer hat ihn denn zuletzt gesehen?“

Ich bleibe versteckt. Ich bin zu lange schon hier draußen um wieder zurückzukommen - viele Sommer lang - meine Füße kann ich nicht mehr sehen zwischen dem Herbstlaub, das sich über die Jahre angesammelt hat - gekitzelt hat zwischen den Zehen - weich wurde über die Zeit - die nackten Füßen umhüllte in den ersten Rauhreifnächten.

Ich weiß noch den ersten Abend, als sie die Suche einstellten - die Suchtrupps sich wortlos auflösten, zerstoben und in ihre Hütten und Häuser zurückkehrten, ihre Pfeifen und Öfen ansteckten. Es ist kein Zeichen notwendig, wortlos klopfen wundgegrabene Hände auf schwere Schultern, werden die Kragen öliger Windjacken hochgeschlagen - gleiten letzte suchende Blicke in der Dämmerung ab und verlieren sich.

Ich decke mich weg und sauge die kühle Nachtluft ein, die nach Rauch und feuchtem Laub schmeckt.

Ihr findet mich nicht in diesem JETZT.

(es klingelt immer noch)

AMELIE97, 98, 99, Eckstein - Eckstein, alles muss versteckt sein, hinter mir, vor mir, links, rechts gilt nicht - !

irgendwie anfangen

(er nimmt ab)

Ja bitte!

AMELIE und LUISA 100 - wir kommen!

STIMME Was wollt Ihr?

AMELIE und LUISA Wir haben Sie gefunden.

STIMME Wer seid Ihr?

AMELIE und LUISA Sie müssen mitspielen!

STIMME Ich spiele nicht mehr mit. Wie habt Ihr mich überhaupt…? Die Suche ist längst eingestellt, geht wieder nach Hause!

AMELIE Wir mussten Sie nicht suchen, wir haben Sie uns einfach ausgedacht.

STIMME Das ist absurd -

LUISA Sie sind uns einfach so eingefallen.

STIMME Was wisst Ihr überhaupt von mir?

AMELIE Noch nicht viel, wir haben Sie uns ja gerade erst gefunden.

STIMME Ich lasse mich nicht mehr finden - ich lasse mich da nicht mehr reinziehen - nicht von Euch, nicht von den anderen - von niemandem. (legt auf)

(Pause - es klingelt)

STIMME (nimmt ab) Ja?

AMELIE Sie können doch nicht einfach auflegen - mitten in der Geschichte!

STIMME Es gibt keine Geschichte.

LUISA Das haben Sie nicht zu bestimmen.

STIMME Versteht Ihr nicht, ich will das nicht mehr. Ich spiele da nicht mehr mit -

AMELIE Sie denken, Sie können sich hinter einem Freizeichen verstecken - Sie glauben, das verschwindet alles, wenn Sie den Rechner zuklappen, die Buchseite ausreißen, den Hörer auflegen.

LUISA (plötzlich heftig) Sie sind wirklich schrecklich dumm - ich wünschte, wir hätten uns jemanden mit mehr Verstand ausgedacht

AMELIE Ja, jemand der weiß, wie sich die Dinge zueinander verhalten.

LUISA Na toll, ist jetzt natürlich zu spät.

STIMME Ich will das nicht, ist das so schwer zu verstehn?

(legt auf)

weitermachen

(In einer Wohnlandschaft: ein Sofa. Das Sofa ist das Zentrum des Stückes. Das Sofa, auf dem die Frau im Udo Jürgens Song „Ich war noch niemals in New York“ sitzt, das Sofa, auf dem wir Schlager hören, das Sofa, das von uns geschlagen wird und vielleicht zurückschlägt. Jaaa, es wird zum Transformer, oder vielmehr war es immer ein Transformer Sofa! Es wird lebendig, klappt sich zu einer omnipotenten Freiheitsmaschine um und auseinander, und aus dem Inbegriff der Sattheit und vermotteten Gemütlichkeit wird „Super Sofa“, ein Möbel, das sich selber entmöbelt hat, während alle anderen sich noch vermöbeln. Ein mächtiges Philosofa, das uns zur Revolution führen wird! Zu welcher Revolution? Zur Revolution von allem Denkbaren… Es kann rennen und fliegen und hat unvorstellbare Kräfte, es wird uns fressen und neugeboren wieder ausspucken… vor allen Dingen wird es neue niedagewesene Schlager singen, das wird das wichtigste sein)

RUTH Wer war dran?

HERBERT Was meinst Du?

RUTH Na, wer am Telefon war?

HERBERT Ich weiß nicht.

RUTH Du hast 10 Minuten telefoniert, aber Du weißt nicht mit wem?

HERBERT Nein, ich habe es nicht richtig verstanden.

RUTH Und Du hast nicht nachgefragt? Du telefonierst mit irgendjemandem ohne zu wissen wer es ist und Du fragst nicht nach seinem Namen?

HERBERT Ich glaube, er hat ihn garnicht gesagt - ich weiß nicht mehr. Ich war abgelenkt. Ich habe über das nachgedacht, was Du gleich sagen wirst.

RUTH Na, das ist ja klasse - jetzt bin ich schuld, dass Du nicht telefonieren kannst wie jeder normale Mensch.

HERBERT Entschuldige, ich bin noch nicht ganz angekommen.

RUTH Was soll das heißen? - Du bist noch nicht ganz angekommen? Seit 30 Jahren sitzt Du mir gegenüber, glotzt mit Deinen wässrigen Augen vor Dich hin, stierst an mir vorbei auf den Pfennigbaum und knetest mit Deinen alten feuchten Händen die Wachstischdecke.

HERBERT So meine ich das doch nicht.

RUTH Du meinst nie etwas - ich frage mich, wie ich in dieses Leben geraten konnte, wann das angefangen hat, dass Du mir meine Zeit weichgeknetet hast. Du bist „noch nicht ganz angekommen“? Ich bin hier so angekommen, dass es wehtut - mehr ankommen kann man garnicht.

(es klingelt an der Haustür)

RUTH Erwartest Du jemanden?

HERBERT Nein, es weiß ja noch keiner, dass wir da sind.

RUTH Willst Du nicht aufmachen.

HERBERT (geht ab)

JOHANN (tritt auf, Rucksack, Flip-Flops, Traveller-Klamotten. Er scheint von weit her zu kommen, als er das Zimmer betritt - vor dem ihm überrümpelt folgenden Herbert - weht eine Sandböe in den Zuschauerraum. Johann ist Aphasiker - die Aphasie darf keinesfalls gespielt sein - sie ist kein Handicap, sondern zeichnet ihn in besonderer Weise aus, es umhüllt ihn ein irisierender Schein. Er spricht in einer auch für die Zuschauer gänzlich unverständlichen eigenen Sprache. Im Folgenden sind Textpassagen, die vom Schauspieler ohne feste gestische und mimische Vorgaben gesprochen werden durch Auszüge aus dem Hildebrandslied zu ersetzen - die Verse sind als copy-paste-Vorlage dem Rhizom vorgeordnet. Es ist unbedingt auf die korrekte Reihenfolge der Verse zu achten. Johann wirft sich auf das Sofa, schleudert den Rucksack und die Flip-Flops von sich und lässt sich offensichtlich häuslich nieder. Er prüft Wind- und Lichtverhältnisse, setzt einen kleinen Gaskocher in Gang, drapiert die Kissen um. Nach der Prozedur, die Ruth und Herbert wort-, fassungs- und regungslos beobachtet haben, lehnt er sich gemütlich zurück, verschränkt die Arme hinterm Kopf - mit einem breiten Grinsen)

JOHANN eIk gıhorta dat ſeggen

RUTH (die als Erste wieder ihre Fassung gewinnt) Herbert, jetzt steh doch nicht so nutzlos herum - tu etwas!

HERBERT Was soll ich denn…? Ich meine…ich weiß nicht recht (versucht entrüstet zu klingen) Was wollen Sie von uns? Sie können doch nicht einfach ungefragt hier in unser Wohnzimmer marschieren und sich auf unserem Sofa ausbreiten - das ist nun wirklich nicht… - also das ist… - ich finde… - Sie sollten… - (nach Worten ringend) also…Sie sollten wissen: der Velourstoff reagiert sehr empfindlich und wir konnten vergangene Woche nur mit allergrößter Mühe und durch die sofortige und gründliche Bearbeitung mit destilliertem Wasser einen Fleck, von dem wir nicht einmal genau wussten, wie er auf die Sitzfläche geraten ist, wieder beseitigen und Schlimmeres verhindern -

RUTH Du bist der größte Hohlkopf, den ich kenne - Herbert, halt die Klappe und mach Kaffee.

(Herbert ab)

Sie müssen entschuldigen, Kommunikation war noch nie seine Stärke, aber seit er nur noch zu Hause sitzt, ist es wirklich unerträglich geworden mit ihm. Ich weiß nicht, was ich mit ihm anfangen soll - ich rede auf ihn ein - Er schaut mich an mit seinen Wasseraugen, als warte er auf irgendetwas. Als hoffte er, dass ich etwas sage oder tue. Aber was soll ich denn sagen? Ich weiß ja nicht einmal, ob irgendetwas von dem, was ich sage, bei ihm ankommt. Ich kann ihn ja auch nirgendwohin mitnehmen. Sie machen sich keine Vorstellung, in welche unmögliche Situationen er mich bringt - naja, Sie haben es ja gerade selbst erlebt. Der Mann ist einfach nicht auszuhalten. Ich bin sehr froh, dass Sie gekommen sind.

JOHANN hıltıbrant entı hadubrant untar herıun tuem •

RUTH Ich weiß ja, dass ich ihm auch unrecht tue - und wenn er jetzt gleich mit seinem Kaffeetablett ungelenk ins Zimmer balanciert und fragt, ob er die kleinen Tassen mit Untersetzer oder die großen Humpen verwenden soll, und wenn er an die eingeschweißten Kekse gedacht hat, und wenn er dann auf den Kannendeckel drückt, um die heiße Luft ausströmen zu lassen, damit der Kaffee ruhiger in die Tasse fließt - (während des folgenden Monologs verschwindet sie zwischen Sitzfläche und Lehne des Sofas, das Erzählte geschieht zugleich) sein suchender Blick dann durchs Wohnzimmer schweift, er für einen Moment überrascht ist, weil ich da nicht mehr bin - für einen Augenblick still seht, das Tablett zwischen seinen müden Händen. Wie er da so steht, ein großer trauriger Bär - der für einen Moment Witterung aufnimmt, sein Tanzbärenleben, die Goldrandtassen, die Demütigungen vergisst, weil für den Bruchteil einer Sekunde alles hätte ganz anders sein können - alles möglich scheint. Dann reißt für diesen kurzen Moment der Schleier auf, dann fällt für den Bruchteil einer Sekunde durch diesen Riss ein Schimmer - eigentlich nur eine Ahnung, ein Funkeln zwischen den schlaffen Augenlidern - eine schwache Erinnerung an eine andere Zeit, eine Wildheit, ein fremder Geruch.

Nur der geübte und geduldige Beobachter kann diesen Moment überhaupt wahrnehmen - aber wenn ich ihn so da stehen seh, drückt es mir die Tränen in die Augen. (verschwindet völlig im Sofa)

HERBERT (setzt sich mit dem Tablett neben Johann - beide starren eine Weile vor sich hin)

JOHANN ſunu fatarungo • ıro ſaro rıhtun •

HERBERT Du musst mir nichts erklären - ich verstehe schon! Auch Hunger? (bietet ihm einen eingeschweißten Keks an, den Johann dankbar annimmt. Johann versucht im Folgenden die Keksverpackung zu öffnen - was ihm nur mit größter Mühe gelingt. Beide mümmeln schließlich stumm einen Keks - es fallen ihnen fortwährend Krümel aus dem Mund, was keinen stört. Sie genießen einen Moment großen Friedens) Gut - oder?

JOHANN ƿant her do ar arme ƿuntane bauga

HERBERT Das ist nett, dass Sie mich trösten möchten, aber ich verspüre keine Traurigkeit, das ist lange vorbei. (Pause - dann plötzlich laut, in Richtung imaginärer Regie) - Hallo - das tritt hier auf der Stelle - (Pause) Hallo, kann mich jemand hören? Das kommt nicht in Bewegung - es dümpelt hier so richtungslos vor sich hin! (Pause) - könnte jemand sich bitte mal kümmern?? Ich habe auch immer noch Hunger und die Kekse sind alle!

(der Hund der Dogmamadonna kommt auf die Bühne, er trägt im Maul ein Handy wie ein Stöckchen - es klingelt.)

HERBERT Da ist ja ein toller Impuls: ein Hund - …wirklich ganz groß - canis ex machina; sonst fällt Euch nichts ein, ein Aphasiker und ein Hund - na, Dankeschön auch. (Herbert nimmt das Handy)

AUTOMATISCHE ANSAGE (Der Udo Jürgens Song „Ich war noch niemals in New York“ in Dauerschleife - unterbrochen von der Ansage „Augenblicklich sind alle unsere Mitspieler im Stück - bitte haben Sie einen Augenblick Geduld“)

koinzidenz der zufälle

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ich sitze zwischen Warthe und Warthe Aufbau und warte …. aus dieser Richtung muss er kommen! Nur der Wind rauscht. Möven flattern über dem Feld und ach ja ..eine unsichtbare Lerche singt unentwegt. Ich warte nicht allein. Ein gefangener Strohballen scheint auch zu warten. Leider können wir uns nicht verständigen. Seine Aussprache ist zu abgehackt.

handlungsmöglichkeiten

AUTOMATISCHE ANSAGE Ein Mann hat beim Zigarettenholen die Phantasie, aus seinem festgefügten, grauen Alltagsleben zu fliehen, in die Weltmetropolen zu reisen, kommt dann aber doch nach Hause, setzt sich vor den Fernseher zu seiner Frau und geht nicht auf Ihre Frage ein „War was?“.

Bitte wählen Sie unter folgenden Handlungsmöglichkeiten:

Drücken Sie die Eins, wenn Sie denken: „Selber schuld! Mann, der Schlappschwanz soll halt seine Alte unterhaken und sagen, „Und ob was war! Mir ist gerade klar geworden, dass wir unser Leben ändern müssen! Komm wir machen die Sause, und auf der Reise machen wir uns Gedanken, wie wir unser Leben umkrempeln und aufpeppen können.“ Die Frau wird begeistert sein, weil das allemal 100 mal besser ist als dieser permanent latent unzufriedene Sack, der ihr Mann bisher war. Sie als Teil des Problems zu sehen ist einfach scheiße! Obwohl, wir kennen sie ja gar nicht, vielleicht ist sie wirklich Teil des Problems… Aber dann stört mich trotzdem dieses Klischee, das sicher in den 80ern, aus denen das Lied ja stammt, noch hoffähiger war: Mann hat Freiheitsdrang / Frau ist Familie, Ordnung Struktur wichtig. Mann will in die Wildnis, was Frau so lange recht ist, wie Mammutfleisch abfällt für die Gemeinschaft. Nach neueren Studien haben auch Frauen Mammuts gejagt.

Wählen Sie die Zwei, wenn Sie der Meinung sind, New York, Hawaii, San Francisco werden überschätzt. Man kann auch im Spessart seine Weltsicht erneuern.

Drücken Sie die Drei, wenn Sie denken, die beiden sollten Theater spielen. Das soll aber nicht so verstanden werden, dass sie auf harmlosem Terrain sozusagen ihren Freiheitstrieb gefahrlos ausleben, um danach durch Katharsis gereinigt wieder ein harmloses funktionierendes Mitglied der Gesellschaft zu sein. Nein, die Sprengkraft des Theaters befruchtet das Leben und umgekehrt. Muss natürlich alles nicht, aber wenn man unzufrieden ist mit dem wie es bisher ist, vielleicht schon.

Drücken Sie die Vier für das bedingungslose Grundeinkommen.

Wählen Sie die Fünf, wenn Sie keine Lust haben, alte Schlagertexte ernst zu nehmen.

Die Sechs hilft Ihnen weiter, wenn Sie Lust haben, noch viel mehr alte Schlagertexte ernst zu nehmen und auf ihren Gehalt abzuklopfen oder sie einfach als Startrampe für Spinnereien zu benutzen, gerade weil sie so alt und abgenudelt sind. (Musik: Ich war noch niemals in New York)

HERBERT (legt auf) `nen alten Scheiß drück ich!

JULI (an der Tür - ruft ins Wohnzimmer) Hey Papa - ich bin da. Ist okay, wenn Raimar mitkommt? Bei ihm in der Bude is` Wasserrohrbruch. (betritt das Wohnzimmer, hinter ihr Raimar)

dazwischengehen

JULI Ist Mama da?

HERBERT Nicht mehr.

JULI Können wir für ein paar Tage hier bleiben?

HERBERT Ja, klar. Ich dachte, Ihr wolltet nach Rumänien?

JULI Hatten wir auch vor, aber gestern hätte es Reimar fast erwischt. Aber wenn wir jetzt aufgeben, wenn wir jetzt weggehen, war alles umsonst. Wir dürfen nicht nachlassen - es steht zu viel auf dem Spiel.

REIMAR Das war kein Zufall mit dem Wasserrohrbruch.

JULIE Stell Dir das vor, Papa! - ein Wasserrohrbruch! Das ist so unerhört, wir können uns das nicht gefallen lassen - so eine Geschichte darf nicht…

HERBERT (streicht Juli eine Strähne aus dem Gesicht) Immer noch meine kleine tapfere Kriegerin. Immer noch die gleichen wut-roten Wangen - die gleiche Empörung. Immer in Kampfbereitschaft, und bereit zuzuschlagen. Lass Dich mal in den Arm nehmen, Du bebst ja noch! (Pause)

HERBERT (streicht Juli eine Strähne aus dem Gesicht) Immer noch meine kleine tapfere Kriegerin. Lass Dich mal in den Arm nehmen, Du bebst ja noch! (Pause)

JULIE Papa, ich bin so wütend. (weint)

HERBERT Du zitterst noch - genau wie damals. Weißt Du noch, als der zum ersten Mal der Herbststurm durch Deine flirrenden Sommer-Gartenträume gewütet ist?

JULIE Ich habe damals gedacht, der Sommer würde nie enden.

HERBERT Ich sehe noch, wie der kalte Regen in Dein kleines Gesichtchen gepeitscht ist, wie Du Deine Habseligkeiten zusammengerafft hast: Plastiktiere und Barby-Puppen - viel zu spät schon. Zu lange hast Du stur dem Unwetter getrotzt.

JULIE Ich hab mich an die Sommerhoffnung geklammert.

HERBERT Und bist an der Scheibe geklebt - wutentbrannt. Dein Kleidchen durfte ich Dir nicht ausziehen.

JULIE Das blaue.

HERBERT Hast Deine zarten weichen Händchen geballt - vor Wut gezittert. Wie Du getobt hast (lacht) Ich konnte Dich nicht halten - durfte Dich nicht trösten. So groß war die schreiende Ungerechtigkeit der Natur, die Dich aus der Sorglosigkeit Deines sommerlichen Gartens getrieben hatte.

JULIE Ich wollte losziehen und losschlagen.

HERBERT Ich seh sie wieder in Deinen tränenglänzenden Augen - die Wut der ganzen Welt. Nirgends hast Du es ausgehalten -

JULIE Ich musste einfach weglaufen.

HERBERT Ich weiß.

JULI Weißt Du, manchmal glaube ich, ich bin seitdem wütend. Und manchmal denke ich, ich renne seitdem davon. Und wenn ich dann mal kurz stehenbleibe, halte ich es nicht aus - ich halte es einfach nicht aus, Papa!

HERBERT Ich weiß.

JULI Wir können uns doch nicht immer weiter die gleiche Geschichte erzählen, Papa; ich kann doch nicht wieder und wieder am Fenster stehen und mit den Fäusten gegen die Scheibe trommeln. Ich will, dass das aufhört, Papa! Ich will die Geschichte nicht mehr erzählen.

HERBERT Aber es ist doch auch Deine Geschichte, Juli - und unsere Geschichte, unsere gemeinsame Geschichte.

JULI Ja, wenn Du sie erzählst, dann springe ich unter unserm Blätterdach, jage Sonnenflecken, liege im ungeschnittenen Gras, lese die geheimen Blätterbotschaften, wenn der Wind durch die Bäume geht. Dann tanzen Blätter vor der flirrenden Mittagssonne. Dann schließe ich die Augen und spüre die Sonnenmorsezeichen auf meinen Lidern. Ich lausche hin - ich verstehe nichts und ich begreife alles, weil da nichts zu verstehen ist - alles singt und tanzt und weil da keine Melodie ist und kein Text mehr.

REIMAR Das ist wie bei mir zu Hause!

JULI und wenn es ganz still wird in meiner Geschichte und in mir - (Pause)

REIMAR …was ist dann?

JULI dann reißt das alles auseinander, fährt mir das Messer unter die Haut - schneidet mir Garten, Baum und Sonnenflecken aus dem Fleisch und ich bleibe zurück - und mein Blut rinnt mir in die Augen -ich fahre mir mit meinen besudelten und nackten Armen über die Sirn und dann spüre ich, dass da jemand etwas in meine Stirn geschnitzt hat, dass da Buchstaben sind - auf meiner Stirn - und dann spüre ich, dass da steht: ich habe Dich gefunden.

HERBERT Ihr könnt erstmal hier bleiben - ich habe noch Linsen von gestern, Ihr könnt Euch ein paar Würstchen reinschneiden, das reicht noch für uns alle, heute.

krasser münchhausen-scheiss

JULI (bemerkt erst jetzt Johann) Wer ist das?

HERBERT Keine Ahnung - ist seit vorhin da.

JULI Wie heißt er?

HERBERT Weiß nicht - kann, glaube ich, nicht reden.

REIMAR Echt jetzt?

JOHANN (abwehrend) garutun ſe ıro gudhamun • gurtun ſih • ıro • ſuert ana •

REIMAR Wahnsinn - Wahnsinn!! Krasser Zufall (zu Juli) - das hast Du mir doch gerade erzählt, von dem Münchhausen-Ding!

JOHANN helıdoſ ubar rınga do ſie to dero hıltu rıtun •

REIMAR - krass! Steht doch genauso auf Wikipedia - warte… (wischt auf seinem Smartphone rum) hier: „Warum ist das Mädchen stumm? – Das Mädchen ist stumm, weil es sein Sprachvermögen verloren hat! – Warum hat es sein Sprachvermögen verloren? – Auf Grund des Unvermögens, die Sprache zu beherrschen!“ - krasser Scheiß: ist ein Münchhausen-Trilemma.

JOHANN (wütend) hıltıbrant gımahalta herıbranteſ ſunu • her uuaſ heroro man

REIMAR jetzt sitzt der Typ bei Euch auf dem Sofa und kann nicht reden - das ist wirklich ein krasser Scheiß! Warum kann er nicht reden? weil er nicht reden kann - voll der Münchhausen!

JOHANN feraheſ frotoro • her fragen gıſtuont

HERBERT Er meint, dass das ein logischer Zirkel ist.

REIMAR Klar! - sag ich doch! (immer noch mit seinem Handy beschäftigt) - steht hier auch so.

JOHANN (gibt seinen Widerstand auf) fohem uuortum • ƿer ſin fater ƿarı

REIMAR Ich hab das jetzt auch verstanden: wir wissen, dass es keinen Grund geben kann für irgendeinen Scheiß. Wie in Deiner Garten-Story: Es gibt keinen Grund, warum der bekackte Sturm in Deiner Geschichte alles kaputtreißen soll.

JULI Es gibt auch keinen Grund für den Garten und die Sonnenflecken und das alles.

REIMAR Und dann haben wir Angst - richtig?

JULI Ja.

REIMAR Dann haben wir Angst, weil wir immer einen Grund suchen - weil die Scheiß-Suche immer weiter geht, weil wir nicht stehen bleiben können ohne Grund.

JULI Weil…weil…weil

REIMAR Ja, und dann ist da der Sumpf und die Angst. und dann schreien wir wie kleine dämliche Babys und kriegen nichts zu greifen, weil da nichts ist, woran wir uns rausziehen können - weil es einfach keinen verdammten Grund gibt für irgendwas! das ist wirklich ein krasser Scheiß - und was machen wir da jetzt - sorry, ich hab`s vergessen?

JULI Wir ziehen uns an unsren eigenen Haaren aus dem Sumpf - so beginnt die Geschichte. So hängt sich Begründung an Begründung, tobt der Herbststurm durch unseren Garten. So reden wir uns ein, dass es einen Grund geben muss, für die Hagellöcher in unsrer Stirn, für den Herbststurm in unsren Gedanken, dafür dass der Sommer im kollosalen Wasserrohrbruch ersäuft, dafür, dass wir irgendwann da sind und irgendwann wieder weg. Dafür dass unser Kaninchen stirbt. Aber wir erzählen die Geschichte so nicht mehr weiter!

REIMAR krasser Scheiß!

JULI Kannst Du mal damit aufhören bitte?

weidmannsheil

(Es klingelt an der Tür - niemand reagiert)

JULI Papa, willst Du nicht aufmachen?

HERBERT Geh Du. Ich weiß doch, was jetzt kommt.

JULI Du wirst wirklich immer seltsamer. (geht ab)

(JULI kommt mit GUNTHER wieder - GUNTHER trägt Jägerkleidung, er ist auf eine merkwürdige Weise derangiert…Details seines seltsamen Erscheinens sind auf jeder Probe und bei jeder Aufführung neu festzulegen, sodass die an der Szene Beteiligten wirklich überrascht sind. Das Jägerhafte bleibt trotzdem immer erkennbar.)

GUNTHER (aufgeregt) Herbert - das ist gut, dass ich Dich gefunden habe.

HERBERT (zu sich) Ich muss wirklich über meine Verstecke nachdenken.

(HERBERT spricht den folgenden Satz GUNTHERS leise synchron mit. Er muss ihn schon tausendmal gehört haben)

GUNTHER Herbert, sie haben RUTH gefunden! Im Wald - in unserem Wald, verstehst Du?

REIMAR Coole Jacke (T-Shirt, Hose, Jacke, Wimpel…was immer an Reimars Outfit bemerkenswert ist) - kann ich die mal…

JULI Du gehst mir so auf die Nerven - ehrlich! Was ist mit Mama?

HERBERT Das weißt Du doch.

JULI Was weiß ich?

JOHANN fıreo ın folche … •

JULI Was sagt der?

GUNTHER Herbert, wir müssen reden - ich glaube nicht, dass…

JULI …dass was? Du schlägst hier auf in Deinem Jägerkostüm, mit Deinem Weidmanns-Heil-Gequatsche…(GUNTHER imitierend) unser Wald - Sie haben sie gefunden - in unsrem Wald. Was weißt Du eigentlich von unserm Wald?

GUNTHER Mann, ich weiss alles über den Wald, ich weiß zum Beispiel, dass ein Rhizom eine unterirdische, horizontal wachsende Sprossachse ist, die von vielen krautigen Pflanzen ausgebildet wird. Es weist typische Merkmale des Sprosssystems, jedoch keine Wurzelmerkmale auf. Es bildet kurze, verdickte Internodien, Blattnarben und eine mit dem Spross identische Leitbündelanordnung. Wurzeln bilden sich sprossbürtig. Blätter werden als schuppige Niederblätter angelegt und dienen oft der Speicherung von Reservestoffen (insbesondere Stärke), wodurch das Rhizom von der Pflanze auch zur Überwinterung im Boden genutzt werden kann. Von einer einzelnen Pflanze aus kann sich das Rhizom sehr weit verzweigen und große Bodenflächen durchwuchern …aber vor allem weiß ich, dass es ihn nicht mehr gibt, den Wald! Erst haben sie sie gefunden - bei uns im Wald, und jetzt ist er weg.

REIMAR …wie jetzt - weg?

GUNTHER Na einfach weg - einfach so - Baum, Busch, Käuzchen, Rehkitz, Eber - alles weg. Unser Wald ist nicht mehr.

REIMAR krasser Scheiß!

JULI Jetzt aber echt mal! War aber eh ne Scheiß-Geschichte mit dem Wald und mit Mama, gut dass sie weg ist - also die Geschichte, nicht Mama. Hätte nur nicht gedacht, dass das so schnell geht.

HERBERT Dass was so schnell geht?

JULI Nix - erzähl ich Dir später.

GUNTHER Draußen ist die Hölle los, niemand weiß, wie sich die Dinge noch entwickeln. Ich habe es kaum bis zu Euch geschafft. Auf der Straße ist man nicht mehr sicher - wenn die überhaupt noch da ist.

HERBERT Wie meinst Du da?

GUNTHER Na, die Straße, wer kann das heute schon wissen, ob die noch da ist, die Straße, wenn er aus dem Haus geht - endet ja auch keine Straße mehr im Wald, weil kein Wald mehr ist (Lachkrampf)

JULI Eine Straße ist ja aber nur eine Verbindung, wie so eine Konjunktion - die ist ja erstmal harmlos, warum sollte die verschwinden - die kann ja nix für die Punkte, die sie verbindet, die erzählt ja erstmal keine Geschichte.

REIMAR Das kannst jetzt so auch nicht sagen - gibt ja krasse Roadmovies, kennt Ihr Wild at Heart, absoluter Lieblingsfilm! JULI Ja, ich wollte ja auch nur sagen, dass ich glaube, dass die Straßen noch da sind.

HERBERT Wie auch immer - wir sollten heute Nacht alle hier bleiben, ich hab noch ein paar Decken - und einen alten Schlafsack in der Garage. Hier ist genügend Platz im Haus, (Johann ist auf dem Sofa eingeschlafen) - Gunther, du kannst im Hobbykeller schlafen, Reimar und Juli, Ihr könnt in Julis Kinderzimmer, und ich bleib noch wach, falls Ruth wieder kommt. (alle ab, bis auf den schlafenden Johamn auf dem Sofa)

sandmann

JOHANN (schläft eine Weile geräuschvoll - er träumt offensichtlich, schlägt um sich, murmelt, gluckst, sprutzt…er droht zu ertrinken; wacht auf und schnappt eine Weile nach Luft. Als er sich beruhigt hat, prüft er mit allerlei Gerätschaften die Atmosphäre. Er wirkt besorgt - prüft die Ergebnisse nochmals. Er kramt in seinem Rucksack, findet einen gelben Memo-Block, versieht einige Memos mit Kreuzen und klebt sie auf das Mobiliar. Schließlich kramt er aus seinem Rucksack ein Raumspray - „Waldfrische“ - und sorgt ausgiebig für einen angenehmen Tannenduft im Raum)

REIMAR (kommt offensichtlich von der Toilette - schlaftrunken) krasser Traum… (bemerkt den Tannenduft) Oh Mann, das stinkt was weg hier.

JOHANN (hat sich hinter das Sofa versteckt - mach sich einen kindischen Spaß daraus, Reimar mit dem Raumspray zu erschrecken)

REIMAR Fuck - Mann, Du hast mich echt krass geflasht…auch noch wach?

JOHANN eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ •

REIMAR Echt Mann, ich mag Dich - ich mag, wie Du sprichst.

JOHANN ıbu du mı enan ſageſ ık mı de odre uuet

REIMAR Ja, wie auch immer…klingt jedenfalls schön - irgendwie geheimnisvoll. Ich hatte echt nen krassen Traum. Kennst Du das, wenn Du Dich so selbst siehst im Traum - irgenwie so von oben - kreist Du wie so ein Spielzeughubschrauber über Dir selbst und siehst Dich da liegen. Und dann war da so eine bescheuerte Idee - die sitzt da fest in meinem Kopf - also irgendwie drin in mir und ging da nicht mehr raus. hat sich da festgefressen wie irgend so ein fettes Vieh - und ich weiß garnicht, wo so eine bekackte Idee herkommt, aber wie ich mich da so liegen seh und mir so denke: Du siehst echt mal nicht so schlecht aus - irgendwie mag ich Dich. Das darfst Du jetzt nicht falsch verstehen, das ist jetzt nicht irgendsoeine Homo-Geschichte oder so ein krass-übles Ego-Ding. Ich schwirr da so über mir und dann wird`s so warm überall - wie wenn Du ewig draußen warst - im Winter jetzt - und dann in die Disko kommst - und das ist, als wenn Du da reintauchen oder reinschwimmen kannst, in die Wärme. So ein Gefühl hatte ich. Und dann bin ich noch ein bisschen höher geflogen und da hab ich es gesehen: dass ich nämlich da völlig alleine liege - also alles schwarz um mich rum. und alles kalt überall. und echt mal keiner in der Nähe. nix. und über mir: auch nix. kein scheiß-Himmel über mir - und ich denk mir: wenn ich jetzt tot bin, warum liege ich immer noch so alleine rum - warum kommt kein scheiß-Engel oder so, oder mein Oma, das hab ich mal gelesen, dass dann ein Verwandter kommt und Dich holt, wenn Du gestorben bist - und da hab gedacht, bestimmt kommt meine Oma mit ihren Butterkeksen, aber nix - keine Oma, keine Butterkekse - kein Gott oder so - nur der leere schwarze Himmel. und da hat sich plötzlich diese bescheuerte Idee reingefressen in mich - konnte ja auch nirgends sonst hin, die Idee mit dem Turm - so einem Turm, der bis in den schwarzen Himmel reicht - bis dahin wo Gott ist oder Allah oder was weiß ich. Und weil da ja nichts war außer mir, reiße ich mir meine Wade auf. Das ging eigentlich ganz leicht - ist ja oft im Traum alles viel einfacher - stecke also meine Hand in meine Wade - durch das ganze zähe Muskel-Sehnen-Zeug, schiebt sich zur Seite, wie wenn Du in ein Stück Kuchen schneidest, denke ich und spüre an den Fingerspitzen den harten weißen Wadenknochen der da glitschig zwischen den Sehnen steckt . Rutscht mir zwei- dreimal aus den Fingern bis ich ihn mit so einem (macht das Geräusch nach) Schmatzen oder (macht noch ein wirklich ekliges Geräusch) Schnalzen rausgerupft bekomme - schon wühle ich weiter, grabe mich in meine Bauchdecke, schiebe Eingeweide auf die Seite, breche mir ein paar Rippen ab - die lassen sich ganz leicht auseinanderknacken, wie so Holzstäbchen beim Chinesen, denke ich. und immer weiter pflücke ich Knochen aus mir raus und baue sie zu einem immer krasseren Gerüst - im Traum passen die Dinge ja manchmal auch besser zusammen als in Wirklichkeit - und so passt Knochen auf Knochen und als ich mir gerade einen Oberarmknochen aus dem Schultergelenk drehe und es mich zur Seite schleudert, weil der Knochen im Gelenk so zurückschnalzt und ich ja auch ein bisschen unstabil geworden war wegen der vielen Knochen, die ich mir schon rausgerupft habe, schaue ich nach oben und da bemerke ich, dass ich die Spitze des Turms schon nicht mehr sehen kann - und plötzlich fällt mir auf - also mitten im Traum - was für eine bescheuerte Idee das eigentlich ist - und da bekomme ich Panik und denke, Du musst die alle wieder reintun in Dich und plötzlich fällt mir auf, dass ich nicht aufgepasst hatte, wo ich die alle raushatte - dass ich gar nicht wusste, wie die alle wieder reingehören in mich - und da stand der ganze riesige Turm vor mir, dessen Spitze ich nicht mal sehen konnte, und ich ziehe so einen kleinen raus, der mir irgendwie bekannt vorkam und der zwei längliche Knochen auseinanderhielt - und ich schaue den so an und da weiß ich nicht einmal mehr, was das eigentlich ist - das Ding in meiner Hand - wo das herkommt und wo das hingehört und wie ich das Ding nennen soll - und ich forme meine Lippen so rund - so (macht es vor), weil ich denke, dass das gleich das rauskommen muss, aus meinem Mund, das Wort für das Ding in meiner Hand - (versucht das Wort zu artikulieren, es kommen aber nur unverständliche Laute aus seinem Mund, er versucht es nochmal - merkt schließlich, dass das Wort tatsächlich nicht aus seinem Mund kommen kann - er versucht es im Folgenden immer wieder und wieder und immer verzweifelter, schließlich, nach einer Ewigkeit erfolgloser Artikuationsversuche) krasser Scheiß!

JULI (schlaftrunken) Da bist du?

JOHANN chınd ın chunıncrıche • chud ıſt mın al ırmındeot •

JULI Mann, Du kannst mich doch nicht alllein da liegen lassen. Ich wach auf und greif da in die Bett-Leere neben mir - und da denk ich: jetzt ist er auch weg- erst Mama, dann der Wald und jetzt Du - aber du sitzt hier lustig beim Aphasiker und textest vor dich hin als wärst du eben erst erfunden worden.

REIMAR Ich hab eben schlecht geträumt…

JULI Ich auch - Reimar, ich habe Angst.

REIMAR Wegen mir?

JULI Nein, wegen der Geschichte.

REIMAR Der Wald-Geschichte?

JULI Ja.

REIMAR Das versteh ich nicht - das hast Du doch genau gesagt, dass wir diese Geschichten nicht mehr wollen. Und Du hast doch auch gesagt, was das für eine Scheiß-Geschichte ist mit Deiner Mum und dem Wald und dass die auf jeden Fall zuerst aufhören muss.

JULI Ja, aber dass das dann so schnell - - und dass der ganze Wald.

REIMAR Ja, krass, ne? - jetzt ist mir auch klar, warum die das mit dem Wasserrohrbruch versucht haben.

JULI Reimar, was ist, wenn wir einen Fehler machen? Wir können hier nicht bleiben - hier sind einfach zu viele Geschichten, die ich nicht mehr…also die mich…(sucht nach dem passenden Wort) … und was, wenn ich Papa…?

REIMAR Lass uns morgen darüber reden - wir kriegen das hin!

JULI Ich weiß nicht…und wenn nicht?

REIMAR Lass uns schlafen jetzt.

(beide ab)

abräumen

JOHANN (prüft auf recht umständliche Weise die Uhrzeit, etwa mit Hilfe einer Kuckucksuhr, die er mühsam in Gang bringt; er stellt zufrieden fest, dass es schon spät ist und beginnt mit den Vorbereitungen für die Ankunft - säubert das Sofa, bürstet seinen Bart, sofern er einen trägt, zaubert aus seinem Rucksack eine kleine Schokotorte mit Wunderkerzen, kramt auch einen Kassettenrekorder aus und legt eine Kassette ein: „Call the doctor“ von J.J.Cale - steckt die Wunderkerzen an, prüft nochmals die Zeit und steht erwartungsvoll vor dem Sofa. Es erscheint zwischen Sitz und Lehne zunächst eine Hand mit einem Engländer (einem Universalschlüssel), dann eine Hand mit einem Stück Rohr, schließlich in einem Blaumann die ganze Hilde)

HILDE (niest) nette Milbenfreunde hast Du da, Johann, mein Lieber! (lacht)

JOHANN (abwehrend) hadubrant gımahalta hıltıbranteſ ſunu •

HILDE (lacht) Ja, genau! Schön, Dich zu sehen. Wie ist es gelaufen?

JOHANN dat ſagetun mı uſere lıutı

alte antı frote dea erhına ƿarun •

HILDE Ja, ich wollte ja auch früher kommen, aber ich war noch beschäftigt mit dem dämlichen Wasserrohrbruch. So was Bescheuertes kann sich doch keiner ausdenken. Ich dachte schon wir spielen „Findet Nemo“ - oder noch besser: „Der Regenbogenfisch“: (mit Fisch-Stimme - Johann anspielend) Regenbogenfisch, Du bist so wunderschön, mit Deinen silbernen Glitzerschuppen. Ich kann nicht aufhören nach Dir zu schauen, du gierst mich auf - Du funkelst mir meine Tiefwasserzonenfreude weg - Du rupfst mir meine Fischzufriedenheit aus den Eingeweiden.

JOHANN (spielt mit) dat hıltıbrant hættı mın fater • ıh heıttu hadubrant •

HILDE Du bist so schön, willst Du mir nicht auch eine Deiner silbernen Glitzerschuppen abgeben - schau, ich bin nur ein gewöhnlicher Fisch - graue Schuppen, Feinripphemd und Bausparvertrag - da glänzt nichts an mir außer den Schwielen an den Händen…(lacht) das ist gut mit den Schwielen - schönes Klischee (freut sich kindisch und pfeift zur Untermalung des Arbeiter-Klischees das „Einheitsfrontlied“)

JOHANN dat hıltıbrant hættı mın fater • ıh heıttu hadubrant •

HILE Oh, Du bist ja so gemein, da bekomm ich jetzt aber so einen Frust, da werd ich gleich meine Frau vermöbeln.

JOHANN (unbeeindruckt) forn her oſtar gıhueıt floh her otachreſ nıd

HILDE Dann wähl ich halt ne ganz fiese Partei bei der nächsten Landtagswahl - oder so!

JOHANN (gliechgültig) hına mıtı theotrıhhe entı ſinero degano fılu •

HILDE Das macht mir jetzt so einen Druck, da muss ich was kaputthauen (zerdeppert mit dem Engländer ein Vase, die Johann vorhin mit einem Memo versehen hat - brüllt mit geballter Faust) Glitzerschuppe! Glitzerschuppe! (Lachkrampf) Regenbogenfisch, Du bist mein Held - ich würde meine Schuppen auch nicht mit den Spackos teilen. Du bist mein Glitzerheld.

JOHANN (stellt sich aufs Sofa - hält eine offensichtlich polemische Rede) her fur laet ın lante luttıla ſitten

prut ın bure barn unƿahſan

arbeo laoſa • her raet oſtar hına

deſ ſid detrıhhe darba gıſtuontum

HILDE (fuchtelt mit dem Engländer rum) Glitzerfisch - wir folgen Dir! Glitzerfisch - ich liebe Dich (stürzt sich auf Johann, beide fallen vom Sofa und kugeln sich auf dem Boden - bleiben schließlich liegen. Hilde legt ihren Kopf auf Johanns Schoß)

Erzähl mir was! ich höre Dir so gerne zu - ich kann das Geschrei nicht mehr ertragen, den ganzen Tag brüllt mir irgendwer seine Bedeutungslosigkeit ins Gesicht. Ich sehne mich nach Deinen Geschichten - ich kann nur noch Deine Worte ertragen.

JOHANN

fatereſ mıneſ • dat uuaſ ſo frıuntlaoſ man

her ƿaſ otachre ummet tırrı

degano dechıſto untı deotrıchhe

darba gıſtontun her ƿaſ eo folcheſ at ente ımo ƿaſ eo peh&a tı leop •

LUISA Völlig bescheuerte Geschichte mit dem Glitzerfisch.

AMELIE Ja, mochte ich auch noch nie.

LUISA Hast Du gewusst, dass die Fischschuppen vom Fischkörper abgelöst und entfernt werden, indem man sie mit dem sägeblattförmigen Fischentschupper abschabt. Der Fischschupper wird dabei unter Druckausübung immer wieder entgegen der natürlichen Wuchsrichtung der Schuppen gezogen.

AMELIE Ist ja eklig.

LUISA Ja, aber irgendwie müssen wir ja an die Glitzerschuppen ran.

AMELIE Meinst Du.

LUISA Klar - ist doch Revolution, geht ja nicht ohne. Muss ja mal ein Ende haben mit dem Kapitalismus.

AMELIE Was meinst Du damit?

LUISA Naja, das Schweinesystem eben.

AMELIE „Schweinesystem“ ist ja ein lustiges Wort. (grunzt - mit Schweinestimme) Wo geht`s denn hier zum Schlachthof?

LUISA (auch als Schweinchen) Komm mit, Pickeldi, ich wollen uns verwursten lassen - erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral! (grunzt - beide krabbeln als Schweine übers Sofa)

MARTIN SCHLEYER (taucht zwischen Sitzfläche und Lehne auf) Wir haben an unserem Vereinsfischputzplatz einen Elektromotor mit ca. 200 Umdrehungen pro Minute. Das ist viel leiser als eine Bohrmaschine. Daran ist eine biegsame Welle befestigt mit einem kleinen Bohrfutter am Ende. Biegsame Wellen gibt`s in jedem besseren Heimwerkermarkt. In diesem Bohrfutter steckt ein zylindrischer Holz-Schrupp-Fräser. Mit diesem kann man Kammschupper, aber auch Hechte sehr gut schuppen. Natürlich gibt es auch Karborundum-Schuppeinrichtungen, die sehr schnell und sparsam arbeiten. Diese Schuppmaschinen arbeiten während des Schuppvorgangs mit einem angestauten Wasserbad einschließlich Überlauf und Abfluss. Dadurch wird eine schwimmelastische Schuppweise erreicht, das ein Schlagen der Fische weitgehend verhindert. Aber solche professionellen Schuppmaschinen sind natürlich kostspielig, auf der anderen Seite aber eine Anschaffung fürs Leben.

LUISA Wer sind Sie denn jetzt.

SCHLEYER Schleyer.

AMELIE Der Arbeitgeber…dings…

SCHLEYER Nein, ich werde eigentlich immer verwechselt, aber das macht nichts - nicht der Hans Martin, ich bin Johann Martin Schleyer, aber das bin ich gewohn, gewaltsamer Tod prägt sich natürlich besser ein.

LUISA Gewaltsamen Tod hätte ich jetzt aber schon besser gefunden -

AMELIE Hätte jetzt auch besser zur Regenbogenfischgeschichte gepasst, der Arbeitgeber…dings. Schade.

SCHLEYER Das tut mir leid, dass ich Euch enttäusche - aber ich habe noch irgendwo Bonbons für Euch (kramt in seinen hundert Taschen, es kommen allehand merkwürdige Gegenstände zum Vorschein [ich könnte mir eine Mischung aus Anglerutensilien und Teichbaubedarf vorstellen] aber keine Bonbons) - irgendwo hatte ich doch…?

AMELIE Bist Du so ein Perverser?

SCHLEYER Bitte was?

LUISA Na so ein Kinderschänder, der uns mit Bonbons in seine perverse Falle lockt.

AMELIE Wo wir dann so drinhängen (macht es vor) -

LUISA in der Fallle

SCHLEYER Also ich verbitte mir doch. Ich bin im Übrigen ein ausgesprochener Freund der Menschheit - ich habe den Menschen ja eine Sprache geschenkt - ich würde doch niemals…da sind sie ja!! (hält ihnen eine Handvoll Bonbons hin)

LUISA Wenn Sie glauben…

AMELIE Sie können uns…

LUISA Wenn Sie denken,..

AMELIE wir lassen uns…

LUISA Wenn Sie meinen…

AMELIE wir sind so wehrlose kleine Lämmchen

AMELIE und lassen uns von Ihnen vollquatschen,

LUISA dann haben Sie sich aber gewaltig geschnitten (brät ihm eins mit Johanns Gasflasche über, SCHLEYER geht zu Boden. Überraschend flink und schnell gelingt es AMELIE und LUISA, den am Boden liegenden SCHLEYER zu fesseln und an einen Heizkörper zu fessen. Es handelt sich um einen mobilen Radiator auf Rollen, den SCHLEYER im Folgenden mit großer Mühe und Getöse hinter sich herziehen wird)

LUISA „Ich habe den Menschen eine Sprache geschenkt…“ - was für ein Spacko!

(LUISA und AMELIE ab)

enthüllungen

HILDE Und, was hast du jetzt vor? Willst du jetzt vielleicht hier Wurzeln schlagen?

JOHANN her ƿaſ otachre ummet tırrı

HILDE Nee, sorry, soll auch gar kein Witz sein.

JOHANN degano dechıſto untı deotrıchhe

HILDE warum ich diesmal Klempnerin geworden bin? Das kann ich dir sagen Junge: (cool) Ich mache das wegen der Action, der Spannung. Eine Frau, unabhängig und frei, ich komm rein, erledige mein Ding, bin wieder raus, ohne große Formalitäten. (so ungefähr, das genaue Zitat muss ich noch finden)

Guck mich nicht so an, das war ein Zitat aus dem Film Brazil. Der Installateur da in dem Film ist ja auch ein total abgefahrener subversiver Typ… ich liebe ihn, Robert de Niro!

LUISA (taucht auf mit AMELIE) Den Film kenn' ich nicht.

HILDE Ah, mhh, dann pass auf, vielleicht kennste das:

(springt auf und spielt alles überdreht aus, reitet auf dem Engländer usw.)

Hui – Hui – Sumsiselsei!

Komm' schnell auf meinem Besen herbei,

Hab' tausend Meilen zurückgelegt,

Bin über Wiesen und Wälder gefegt,

Hab' an allen Türen und Fenstern gerüttelt,

Hunderttausend Kirschen von den Bäumen geschüttelt.

Haha – hoho – huhu – sieh – sieh!

Die Windliese ist hie, die Windliese ist hie!

AMELIE Ah, das kenn' ich, das ist doch von dieser Sumsemann Geschichte!

LUISA Peterchens Mondfahrt meinst du!

AMELIE Genau, meine Lieblingsstelle ist die mit der Blitzhexe!

LUISA Kannste die auch?

HILDE Klar: Sirrr – sirrr – liebe Base – da ist der Blitz!

Zerschlug nur noch schnell eine Kirchturmspitz;

Hatte Auftrag, mußt' ihn erledigen schnell;

Sirrr – sirrr – krakacks – bin ich zur Stell'! (bei „krakacks“ zerhaut sie wieder irgendwas passendes mit dem Schraubenschlüssel, den sie bisweilen wie ein Zepter hält)

LUISA He! Schon wieder was kaputt gemacht. Du glaubst wohl, du könntest dir alles erlauben, nur weil du das beim Wetter auch kannst.

HILDE (Guckt AMELIE zweifelnd an) Du meinst jetzt, wenn ich die Dings, wenn ich Blitzliese, ähh Windliese und Blitzhexe spiele?

LUISA Neee, auch in Echt.

HILDE (Lacht kurz, springt auf) Ha, nää oder? (Zeigt auf LUISA) Du weißt es!

LUISA (nickt)

AMELIE Klar, ich auch.

HILDE Wahnsinn, die Kinder wieder! (freut sich kindisch)

JOHANN darba gıſtontun her ƿaſ eo folcheſ at ente ımo ƿaſ eo peh&a tı leop

HILDE Ja genau, jetzt bin ich mal gespannt. Was glaubt ihr denn, was er ist? (zeigt auf Johann) Ha?

LUISA Na, halt son Typ der komisch spricht.

HILDE Uuund??

AMELIE Na, was mir aufgefallen ist, er ist genau da bei und aufgetaucht, wo der Wald verschwunden ist.

HILDE (klatscht die Hände) Ich fass' es nicht, geil!! Ist das nicht geil? Die Kinder wieder!

Die großen würden Äonen brauchen, bis die irgendeinen Zusammenhang kapieren, von irgendeinem winzigen Faden in ihrem Weltwohnzimmerteppichgewebe, wegen dem begrenzten Wahr-nehm-ungs-rahmen, (macht abgehackte Kastenbewegungen)

Aber guck, die Kinder haben voll Checkung! Geil! (lässt sich wieder aufs Sofa fallen)

AMELIE UND LUISA (singen) Gebt den Kindern das Kommando, sie berechnen nicht was sie tun, die Macht gehört in Kinderhände, dem Trübsinn ein Ende, wir…!

HILDE (wechselt plötzlich zu strenger Stimmung) Schluss jetzt, ab ins Bett! Hier sind Große, die noch ernsthafte Gespräche führen müssen, los!

AMELIE UND LUISA wir werd'n in Grund und Boden gelacht, Kinder an die…!!

HILDE Ab, sag ich!! (deutet mit dem Engländer) Wir sind hier ja nicht im Kindertheater!

LUISA Äbäbäbäbäh.

AMELIE Typisch Erwachsene, mein Gott!

HILDE Göttin.

AMELIE Hä?

HILDE Göttin! Genauer gesagt Wettergöttin, obwohl es das auch nicht genau trifft…

LUISA Hä?

HILDE Ab, jetzt!

AMELIE Komm, lass' uns gehen, hier herrscht gerade Aprilwetter.

AMELIE UND LUISA (beide schimpfend ab)

HILDE (zu Johann) Sooo, was wolltest du noch wissen?

JOHANN chud uuaſ her … • chonnem mannum

HILDE Ach so, weißt du, ich mache es diesmal auf die subtile Tour.

JOHANN (deutet lachend auf die zertrümmerte Sache)

HILDE OK, OK, das… das musste sein.

JOHANN nı ƿanıu ıh ıu lıb habbe … •

HILDE Ich muss meine Anspannung irgendwo rauslassen, so als Ausgleich, gerade weil ich bei den Sachen, wo es drauf ankommt sensibel vorgehen will.

JOHANN ƿettu ırmıngot quad hıltıbrant obana ab hevane

HILDE Pass auf, das funktioniert so, hast du schon mal vom Schmetterlingseffekt gehört?

JOHANN Hä?

HILDE Weißt du, ich kenne ja nicht nur die groben Methoden. Der sogenannte Schmetterlingseffekt ist ein minimaler Impuls (ploppt und schnippt mit dem Finger). Ein Lüftchen steigt auf und kann sich noch nicht ganz entscheiden, ob es sich nach rechts oder nach links drehen will, da fliegt ein Schmetterling hinein und gibt einen kleinen Impuls für eine Linksdrehung. Weiter oben trifft das Lüftchen auf ein etwas größeres Lüftchen, das auch unentschieden ist und überredet es zum Linksdreh… oder Rechstdreh, wenn sich das mehr so gegenübersteht… is' ja egal, jedenfalls beeinflusst eine winzige Änderung immer eine etwas größere Änderung, und die Drehung wird immer stärker und stärker und schneller und schneller, (dreht sich um sich selbst immer schneller bis sie wieder aufs Sofa plumst) bis der Sturm sich über einem Land befindet, wo er sich ohne den Schmetterling nie befunden hätte. Was sagste nun?

JOHANN Äh…

HILDE Der raffinierte Unterschied ist, der Schmetterling ist zufällig, aber wenn ich weiß, wo die sensible Stelle ist, muss ich nur ein wenig flattern. Damit das funktioniert, musst du aber bis ins Feinste ein Gespür für die Zusammenhänge haben, mein lieber, haha! (sitzt in der Hocke auf dem Sofa und mimt einen Schmetterling) Schau nur, ich sitze hier und schlage schon ganz fleißig mit meinen Glitzerschuppenflügeln.

JOHANN dat du neo dana halt mıt ſuſ ſippan man

HILDE (setzt sich wieder) OK, anderes Bild: Wenn du einen kleinen Hebel an einem winzigen Zahnrad ansetzt, wahrscheinlich ein total unterschätztes Zahnrad, dieses dreht ein größeres, das auch wieder ein größeres, und so weiter (macht zunehmende Kreiselbewegungen mit dem Engländer) und am Ende rollt die ganze Maschine auf der einen Seite den Hügel runter und nicht auf der anderen, nur wegen diesem winzigen Zahnrädchen. Krach, Bumm, Ex Machina!

JOHANN dınc nı gıleıtoſ … •

HILDE Keine Ahnung was weiß ich, wieso eine Maschine den Berg runter rollen soll, ist ja egal, geht ja nur ums Beispiel. Außerdem, tu doch nicht so!…, Du weißt doch ganz genau wovon ich rede! (Pause), sonst wärst du doch nicht auch hier! Du weißt doch ganz genau, dass genau hier! Genau hier, in dieser gottverdammten Einöde, ganz präzise diese eine Stelle ist, von der ich gesprochen habe.

JOHANN ƿant her do ar arme ƿuntane bauga

HILDE OK, dann sind wir uns ja einig. Wir dürfen nur keine Fehler machen, wir dürfen uns nicht in die Quere kommen, wir müssen zusammenarbeiten.

JOHANN cheıſurıngu gıtan • ſo ımo ſe der chunıng gap

(gießt Getränk in zwei Gläser) Komm lass uns darauf anstoßen, (als Trinkspruch sagt sie) Serengeti darf nicht sterben, ich lass mir die Haare färben!

(beide stoßen an und trinken)

suchtrupp

(JOHANN, HILDE, das Wohnzimmer, die Bühne, das Publikum, einfach alles verschwindet zwischen Lehne und Sitzfläche - dunkel

Vorstadtsiedlung - viele Jahre zuvor oder zugleich, wer kann das schon so genau sagen)

EDNA Mein Gott, Fink, wie siehst Du denn aus? Was machst Du bei diesem Wetter draußen?

FINK war die ganze Nacht draußen - wir haben ihn gesucht - er muss da noch…

EDNA Zieh Dir erstmal den Mantel aus. Du bist ja völlig durchweicht.

FINK Verdammter Regen - Piss-Wetter. kannst die eigene Hand nicht mehr vor Augen sehen - Ich ruf noch: Reinhold, das schlägt uns ins Gesicht, als ob man uns hier nicht haben will, haut Dir in die Fresse, wie wenn einer sagt: Verpiss Dich, Mann!. Die wollen uns hier nicht, Reinhold, schrei ich, der verfickte Himmel hat was gegen uns, aber da ist schon gar kein Himmel mehr da, kein Himmel, keine Landschaft, alles verschluckt – Straße, Häuser, Wald nur noch das Wasser überall, in jeder Faser, hält keine halbe Sekunde trocken, die beschissene Wachsjacke; die Stiefel vollgelaufen, Jacke, Hemd, Hose - ist nichts mehr zwischen dem Regen und mir - schlägt mir auf die nackte Haut, der Regen. Reinhold, brüll ich, da zürnt wer. Und ich denk noch, komischer Ausdruck, das hab ich, glaub ich noch nie gesagt, weiß garnicht ob das so richtig ist - also grammatikalisch - ob man das so sagen kann - Reinhold, schrei ich, ich knall den Scheiß-Regen ab - und baller dann so zwei drei Mal in den Regen, aber ich hör nix - kein Schuss - ist alles völlig dumpf, kein Echo, kein Knall – alles verschluckt, als wenn da gar kein Raum mehr ist um mich –

EDNA Hast Du Reinhold verloren?

FINK Hab ich was…?

EDNA Du hast doch gesagt, dass plötzlich alles verschwunden war. Ich dachte, Du hättest ihn ..

FINK Hätte was…??

EDNA Ich frag doch nur, weil…

FINK Ja…?

EDNA weil es doch so sehr geregnet hat.

FINK Ja.

EDNA Und da könnte doch sein, dass Du…?

FINK Dass ich …?

EDNA …dass Du ihn…

FINK Ja?

EDNA Ich mein ja nur, dass bei so einem Regen es ja vorkommen kann….

FINK …vorkommen?

EDNA …dass mal jemand…

FINK …jemand?

EDNA einfach so, also dass irgendjemand….. einfach verloren geht.

FINK Es geht niemand verloren - einfach so! Merk Dir das!

(Pause - Freizeichen)

STIMME Hallo? Kann mich jemand hören. Ist da wer?

(pause)

jägerlatein

GUNTHER (ein Reh ausweidend)

HERBERT (tritt dazu) Gunther…

GUNTHER (aufblickend - versteinert. Er hält ein blutiges Stück Reh in der Hand und wirkt er für Sekunden wie eine Opfer-Statue irgendeiner fremden und beunruhigenden aber zugleich faszinierenden Kultur. Dieser flüchtige Augenblick wird rasch von der Realität der blutigen Reh-Innereien überrollt) Schön, Dich zu sehen - komm, halt mal.

HERBERT (sein Gewehr ablegend, übernimmt die Innereien. Sie setzen gemeinsam den Ausweidungsvorgang im Folgenden mit der Routine eines alten Ehepaares fort) Ich weiß nicht mehr…

GUNTER Was ist passiert?

HERBERT Ich weiß nicht - ich kann mich nicht mehr erinnern.

GUNTHER Hast Du getrunken? (riecht an Herbert) Du riechst nicht gut. Wo kommst Du her?

HERBERT (lacht) Ja, das ist es ja eben - ich kann es nicht mehr sagen.

GUNTHER Du musst doch wissen, wie Du hierher gekommen bist.

HERBERT Ich weiß überhaupt nicht, wie ich irgendwohin gekommen bin.

GUNTHER Und wo warst Du vorher?

HERBERT Ich bin mir nicht mal sicher, ob es vorher gab.

GUNTHER Jetzt hör aber auf, Herbert. Es gibt immer ein Vorher - so läuft das - das weißt Du. Vorher streift das Kitz durch den Wald - sucht seine Ricke, nachher durchwühlen wir die Eingeweide - nachher ist immer jemand, der in den Eingeweiden wühlt. Da geht keiner einen Schritt zurück.

HERBERT Ja, das dachte ich auch, aber jetzt bekomm ich das nicht mehr zu fassen - jetzt zerrinnt mir das. Und dann steh ich im Wald und spür das Laub zwischen den Zehen und stehe da, seit ich denken kann - Gunther, ich steh da immer noch.

GUNTHER Herbert, hör auf jetzt!

HERBERT und dann ist da Ruth und ich steh immer noch im Wald. Oder ich stehe wieder da? …und dann bin ich bei Dir - wieder - und wir reden wieder, oder immer noch? Und das Kitzchen springt durch den Wald, findet die Recke. (Pause - plötzlich angriffslustig) Ihr werdet mich nicht finden! Ich bleibe versteckt. Keiner findet mich.

GUNTHER Niemand sucht Dich, Herbert. Du bist zu mir gekommen.

HERBERT Ich bin raus, Gunther.

GUNTHER Wie raus.

HERBERT Raus aus dem allen. Ich erzähle das nicht mehr weiter - diese ganze falsche Geschichte!

GUNTHER Wie meinst Du das?

HERBERT(Pause) Weißt Du noch, als ich damals weggelaufen bin, kannst Du Dich erinnern?

GUNTHER Herbert, wir waren Kinder damals.

HERBERT Weißt Du das noch?

GUNTHER Ist lange her, Herbert.

HERBERT Nein, Gunther, das war vorhin. Ihr habt mich nicht gefunden, damals - Ihr habt mich einfach nicht gefunden - die Suche ist eingestellt.

GUNTHER Du brauchst nen Schnaps, Herbert.

(Dunkel)

im wald

In der Dunkelheit ist die Orientierung schwierig. Um im Folgenden etwas zu sehen, sind für das Publikum Nachtsichtgeräte erforderlich.

RUTH Das rutscht einfach so weg - plötzlich gehört Dir das alles nicht mehr - der Schmerz, der Schreck, die Bewegungen - gehören Dir nicht mehr. Der Schuss knallt rein - in Dich - knallt einfach mühelos so in Deine Brust — und macht, dass das alles wegrutscht, dass Dir das alles nicht mehr gehört. „Falsch!“, denkt es in Dir, „gehört so nicht - ein dummer Fehler, muss korrigiert werden. Ist ja dunkel schon.“ - ist aber alles richtig, gehört zu Dir jetzt, der Kugelkanal in der Brust - ist Deiner jetzt, war er immer schon - wusstest Du lange bevor der das alles aufreißt in Dir. „Irreparabel“, denkst Du jetzt - taub fühlt sich das an, aber warm auch, wie das aufreißt. Gehört Dir nicht mehr, die Lunge, die da platzt - ist nicht mehr Dein Arm, den es da nach oben reißt; sind nicht mehr Deine Bewegungen. „Rutschst einfach so weg und Du fällst raus jetzt, taumelst und fällst raus - einfach so“, denkst Du noch und schlägst auf.

HERBERT Ruth? Bist Du das?

(Dunkel)

auswirkungen

FINK

start.txt · Zuletzt geändert: 2018/07/13 22:15 von stift