Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


start

abgesang in drei teilen

theater relatief dogma

ASCII

Seid nicht eins oder viele, seid Vielheiten.

Macht nie Punkt oder Linien - macht Rhizom nicht Wurzel!

Lasst keinen General in euch aufkommen!

Wir wissen, dass das Theater unsere Leben verändert hat.

Wir glauben an die lebensverlängernde Kraft des Theaters.

Wir lösen die Widersprüche nicht auf.

Echte Theater Relatief Proben werden ohne Konzept und ohne Festlegung durchgeführt.

Es gibt keine echten Theater Relatief Proben.

Wir ziehen uns nicht an den eigenen Haaren aus dem Sumpf - wir freuen uns auf die Pampe und lassen uns zuversichtlich fallen.

Alles ist immer wieder neu zu finden.

Wir achten das Unwichtige und lieben das Überflüssige - eine gelungene Probe zeichnet sich dadurch aus, dass sie vollkommen überflüssig ist und alles in Fluss bringt.

Wir vertrauen dem Fluss, der sich langsam und schwarz durch unser Tal windet.

Es gibt keinen Grund, ans Ufer zu gelangen.

Wir betreiben keine Landgewinnung - Standpunkte werden von uns geflutet.

Wir bauen Dämme und reißen Dämme ein, wenn es uns notwendig erscheint.

Das Stück beginnt und endet nirgends.

Das Stück wird gemeinsam mit dem Publikum entwickelt und erlebt - unfertige Stücke können während der Aufführung vom Publikum weitererzählt werden.

Stücke werden nicht beendet, wir leben sie woanders weiter - im Haag, in der Dämmerung, zwischen uns.

Flüsse, Bäche, Wasserläufe fließen in unsere Proben ein und zweigen sich ab.

Niemand wird am Ufer zurückgelassen; wir reißen alles mit.

Wir lieben uns wie die Biber - Ihr findet unsre Spuren in die Stämme genagt.

Unser Theater ist Strandgut.

Wir unterscheiden nicht zwischen unserem Theater und unserem Leben.

Zwischen uns und unser Leben und zwischen die Realität und die Fiktion passt kein Blatt Papier, niemand tut als ob.

ZWISCHENRUF Als ob!

Unser Theater verfolgt kein Ziel - wir hören nicht auf die Rufe der Fatzkes.

Wer uns etwas sagen möchte, muss sich die Füße nass machen.

Dogmen sind für ambitionierte Gymnasiale,

wir lehnen sie ab -

wie vieles:

die listen liegen unter tage

lange schon.

Unsere Arbeit ist beschwerlich und mühsam - wir wollen sie nicht einfacher haben.

Was fertig ist, wird von uns neu gedacht, was auch einfacher ginge, machen wir aufwendiger.

Wir verkomplizieren alles.

Es gibt keine Kompromisse!

Wir suchen kompromisslos - und finden jeden und alles - ausnahmslos.

wichtig ist an dieser stelle und in diesen tagen eine wasserdichte theorie

und ein warm gelutschtes zutrauen in die eigene …

ZWISCHENRUF Ja was denn nun eigentlich?

den glauben an die sanfte hügel-schönheit senfgelber theatersessel in rumänien

und den mut

das wieder zu löschen

endlich - endlich wieder zu löschen

oder endlich anzufangen.

erster teil - hilde brennt

feuer.jpg

wurzeln

Herbert: heri = das Heer, der Krieger; beraht = strahlend, glänzend (Althochdeutsch)

Friedrich: fridu = der Friede, der Schutz, die Sicherheit ; rihhi = reich, mächtig, die Macht, die Herrschaft, der Herrscher (Althochdeutsch)

Reimar: ragin = der Rat, der Beschluss ; mari = berühmt, bekannt (Althochdeutsch)

Johann: jahwe = Name Gottes; chanan = begünstigen, gnädig sein (Hebräisch)

Werner: warjan = wehren, schützen, verteidigen; heri = Menge, Heer(schar); waron = (be)wahren, Acht geben oder warnon = sich vorsehen, sich hüten, warnen (Althochdeutsch)

Wolfgang: wolf = der Wolf; ganc = der Ansturm, der Angriff, der Waffengang (Althochdeutsch)

Irmgard: irmin = allumfassend, alles überschauend; gard = der Zaun, der Schutz (Althochdeutsch)

Ruth: re’ut = Freund, Begleiter, Freundschaft (Hebräisch)

Svenja: sveinn = der Jüngling, junger Mann (Altnordisch); swan = Schwan (Althochdeutsch)

Edna: eadena(h) = Wonne, Lieblichkeit, Lust, Entzücken, Zierde (Hebräisch)

Martha: marta = die Herrin (Aramäisch)

Amelie: amal = tüchtig, tapfer (Gotisch)

Luisa: al = ganz; wisi = weise (Althochdeutsch)

Trauf: tritt auf (Kurde)

Das Programm sorgt für eine ausgewogene Stimmung der Besinnung, Einkehr und Hoffnung mit Momenten der Schönheit und Erbauung.

(Adventskonzert des ZDF in der Frauenkirche mit der Staatskapelle Dresden)

singen

Der Text des Hildebrandslieds wird als LOREM-IPSUM-Textfutter verwendet für alle Hungrigen, Sprachverweigerer, Aphasiker, Sprachlosen und Sprachflüchtlinge. Die Verwendung bleibt freilich nicht folgenlos; selbst bei sorgfältigem Einsatz der althochdeutschen Verse kann nicht verhindert werden, dass sich das Lied ins Stück frisst - dies nehmen wir billigend in Kauf.

Ik gıhorta dat ſeggen

dat ſih urhettun ænon muotın •

hıltıbrant entı hadubrant untar herıun tuem •

ſunu fatarungo • ıro ſaro rıhtun •

garutun ſe ıro gudhamun • gurtun ſih • ıro • ſuert ana •

helıdoſ ubar rınga do ſie to dero hıltu rıtun •

hıltıbrant gımahalta herıbranteſ ſunu • her uuaſ heroro man

feraheſ frotoro • her fragen gıſtuont

fohem uuortum • ƿer ſin fater ƿarı

fıreo ın folche … •

eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ •

ıbu du mı enan ſageſ ık mı de odre uuet

chınd ın chunıncrıche • chud ıſt mın al ırmındeot •

hadubrant gımahalta hıltıbranteſ ſunu •

dat ſagetun mı uſere lıutı

alte antı frote dea erhına ƿarun •

dat hıltıbrant hættı mın fater • ıh heıttu hadubrant •

forn her oſtar gıhueıt floh her otachreſ nıd

hına mıtı theotrıhhe entı ſinero degano fılu •

her fur laet ın lante luttıla ſitten

prut ın bure barn unƿahſan

arbeo laoſa • her raet oſtar hına

deſ ſid detrıhhe darba gıſtuontum

fatereſ mıneſ • dat uuaſ ſo frıuntlaoſ man

her ƿaſ otachre ummet tırrı

degano dechıſto untı deotrıchhe

darba gıſtontun her ƿaſ eo folcheſ at ente ımo ƿaſ eo peh&a tı leop •

chud uuaſ her … • chonnem mannum

nı ƿanıu ıh ıu lıb habbe … •

ƿettu ırmıngot quad hıltıbrant obana ab hevane

dat du neo dana halt mıt ſuſ ſippan man

dınc nı gıleıtoſ … •

ƿant her do ar arme ƿuntane bauga

cheıſurıngu gıtan • ſo ımo ſe der chunıng gap

huneo truhtın • dat ıh dır ıt nu bı huldı gıbu •

hadubrant gımahalta hıltıbranteſ ſunu •

mıt geru ſcal man geba ınfahan

ort ƿıdar orte … •

du bıſt dır alter hun ummet ſpaher

ſpenıſ mıh mıt dınem ƿuortun ƿılı mıh dınu ſperu ƿerpan •

pıſt alſo gıalt& man ſo du eƿın ınƿıt fortoſ •

dat ſagetun mı ſeolıdante

ƿeſtar ubar ƿentılſeo dat ınan ƿıc furnam •

tot ıſt hıltıbrant herıbranteſ ſuno •

hıltıbrant gımahalta herıbranteſ ſuno •

ƿela gıſihu ıh ın dınem hruſtım

dat du habeſ heme herron goten

dat du noh bı deſemo rıche reccheo nı ƿurtı •

ƿelaga nu ƿaltant got quad hıltıbrant ƿeƿurt ſkıhıt •

ıh ƿallota ſumaro entı ƿıntro ſehſtıc ur lante •

dar man mıh eo ſcerıta ın folc ſceotantero

ſo man mır at burc enıgeru • banun nı gıfaſta •

nu ſcal mıh ſuaſat chınd • ſuertu hauƿan

breton mıt ſinu bıllıu eddo ıh ımo tı banın ƿerdan •

doh maht du nu aodlıhho ıbu dır dın ellen taoc •

ın ſuſ heremo man hruſtı gıƿınnan

rauba bıhrahanen • ıbu du dar enıc reht habeſ •

der ſi doh nu argoſto quad hıltıbrant oſtar lıuto

der dır nu ƿıgeſ ƿarne nu dıh eſ ſo ƿel luſtıt •

gudea gımeınun nıuſe de mottı •

ƿerdar ſih hıutu dero hregılo rumen muottı •

erdo deſero brunnono bedero uualtan •

do lettun ſe ærıſt aſckım ſcrıtan

ſcarpen ſcurım dat ın dem ſcıltım ſtont •

do ſtoptun to ſamane ſtaım bort chludun •

heƿun harmlıcco huıtte ſcıltı •

untı ımo ıro lıntun luttılo ƿurtun •

gıƿıgan mıtı ƿabnum …

SCHAUSPIELER DER FÜR DIE HELDENROLLE VORGESEHEN IST: Kann das mal jemand googeln, bitte? (Pause) Was soll das sein: „hilde brennt“? (Pause) Das ist nicht schön - (Pause) und nicht sonderlich originell ,(Pause) aber mich fragt ja keiner! Ist aber auch eine bescheuerte Germanen-Geschichte: der Vater kehrt heim nach dreißig Jahren und kämpft mit dem eigenen Sohn auf dem Schlachtfeld, weil der ihn nicht erkennt - ist echt mal ein zeitgenössischer und kritischer Stoff: (übertrieben) hilde brennt: ein literarischer Abend der Heinrich-Böll-Stiftung (lacht, er kommt in Fahrt) das Hildebrandslied als kollektiver Gedächtnisort in Zeiten globaler Migrationsbewegungen (lacht) alter Scheiß (lässt sich von seinem eigenen Witz mitreißen) Ihr könnt das auch als Selbstfindungskurs anbieten: Spüre Deine Wurzeln - germanische Heldensagen im Alltag erfühlen (lacht, setzt noch eines drauf) an der Volkshochschule Hildesheim. (übermütig) oder als Themenabend im ZDF mit der Staatskapelle Dresden: Klaus Maria Brandauer rezitiert und die Staatskapelle gibt Dvořáks Neunte: „Aus der neuen Welt“ und das „Heldenlied“ op. 111, das wären dann „Momente der Schönheit und Erbauung“ (bekommt kaum noch Luft), muss aber unbedingt der Brandauer machen, das kann nur der. Ich seh den direkt vor mir, wie der mit seinem mächtigen Rezitatorenunterkiefer die Verse zermalmt; das mahlt der ja alles kurz und klein, der Brandauerkiefer (versucht Klaus Maria Brandauer zu imitieren) Ik gihorta dat seggen, dat sih urhettun ænon muotin, Hiltibrant enti Hadubrant untar heriun tuem. (schmeißt sich weg) Da liegts Du am Boden, wenn der Brandauerkiefer vibriert und die Brandauer-Warze bei den Diphtongen auf und ab springt. (schiebt den Unterkiefer übertrieben vor und zurück, während er die Aussprache des Diphtongs „uo“ in „muotin“ wiederholt„) muotin…muotin. Das seh ich direkt vor mir: aenon muotin (beruhigt sich langsam - irgendwann muss es ja auch gut sein)

aber im Ernst: „hilde brennt“? (Pause)

Kann das vielleicht jetzt endlich mal jemand googeln?

Ein Zuschauer der vierten Reihe hat ein Einsehen und googelt auf seinem Smartphone die Wortkombination „hilde brennt“. Die Suchergebnisse werden zur Überraschung aller - der ersten Überraschung des Abends - auf die Bühne gestreamt.

Ungefähr 157.000 Ergebnisse

https://www.facebook.com/events/1106772836104548/ Die Hilde brennt! Am 4.11. steigt eine fette Party mit unseren Freunden von Five2Nine und den HildeGuards. Im Anschluß noch Mucke vom digitalen Plattenteller…seid dabei, bringt Freunde und gute Laune mit…we will burn the house…!!!

https://www.krefeld.de/.../hilde-der-baum-brennt-eine-weihnachtssatire-von-peter-gut...Hilde, der Baum brennt“. - Eine Inszenierung des Theaters hintenlinks krefeld. Mit Weihnachtsliedern und Texten bekannter und unbekannter Autoren.

https://www.tagesspiegel.de › Berlin Eines Tages brennt der Kiez! Berliner Tagesspiegel: weder in der Kita noch in der Grundschule ist es gelungen, den Kindern Deutsch beizubringen. Lehrerin Hilde Holtmann versucht das in ihrer Stunde. Sie wirft ihren Zehntklässlern einen Ball zu, wer ihn fängt, soll erzählen.

https://www.youtube.com/watch?v=t_3XXig1sMw Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß (deutsches Volkslied). von Hilde Brun. Loading…

Das Lied erklingt in der Interpretation von Hilde Brun.

Das Publikum empfindet einen ersten Moment der Schönheit und Erbauung.

versteckt bleiben

Amelie und Luisa, zwei ausgesprochen sympathische Kinder, erobern die Bühne und breiten sich mit allerhand Spielkram aus.

selbstvergessen.

LUISA (kramt ein Wählscheibentelefon aus ihrem Rucksack)

AMELIE Was ist das?

LUISA Ein Telefon.

AMELIE (untersucht es – hebt den Hörer ab, ein Gassenbesetztton erklingt) Weißt Du, was das für ein komischer Ton ist?

LUISA Das ist ein Gassenbesetztton.

AMELIE Ein was?

LUISA Der Ausdruck „gassenbesetzt“ bedeutet, dass eine bestimmte Rufnummerngasse nicht erreichbar ist. Der Gassenbesetztton unterscheidet sich von teilnehmerbesetzt durch eine schnellere Tonfolge. Die Gasse ist nicht erreichbar infolge einer Störung, oder einer Überlastung.

AMELIE: Aha. (lässt die Wählscheibe knattern) Hör mal, wie schön das knattert.

Freizeichen.

LUISA Hörst Du das? Das ist ein Freizeichen, also eigentlich ein Freiton, wird nur manchmal fälschlicherweise als Freizeichen bezeichnet. Er gehört zu den Hörtönen und signalisiert dem Anrufer, dass die Leitung zum Angerufenen frei ist und der Teilnehmer gerufen wird.

Es klingelt. Das Klingeln will kein Ende nehmen; es springt kein Anrufbeantworter an, während des folgenden Monologs klingelt es fortwährend.

STIMME

Ich bleibe noch versteckt,

wenn alle wieder nach Hause gehen,

das feuchte Abendblau

mir ins T-Shirt kriecht.

Bleibe noch den einen Moment

zu lange versteckt.

Die Freunde kehren ratlos

zur Abendbrotzeit zurück

in ihre warmen Eigenheime.

Ich sehe durch florale Baumarktvorhänge

das Flackern der indirekten Esszimmerbeleuchtung.

Einfach nicht zurückkommen,

wenn es draußen langsam dunkel wird.

Ich bleibe versteckt.

Ich kann Euch nicht hören.

Das Freizeichen schneidet mich

aus Eurem bürgerlichen Neubauglück.

Den Suchtrupp abwarten -

warten, bis die Tiere Dich annagen,

die Wange an den feuchten Stamm gepresst.

„Ist er denn nicht mit Euch draußen gewesen?

Wer hat ihn denn zuletzt gesehen?“

Das kann sich ja keiner erklären,

dass einer einfach verschwindet.

Ich bleibe versteckt.

Ich bin zu lange schon hier draußen,

um wieder zurückzukommen.

Meine Füße kann ich nicht mehr sehen

unter dem Herbstlaub,

das sich angesammelt hat,

kitzelte zwischen den Zehen,

weich wurde über die Zeit,

die nackten Füßen umhüllte

in den ersten Rauhreifnächten.

Ich weiß noch den ersten Abend,

als sie die Suche einstellen,

in ihre Hütten und Häuser

zurückkehren - wie sie

die Pfeifen und Öfen anstecken.

Es ist kein Zeichen notwendig,

wundgegrabene Hände klopfen

auf schwere Schultern,

schlagen die Kragen öliger Windjacken hoch.

Letzte suchende Blicke

gleiten in der Dämmerung ab

und verlieren sich.

Ich ducke mich weg,

sauge die kühle Nachtluft ein,

die nach feuchtem Laub und Rauch schmeckt.

(hebt endlich den Hörer ab)

AMELIE …97, 98, 99, Eckstein - Eckstein, alles muss versteckt sein, hinter mir, vor mir, links, rechts gilt nicht –

irgendwie anfangen

STIMME Ja bitte!

AMELIE und LUISA 100 - wir kommen!

STIMME Was wollt Ihr?

AMELIE und LUISA Wir haben Sie gefunden.

STIMME Wer seid Ihr?

AMELIE und LUISA Sie müssen mitspielen!

STIMME Die Suche ist vorbei, geht wieder nach Hause! Ich spiele nicht mehr mit.

LUISA Si können nicht aussteigen.

STIMME Wie habt Ihr mich …?

AMELIE Wir mussten Sie nicht suchen, wir haben Sie uns einfach ausgedacht.

STIMME Das ist absurd.

LUISA Sie sind uns einfach so eingefallen.

STIMME Was wisst Ihr überhaupt von mir?

AMELIE Noch nicht viel, wir haben Sie uns ja gerade erst gefunden.

STIMME Ich lasse mich nicht mehr finden. Ich lasse mich da nicht mehr reinziehen, nicht von Euch, nicht von den anderen - von niemandem. (legt auf)

(Pause - es klingelt)

STIMME (nimmt ab) Ja?

AMELIE Sie können doch nicht einfach auflegen - mitten in der Geschichte!

STIMME Es gibt keine Geschichte.

LUISA Das haben Sie nicht zu bestimmen.

STIMME Versteht Ihr nicht, ich will das nicht mehr. Ich spiele da nicht mehr mit -

AMELIE Sie denken, Sie können sich hinter einem Freizeichen verstecken. Sie glauben, das verschwindet alles, wenn Sie den Rechner zuklappen, die Buchseite ausreißen, den Hörer auflegen.

LUISA (plötzlich heftig) Sie sind wirklich schrecklich dumm. Ich wünschte, wir hätten uns jemanden mit mehr Verstand ausgedacht

AMELIE Ja, jemand der weiß, wie sich die Dinge zueinander verhalten.

LUISA Na toll, ist jetzt natürlich zu spät.

STIMME Ich will das nicht, ist das so schwer zu verstehn?

AMELIE Sie müssen zurück - jetzt! (legt auf)

weitermachen

in einer wohnlandschaft.

ein sofa.

RUTH Herbert, wo warst Du so lange?

HERBERT Am Telefon.

RUTH Die ganze Zeit?

HERBERT Ja, ich denke schon.

RUTH Wer war dran?

HERBERT Was meinst Du?

RUTH Na, wer am Telefon war?

HERBERT Ich weiß nicht.

RUTH Du hast die ganze Ewigkeit telefoniert, aber Du weißt nicht mit wem?

HERBERT Nein, ich habe es nicht richtig verstanden.

RUTH Und Du hast nicht nachgefragt? Du telefonierst mit irgendjemandem ohne zu wissen wer es ist und Du fragst nicht nach seinem Namen?

HERBERT Ich glaube, er hat ihn gar nicht gesagt, ich weiß nicht mehr. Ich war abgelenkt. Ich habe über das nachgedacht, was Du gleich sagen wirst.

RUTH Na, das ist ja klasse, jetzt bin ich schuld, dass Du nicht telefonieren kannst wie jeder normale Mensch.

HERBERT Entschuldige, ich bin noch nicht ganz angekommen.

RUTH Was soll das heißen? Du bist noch nicht ganz angekommen? Seit dreißig Jahren sitzt Du mir gegenüber, glotzt mit Deinen wässrigen Augen vor Dich hin, stierst an mir vorbei auf den Pfennigbaum und knetest die Wachstischdecke mit Deinen alten feuchten Händen.

HERBERT So meine ich das doch nicht.

RUTH Du meinst nie etwas. Ich frage mich, wie wir in dieses Leben geraten konnten, wann das angefangen hat, dass Du unsere Zeit weichgeknetet hast. Du bist hier „noch nicht ganz angekommen“? Ich bin hier so angekommen, dass es wehtut, mehr ankommen kann man gar nicht.

HERBERT Ich wollte das nicht.

RUTH Was um alles in der Welt willst Du denn?

HERBERT Ich weiß es nicht, Ruth.

RUTH Du weißt es nicht? (Pause) Hast Du es mal gewusst? Gab es das einmal, Herbert, eine Zeit, in der Du es wusstest - (Pause) in der Du von uns wusstest?

HERBERT Ich kann mich nicht erinnern, Ruth, mir rutscht das alles weg. Ich darf nicht zurück!

RUTH Wo sind wir hergekommen? (hält sein Gesicht in ihren Händen) Erinnere Dich. Wir hatten eine Sprache, Herbert, eine Sprache hinter die wir uns verstecken konnten; wir hatten Zeichen, die keiner kannte. Kein Wort ergab sich aus dem anderen. Nichts war schon tausendmal gesagt.

HERBERT Ruth, es tut mir so leid - ich darf nicht zurück. (verschwindet zwischen Lehne und Sitzfläche des Sofas)

RUTH (Ruth bleibt fassungslos zurück) Was soll das jetzt wieder? Herbert? Du kannst doch nicht einfach …? Ich meine, Du kannst doch nicht einfach aussteigen! Das kann keiner! Komm zurück!

dunkel.

hunnen hassen

Friedrich und Svenja. Eine ziemlich heruntergekommene Wohnung, die Fenster sind mit Leinensäcken notdürftig verhängt, das Sofa ist aufgeschnitten, sodass die Strohfüllung vollständig nach außen gekehrt und von dem eigentlichen Stoffbezug kaum mehr etwas zu sehen ist.

Im Dämmerlicht sind an der Wand verschiedene mittelalterliche Kampfgerätschaften zu erkennen. Friedrich führt unentwegt tänzerische Kampfübungen mit seinem Eisenschwert aus. Svenja lümmelt unbeeindruckt auf dem Sofa und wischelt auf ihrem Handy herum.

SVENJA Friedrich, Du musst wirklich mal wieder lüften.

FRIEDRICH Und mir die Pest in die Bude holen?

SVENJA Wenn Du mich fragst, stinkt es hier drin wie die Pest.

FRIEDRICH Du hast keine Ahnung, was draußen los ist. Hast Du nicht bemerkt, wie er in alle Ecken gekrochen ist?

SVENJA Wen meinst Du?

FRIEDRICH Den schwarzen Tod natürlich. Ich kann hören, wie er durch die Straßen schleicht. Ich kann die Pestgeschwüre und Eiterbäulen riechen - draußen. Die Fenster bleiben zu!

Friedrich lässt das Schwert neben Johanna auf das Sofa fallen, Svenja reagiert unbeeindruckt - wischelt weiter.

SVENJA Friedrich, die Pest ist jetzt echt mal ausgerottet.

FRIEDRICH Das ist das, was sie Dir erzählen.

SVENJA (ärgerlich) Ja, und Mama hat mir erzählt, dass Du sie gestern angerufen hast - und dass sie Angst hat um Dich. Ich konnte sie am Telefon nicht beruhigen, hab ihr versprechen müssen, dass ich mich um Dich kümmere.

FRIEDRICH (setzt sich neben Svenja aufs Sofa) Ja, schön dass Du da bist.

SVENJA Hast Du ihr nicht schon genug Sorgen gemacht?

FRIEDRICH Ich war nicht gut drauf gestern. (Pause) Was hat sie gesagt?

SVENJA Du weißt doch, dass Du mich anrufen sollst, wenn`s Dir nicht gut geht.

(Pause - Friedrich nestelt an seinem Schwert herum)

FRIEDRICH Was hat sie gesagt?

SVENJA Sie war verstört - hat geweint.

FRIEDRICH Ich wollte ja Dich anrufen, aber Du bist nicht rangegangen.

SVENJA Du hast ihr von Attila erzählt.

FRIEDRICH Ja…

SVENJA (wütend) - dem Hunnenkönig!

FRIEDRICH (schuldbewusst) Ja, kann sein.

SVENJA Du hast gesagt, dass Ihr ihn eigenhändig abgemetzelt habt.

FRIEDRICH Nein - also…

SVENJA Beim Abendessen!

FRIEDRICH Nein.

SVENJA (wütend) Was nein? Du hast mit Mama telefoniert und erzählt, wie ihr Attila den Hunnenkönig in zwei Hälften gespalten habt und wie das Blut auf den Tisch spritzte, wie Ihr seine Leute vergiftet habt und Ihnen der Schaum aus dem Mund gequollen ist. Du hast nachts um drei Uhr bei Mama angerufen und Ihr von dem Gemetzel erzählt.

FRIEDRICH Ja…, nein…, also doch…. - natürlich habe ich es ihr erzählt, aber es war nicht Attila.

SVENJA Bitte was?

FRIEDRICH Es war nicht Attila, der Hunnenkönig, sondern Odoaker, den wir … das hat sie wahrscheinlich verwechselt, weil Odoaker ja bei Attila am Hof groß geworden ist.

SVENJA Na klasse, das ist natürlich viel besser! Und wer ist „wir“?

FRIEDRICH Eigentlich war es vor allem Theo, der die Idee mit der Einladung hatte und der dann auch …

SVENJA Theo?

FRIEDRICH Theoderich der Große, König der Ostgoten. (Pause) Gestern haben sie ihn mitgenommen, aber wegen der Sache im Porzellanladen. Ich fürchte, da kommt er erstmal nicht so schnell wieder raus, das war auch ein richtiges Blutbad.

SVENJA (resiginiert) Mann - Friedrich. Du hast wirklich ein Problem.

FRIEDRICH Würde ich jetzt so nicht sagen, glaube das Problem ist jetzt eher auf Odoakers Seite. (gequältes Lachen)

SVENJA Warum kannst Du nicht leben wie normale Menschen.

FRIEDRICH Svenja, Du musst in den Büchern lesen, da steht alles geschrieben. Ich habe Theo ja auch gefragt, ob das jetzt wirklich notwendig war - „Dreißig Jahre“, hat er gesagt, „dreißig Jahre hat uns Odoaker verfolgt und vertrieben, unsre Frauen und Kinder geschändet, unser Vieh getötet und unser Land gestohlen. Er wollte unser Land spalten, jetzt ist er selbst in Zweien - denk an Deinen Vater,“ hat er gesagt, „er war mir der liebste der Kämpfer. Er zürnte Odoaker unmäßig. Er war immer an der Spitze des Heeres, ihm war immer der Kampf zu lieb“.

SVENJA Er hat uns allein gelassen.

FRIEDRICH Bekannt war er den Tapfersten.

SVENJA Hat sich aus dem Staub gemacht, unser tapferer Herr Vater - ist nicht mehr zurückgekommen. Friedrich, Du musst mit diesen alten Geschichten aufhören.

FRIEDRICH Wir können den Geschichten nicht entkommen, sie sind uns in die Haut geschnitzt.

Hildebrand hieß mein Vater, ich heiße Hadubrand.

Vormals ist er nach Osten geritten, er floh den Zorn Odoakers,

dorthin mit Theoderich und vielen seiner Kämpfer.

Er ließ im Lande arm zurück

die Frau in der Hütte und den unerwachsenen Sohn

erbelos.

(Pause)

SVENJA Ich habe Papa auch vermisst - zuerst. Aber er hätte einfach drangehen können. Weißt Du noch, wie wir versucht haben, ihn zu erreichen in den ersten Monaten?

FRIEDRICH Wir waren uns dann nicht mehr sicher, ob wir die richtige Nummer hatten.

SVENJA Er hat einfach nicht abgehoben.

FRIEDRICH Du hast rumgetobt, hast es nicht wahrhaben wollen, wolltest dass wir alle Zahlenkombinationen ausprobieren. Sieben Ziffern, Svenja, das sind zehn hoch sieben mögliche Kombinationen.

SVENJA Ich habe unsere Listen noch.

FRIEDRICH Hundert Millionen Möglichkeiten - wir hatten keine Chance.

SVENJA (Pause) Er war ein Idiot.

Svnja wirft das Schwert gegen die Wand, es bleibt nicht stecken sondern fällt lautstark zu Boden.

(Pause)

FRIEDRICH Er wird mich töten.

SVENJA Das lasse ich nicht zu (nimmt ihn in den Arm)

FRIEDRICH Es steht geschrieben, Svenja.

dunkel.

ausweiden

WERNER (einen Hirsch ausweidend)

HERBERT (tritt dazu) Werner.

WERNER (aufblickend - versteinert) Was willst du?

Er hält ein blutiges Stück Hirsch in der Hand und wirkt für Sekunden wie eine Opfer-Statue irgendeiner fremden und beunruhigenden aber zugleich faszinierenden Kultur. Dieser flüchtige Augenblick wird rasch von der Realität der blutigen Reh-Innereien überrollt.

HERBERT Ich bin mir nicht mehr sicher.

WERNER Was Du hier willst, hab ich Dich gefragt!

HERBERT Ich weiß nicht - ich kann mich nicht erinnern.

WERNER Suchst Du Ärger? Kannst Du haben! (Herbert geht auf ihn zu) Komm mir nicht zu nah, ich schlitz Dich auf. Hau ab! Geh dahin zurück, wo Du hergekommen bist.

HERBERT Das ist es ja eben - das weiß ich nicht.

WERNER Du musst doch wissen, wie Du hierher gekommen bist.

HERBERT Ich weiß überhaupt nicht, wie ich irgendwohin gekommen bin.

WERNER Und wo warst Du vorher?

HERBERT Ich bin mir nicht mal sicher, ob es vorher gab.

WERNER Schwachsinn. Es gibt immer ein Vorher, so läuft das. Vorher streift das Kitz durch den Wald, sucht seine Ricke, nachher durchwühlen wir die Eingeweide, nachher ist immer jemand, der in den Eingeweiden wühlt. Da geht keiner einen Schritt zurück.

Wenn Du mir noch einen Schritt näher kommst, wickel ich Dich in Deine Eingeweide!

HERBERT Werner, Du musst mir helfen.

WERNER Verdammt, woher kennst Du meinen Namen? (hält ihm das blutige Messer an den Hals) Wer bist Du?

HERBERT Ich bin es doch: Herbert!

WERNER (mustert ihn für einen Augenblick, dann plötzlich heftig) Du Arschloch! Du schneist hier nicht rein und erzählst mir von Herbert, Du nicht, Du Wichser. Ich mach Dich fertig. Ich zieh Dir die Haut ab, ich schneid Dir Dein vergammeltes Fleisch in Stücke.

Du wirst mit Deinem dreckigen Maul nie wieder seinen Namen sagen - Du hast ja keine Ahnung, mit wem Du Dich anlegst.

HERBERT Hör mich doch zu, ich brauche Deine Hilfe

WERNER Du brauchst gleich keinen Arzt mehr! Ich warne Dich nicht nochmal, sieh zu, dass Du Land gewinnst! Verschwinde und lass Dich nicht wieder hier blicken!

HERBERT Werner, Unheil wird geschehen.

WERNER Das glaube ich allerdings auch.

HERBERT Ich darf nicht hier sein - ich weiß das jetzt wieder, wie es war und wie es sein wird.

WERNER Richtig, Du schleichst Dich jetzt auch besser, bevor ich mich vergesse.

HERBERT Werner … - verdammt! (ab)

dunkel.

aussteigen

dazwischen.

HERBERT Ich will hier nicht sein, kapiert das endlich. (zieht sein Handy aus der Tasche, wählt irgendeine Nummer - laut) Ich spiele nicht mehr mit (Pause) Ich brauche keinen neuen Termin: ich komme nicht zurück in Eure Geschichte. (Pause) Nein, Euer Kundendienst kann mir nicht helfen, ich steige aus! (Pause) Ich will auch keine alternativen Produktvorschläge, ich bin nicht mehr dabei! (Pause) Wer ich eigentlich bin? Das ist eine gute Frage, hör zu, du Heinz:

ich kenne nur den, der ich nicht bin

und ich kann nicht bleiben, der ich war.

Mir graut vor dem, der ich sein werde,

du Idiot, ich bin das nicht.

Herbert wirft das Handy in den Zuschauerraum.

(Pause)

Ich kann nicht mehr …

(Pause)

(in Richtung imaginärer Regie) Habt Ihr das gehört? Ihr müsst Eure Geschichte ohne mich erzählen! (Pause) Kann mich jemand hören?

Er streift sich einen goldenen Reif vom Arm.

Seht Ihr das, Ihr Penner? Ich trag das nicht mehr, seht Ihr? „aus kaiserlichem Gold gemacht, wie es der König mir gegeben hat“ - scheiß drauf! Versteht Ihr das?

Ein Mikrophon wird an einem Kabel von der Bühnendecke herabgelassen - Herbert spricht in das Mikrophon. Seine Stimme ist mit einem ausgesprochen unnatürlichen Halleffekt unterlegt, sodass sich manche seiner Worte überschlagen und vervielfachen und ganze Sätze wiederholt werden; der Schauspieler verstärkt den Effekt, indem er die Sätze selbst wiederholt oder rückwärts spricht. Die Verse prallen gegen die Wände des Foyers, oszillieren zwischen den Stuhlreihen und schlagen in tausendfacher Brechung und Wiederholung gegen die Zuschauerköpfe. Das Publikum selbst wird hierbei in eine solche Resonanz versetzt, dass der gesamte Theaterbau zu vibrieren beginnt und einzelne nicht-tragende Wände in sich zusammenbrechen. Zuschauer mit einem Herzschrittmacher oder ernsthaften Herz-Kreislauferkrankungen sind vor der Szene aus dem Zuschauerraum zu entfernen.

“cheisuringu gitan, so imo se der chuning gap“

- ein alter Scheiß!

Ihr könnt das nicht erzählen,

das wird niemals geschehen sein,

der Vater, der heimkehrt nach Jahren

der Sohn, der den Vater nicht erkennt.

Sie werden sich nie begegnen im Kampf;

wird nie gewesen sein, die Wut,

die gewachsen ist in den Jahren.

Es wird ihn nicht gegeben haben,

den Sohn, der blind ist für den Vater,

den Reif, den der Sohn nicht nimmt,

Den Zorn, der ihn zu den Waffen treibt.

Er kommt nicht mehr vor,

der Vater, der ein Fremder ist,

der dem Sohn zum Töter wird.

Wir werden uns nicht begegnet sein.

Ich spiele nicht mehr mit.

(Pause - dann laut in Richtung imaginärer Regie)

Habt Ihr das gehört?

(Pause - wirft den Reif ins Publikum)

Was sagt Ihr dazu?

dunkel.

HERBERT STIMME Hallo?

pause.

HERBERTS STIMME Ich bin immer noch da!

pause.

HERBERTS STIMME Na toll!

weiterspielen

im zuschauerraum.

AMELIE Jetzt hat er alles kaputt gemacht.

LUISA Wir haben ihn uns nicht gut ausgedacht.

AMELIE Das sagst Du immer hinterher.

LUISA Schau, den Reif hat er auch weggeworfen.

AMELIE Und was machen wir jetzt?

LUISA Wir können eine rauchen gehen.

AMELIE Hast Du noch Tabak.

LUISA Ja, Schwarzer Krauser.

AMELIE Papers auch?

LUISA Rauch ich ohne Papier.

AMELIE Ist eh besser.

Johann tritt auf, Rucksack, Flip-Flops, Traveller-Klamotten. Er scheint von weit her zu kommen, als er den Zuschauerraum betritt, weht eine Sandböe ins Foyer. Johann ist Aphasiker - die Aphasie darf keinesfalls gespielt sein, sie ist kein Handicap, sondern zeichnet ihn in besonderer Weise aus, es umhüllt ihn ein irisierender Schein. Er spricht in einer auch für die Zuschauer gänzlich unverständlichen eigenen Sprache. Im Folgenden sind Textpassagen, die vom Schauspieler ohne feste gestische und mimische Vorgaben gesprochen werden, durch Auszüge aus dem Hildebrandslied zu ersetzen.

JOHANN erdo deſero brunnono bedero uualtan •

AMELIE (zu Luisa) und was ist das?

LUISA Den hab ich ganz vergessen.

AMELIE Wie vergessen?

LUISA Ich hatte mir den gestern ausgedacht.

AMELIE Aha.

LUISA Ja, aber er hat ja nicht so in die Geschichte gepasst. Er kann ja auch nicht richtig reden.

JOHANN ƿeſtar ubar ƿentılſeo dat ınan ƿıc furnam •

AMELIE Das klingt doch cool!

LUISA Schon, aber der passt nicht.

AMELIE Passt nicht wozu?

LUISA Zur Geschichte. Du kannst doch auch nicht die Master-of-the-Universe-Figuren ins Barbiehaus stecken.

AMELIE Klar, warum nicht?

LUISA Weil`s kacke aussieht.

AMELIE Schau doch erstmal, ob der was kann.

LUISA Naja, reden schonmal nicht.

AMELIE Gib ihm doch mal ein Schwert.

LUISA Hab keins mehr, die sind alle im Stück.

AMELIE Okay - (zu Johann) dann nimm das. (drückt Johann einen Holzprügel in die Hand) Hau da drauf.

Sie zeigt mit dem Finger auf den Kritiker der örtlichen Presse, der in der dritten Reihe sitzt, ein pensionierter Lokalredakteur, der sich auf einem angegilbten Block Notizen macht. Es kommt zum ersten Mal an diesem Abend Leben in seine welken Glieder, als er auf seinem Notizblock notiert, dass die jugendliche Schauspielerin auf den tatsächlich im Saal anwesenden Theaterkritiker zeigt und er im gleichen Augenblick begreift, dass es nun um ihn geht. Er ahnt nichts Gutes und nimmt in weiser Voraussicht und aller dem hohen Alter geschuldeten Ruhe und Würde seine teure Gleitsichtbrille ab und verwahrt sie in einem Lederetui.

LUISA Ein Behinderter, der Leute verprügelt, das ist nicht gut.

AMELIE Quatsch, das ist Integration.

LUISA (denkt nacht) Stimmt. (zu Johann) Okay - hau drauf.

Johann zieht dem Kritiker mit dem Holzprügel eins über. Der Kritiker nimmt den wuchtigen Schlag mit erstaunlicher Gelassenheit entgegen, schwankt kurz, fängt sich aber rasch wieder. Er bleibt aufrecht in seinem Stuhl sitzen und lächelt nun sogar leicht, während er versonnen „provokant - provokant“ murmelt, seine Brille aufsetzt und sich wieder seinen Notizen widmet. Amelie und Luisa schauen fasziniert und mit offenen Mündern auf Johann.

LUISA Cool, Du hast recht, den können wir reinstecken, gib dem mal den Ring, das wird lustig.

AMELIE Ja, lass uns aber erstmal weitermachen.

suchen

Das Wohnzimmer, die Bühne, das Publikum, einfach alles verschwindet zwischen Lehne und Sitzfläche.

Vorstadtsiedlung - viele Jahre zuvor oder zugleich, wer kann das schon so genau sagen.

EDNA Mein Gott, Wolfgang, wie siehst Du aus?

WOLFGANG Ich war die ganze Nacht draußen, wir haben ihn gesucht. Er muss da noch sein.

EDNA Zieh Dir erstmal den Mantel aus. Du bist ja völlig durchweicht.

WOLFGANG Verdammter Regen, kannst die eigene Hand nicht mehr vor Augen sehen. Ich ruf noch: Reinhold, das schlägt uns ins Gesicht, als ob man uns hier nicht haben will, haut Dir in die Fresse. Die wollen uns hier nicht, Werner, schrei ich, der verfickte Himmel hat was gegen uns, aber da ist schon gar kein Himmel mehr da, kein Himmel, keine Landschaft, alles verschluckt: Straße, Häuser, Wald - nur noch das Wasser überall, in jeder Faser, hält keine halbe Sekunde trocken, die beschissene Wachsjacke; die Stiefel vollgelaufen, Jacke, Hemd, Hose - ist nichts mehr zwischen dem Regen und mir - schlägt mir auf die nackte Haut, der Regen. Reinhold, brüll ich, da zürnt wer. Und ich denk noch, komischer Ausdruck, das hab ich, glaub ich noch nie gesagt, weiß gar nicht ob das so richtig ist - also grammatikalisch - ob man das so sagen kann. Reinhold, schrei ich, ich knall den Scheiß-Regen ab und baller dann so zwei drei Mal in den Regen - völlig bescheuerte Aktion - aber ich höre nichts, kein Schuss, ist alles völlig dumpf, kein Echo, kein Knall – alles verschluckt, als wenn da gar kein Raum mehr ist um mich.

EDNA Er ist weg, Wolfgang.

WOLFGANG (plötzlich zornig) Was sagst Du da?

EDNA Ihr werdet ihn nicht finden.

WOLFGANG Wie meinst Du das?

EDNA Ich meine, dass Ihr ihn nicht finden werdet, weil er eben einfach weg ist.

WOLFGANG Niemand verschwindet einfach so, Herbert erst recht nicht. Du kennst Herbert nicht, der lässt uns hier nicht allein!

EDNA Wolfgang, ich kann nicht mehr.

WOLFGANG Wie meinst Du das?

EDNA Ich kann die Tage nicht mehr zählen, an denen Ihr draußen wart, an denen ihr ihn gesucht habt.

WOLFGANG Wir müssen ihn finden.

EDNA Ich habe auf Dich gewartet, Ich habe auf Deine Schritte im Flur gehört, immer und immer wieder. Ich habe gehofft, dass Ihr ihn endlich findet, dass Euch seine verfaulte Leiche vor die Füße gespült wird, damit das ein Ende nimmt.

WOLFGANG Damit was ein Ende nimmt?

EDNA Wolfgang, ich habe mir das so gewünscht, dass Eure bescheuerte irrsinnige Suche ein Ende findet, dass wir eine Chance bekommen. Ich dachte in all den Jahren, irgendwann fangen wir wieder an - ganz neu. Und dann habe ich begriffen, dass es niemals enden wird, dass ihr schon zu lange draußen wart und ich habe begonnen ihn zu hassen. Ich habe mir vorgestellt, wie ich ihn finde, ein jämmerliches feiges Häufchen in der Grube hinterm Haus, zusammengekauert und zitternd. Und ich habe mir vorgestellt, wie ich ihn in der Grube endgültig begrabe. Ich konnte in seine aufgerissenen Augen sehen, ich habe seine Angst gesehen, als ich die feuchte schwere Erde in sein Gesicht kippte. Er hat mich einfach nur angesehen. Hat da gekauert und mich angesehen, als die Erde ihn verschluckte. Hat nicht einen Ton von sich gegeben. Wolfgang, ich habe ihn bei lebendigem Leib begraben.

WOLFGANG Du weißt nicht, was Du sagst. Es geht niemand verloren - einfach so. Herbert erst recht nicht.

EDNA Herbert ist weg, seit dreißig Jahren, der kommt nicht mehr.

WOLFGANG Keiner geht verloren, das musst Du doch begreifen: jetzt bist Du da, sitzt vor mir und glotzt mich an. Hältst mir Dein Handtuch vors Gesicht und erzählst mir, dass da einer verschwunden ist. Da verschwindet keiner, sag ich. Du bist jetzt da vor mir, und wenn ich Dich jetzt wegmachen würde, verstehst Du, was ich Dir sagen will, selbst wenn ich Dich wegmachen wollte, wenn ich Dir zum Beispiel eine Kugel verpasse, wenn ich Dir durch das verkackte Handtuch ein .308er Kaliber verpasse; das hab ich Dir ja schon oft erklärt, dass so ein .308er Winchester Kaliber einfach eine verdammt gute Wahl ist, weil? …weil?

Wolfgang er holt sich im Folgenden sein Jagdgewehr und eine Pappschachtel voller Patronen. Er lädt und entsichert das Gewehr.

Richtig, weil die Sauen mit so einem .308er in der Lunge höchsten noch zehn oder zwanzig Meter machen - vorausgesetzt? Vorausgesetzt natürlich, Du hast die Kammer sauber getroffen und - sagen wir mal - die Lunge klappt sich zusammen. Aber mit einer .208er Winchester schafft die Sau noch fünfzig Meter, und das ist doch scheiße! Fünfzig Meter mit der zerfetzten Lunge, das ist doch eine Sauerei! Aber so eine .308er Winchester, die geht Dir sauber durchs Handtuch und schlägt dann in die Kammer, da läufst Du keine zehn Meter mehr.

EDNA Wolfgang, hör auf!

WOLFGANG Was ich Dir sagen will: Wenn ich Dich jetzt wegmache, mit so einem sauberen Blattschuss und dem richtigen Kaliber (richtet das Gewehr auf Edna)

EDNA Wolfgang, nicht!

WOLFGANG (zielt auf Edna) - dann bist Du doch immer noch hier, weil eben niemand verschwinden kann, weil alle immer noch irgendwie da sind: das Handtuch noch und das Loch im Handtuch und der rote Fleck auf dem Handtuch, der immer größer wird und der jetzt auf den Teppich tropft, aber das ist ja dann noch alles alles da, selbst wenn ich dich jetzt wegmache.

EDNA Wolfgang!

AMELIE und LUISA (schubsen Johann auf die Bühne) Jetzt!

JOHANN eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ •

Wolfgang dreht sich mit angelegtem Gewehr zu Johann um, im selben Augenblick donnert Johann ihm den Holzprügel gegen den Kopf, Wolfgang geht zu Boden.

EDNA Was machst Du da?

JOHANN ſunu fatarungo • ıro ſaro rıhtun •

EDNA Wer bist Du?

Johann nimmt Wolfgangs Kopf zwischen seine mächtigen Pranken und hebt ihn an; Wolfgangs restlicher Körper hängt kraft- und willenlos an seinem Kopf, er ist bewusstlos.

EDNA (verfolgt das Schauspiel fassungs- und reglos, plötzlich verändert) Der Ring -

JOHANN ƿant her do ar arme ƿuntane bauga

EDNA Du trägst den Ring.

JOHANN eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ • (küsst Wolfgang auf den Mund)

EDNA Du bist es – oder?

JOHANN erdo deſero brunnono bedero uualtan •

EDNA Du bist tatsächlich zurück.

JOHANN doh maht du nu aodlıhho ıbu dır dın ellen taoc • (ab)

EDNA Herbert… (bückt sich zu Wolfgang) Wolfgang - steh auf.

woanders.

AMELIE Siehst Du, das war lustig.

LUISA (zu Johann) Ja, nicht schlecht, Alter.

AMELIE Luisa, sprích nicht so, das ist peinlich: „Voll krass fetter Aphasiker - fickt den bekloppten Jäger, Alter!“ - oder was? Lass uns lieber weiterspielen. Du hast eine von Deinen Figuren stehen lassen - die steckt fest im Sofa.

zurückkommen

ruth auf dem sofa.

Sie schiebt immer wieder verzweifelt ihre Hand in die Ritze zwischen Sitzfläche und Lehne, kann ihren Arm aber nur zur Hälfte verschwinden lassen.

RUTH Herbert, komm zurück! Du sollst nicht solche Sachen machen! Du kannst mich doch hier nicht zurücklassen.

im Folgenden versucht sie auch mit den Füßen zuerst in die Ritze zu steigen. Ihre Bemühungen bleiben erfolglos und entbehren nicht einer gewissen Komik.

(Es klingelt an der Haustür) Herbert? Ich komme! (Sie bemerkt, dass sie mit den Füßen in der Ritze feststeckt.) Das kann doch jetzt nicht wahr sein! (ruft) Komm einfach rein, der Schlüssel steckt.

SVENJA (an der Tür - ruft ins Wohnzimmer) Mama? Wo bist Du?

RUTH Papa war da.

SVENJA (tritt eine) Was machst Du im Sofa?

RUTH Kannst Du mir mal helfen?

SVENJA (hilft ihr aus dem Sofa) Was hast Du über Papa gesagt?

RUTH Er war da, gerade eben, kurz bevor Du gekommen bist.

SVENJA Mama! Du sollst sowas nicht sagen.

RUTH Er war aber wirklich da.

SVENJA Papa ist weg.

RUTH Ich weiß doch, Liebes; aber gerade war er hier, saß hier auf dem Sofa und es war, als wenn er hier dreißig Jahre gesessen hätte. Und ich habe mich an alles erinnert, an dreißig Jahre. Kannst Du Dir das vorstellen? Ich habe mich an unsere dreißig gemeinsamen Jahre erinnert, an dreißig Jahre, die wir gar nicht hatten. Ich wusste, wie wir uns aneinander gewöhnt hatten über die Jahre. Ich konnte die Erinnerungen sehen, in die wir eingewachsen waren. Ich wusste, wie wir uns festgehalten hatten, wie wir dachten, wir könnten uns vor der Welt verstecken. Und ich habe mich erinnert, wie wir stumm geworden sind über die Zeit. Wie sich unsere Zeit wie Ringe um uns gelegt hat, wir keine Luft mehr bekamen. Ich habe das alles gewusst, Juli, wie wir feststeckten, tausendmal die Krümel auf der Wachstischdecke mit dem Finger zusammengeschoben, zu immer neuen Zeichen und Formationen - Krümel-Schiebebildern, die keiner lesen konnte.

Ich wusste, wie wir tausendmal neu begonnen hatten, konnte sehen, wie ich am Morgen die Krümel und die Vorwürfe von der Tischdecke gewischt hatte, tausendmal sind wir da gesessen am Morgen danach, haben unsre Wut im Kaffee verrührt, weil wir doch wussten, dass das unsere Geschichte ist, weil wir ja wussten, das das alles ist, was wir hatten.

SVENJA Du sollst nicht so reden, Mama. Papa hat uns allein gelassen, hat uns hier sitzen lassen. Er war nicht da, war einfach nicht da.

RUTH Weiß ich doch. (Pause) Er hätte das mit Friedrich nicht zugelassen, er hätte nicht zugelassen, dass sein Sohn sich … dass er sein Leben … - also er hätte ihm diesen Mittelalterschwachsinn ganz bestimmt ausgetrieben. (Pause) Warst Du bei ihm?

SVENJA, Ja, Mama, ich habe mit ihm gesprochen. Er sagt, er wollte Dich nicht erschrecken.

RUTH Er ruft mich nie an, kommt nie vorbei, meldet sich nicht bei mir und dann fällt es ihm nachts um drei plötzlich ein, mich anzurufen und mir dieses ganze Zeug zu erzählen. Sein Vater hätte ihn …

SVENJA Es hat ihm wirklich leid getan.

RUTH Als er mit seiner Mittelalter-Sache angefangen hat, dachte ich, dass das so eine Phase ist, weil Papa weg war. Konnte ich auch verstehen; mir ging es ja auch nicht gut; hab ihn ja auch vermisst, in den ersten Jahren zumindest und am Anfang war ich auch froh, dass er was gefunden hatte, dass er wieder aus seinem Zimmer gekommen ist; hat ja nur noch geweint und sich eingeschlossen in den ersten Monaten.

Aber dann ging das los, dass er nur noch im Kettenhemd geschlafen hat und dass die ganzen Pakete kamen. Jede Woche eine Sonderlieferung. Dem Postboten musste ich meinen Ausweis zeigen. Einmal hab ich eines aufgemacht mit so einer geschwungenen Axt drin, da hab ich ihn gefragt, was er damit vorhat und dass man mit so einer Axt ja gar kein Holz hacken kann. Dass das eine Wurfaxt ist, hat er mir gesagt, und dass ich noch froh sein werde, dass er eine hat, wenn die Hunnen kommen. Dann hat er sich drei Tage in sein Zimmer eingeschlossen und ich habe drei Tage lang die Schläge gegen die Tür ertragen, als er mit seiner Wurfaxt übte. Tag und Nacht die Axt gegen die Holztür geworfen bis die Nachbarn die Polizei riefen. War ja noch viel zu schwer für ihn, die Wurfaxt, mit seinen fünf Jahren.

SVENJA Ich weiß, Mama, ich war dabei. Du musst Dich ausruhen. Ich bleibe heute Nacht bei Dir.

RUTH Das ist lieb, aber lass das Licht an, falls Papa kommt.

SVENJA Mama!

(beide ab - Dunkel)

träumen

WOLFGANG (noch benommen) Was war?

EDNA (hält Wolfgang einen Kühlakku an den Kopf) Er war da.

WOLFGANG Wer?

EDNA Herbert, er hat Dich umgehauen.

WOLFGANG Erzähl keinen Scheiß!

EDNA Du hast vielleicht eine Gehirnerschütterung. Er hat Dich voll erwischt.

WOLFGANG Ich habe geträumt. Jetzt weiß ich es wieder - ich hab mich selbst gesehn - kennst Du das, wenn Du Dich so selbst siehst im Traum - irgenwie so von oben - kreist Du wie so ein Spielzeughubschrauber über Dir selbst und siehst Dich da liegen - und dann war da so eine bescheuerte Idee - die sitzt fest in meinem Kopf - also irgendwie drin in mir und ging nicht mehr raus - hat sich da festgefressen wie irgend so ein fettes Vieh - und ich weiß gar nicht, wo so eine bekackte Idee herkommt, da seh ich mich so leigen, schwirr über mir und dann wird`s so warm überall - wie wenn Du ewig draußen warst - im Winter jetzt - und dann nach Hause kommst - und das ist, als wenn Du da reintauchen oder reinschwimmen kannst, in die Wärme - so ein Gefühl hatte ich - und dann bin ich noch ein bisschen höher geflogen und da hab ich es gesehen: dass ich nämlich da völlig alleine liege - also alles schwarz um mich rum - und alles kalt überall - und echt mal keiner in der Nähe -

nichts - und über mir: auch nichts,

kein scheiß-Himmel über mir - und ich denk mir: wenn ich jetzt tot bin, warum liege ich immer noch so alleine rum - warum kommt kein scheiß-Engel oder so - hatte ich immer gedacht, wenn Du gestorben bist, kommt irgendein Verwandter - hab immer gedacht bestimmt kommt dann Onkel Rudolph mit seinen Zigarren, holt mich ab, aber nix - kein Onkel Rudi, keine Zigarren - kein Herbert - nix und niemand war da - nicht mal Gott oder so - nur der leere schwarze Himmel - und da hat sich plötzlich diese bescheuerte Idee reingefressen in mich - konnte ja auch nirgends sonst hin, die Idee:

Du musst das aus Dir selbst raus schaffen, denke ich.

und wie ich mich gerade fragen will, was ich schaffen soll und was das sein soll: aus mir selbst raus, reiße ich mir schon meine Wade auf - das geht eigentlich ganz leicht - ist ja oft im Traum alles viel einfacher - stecke also meine Hand in meine Wade - durch das ganze zähe Muskel-Sehnen-Zeug, schiebt sich zur Seite, wie wenn Du in ein Stück Kuchen schneidest, denke ich und spüre an den Fingerspitzen den harten weißen Wadenknochen der da glitschig zwischen den Sehnen steckt - rutscht mir zwei- dreimal aus den Fingern bis ich ihn mit so einem (macht das Geräusch nach) Schmatzen oder (macht noch ein wirklich ekliges Geräusch) Schnalzen rausgerupft bekomme - schon wühle ich weiter, grabe mich in meine Bauchdecke, schiebe Eingeweide auf die Seite, breche mir ein paar Rippen ab - die lassen sich ganz leicht auseinanderknacken, wie so Holzstäbchen beim Chinesen, denke ich, und immer weiter pflücke ich Knochen aus mir raus und baue sie zu einem immer krasseren Gerüst - im Traum passen die Dinge ja manchmal auch besser zusammen als in Wirklichkeit - und so passt Knochen auf Knochen -

und als ich mir gerade einen Oberarmknochen aus dem Schultergelenk drehe und es mich zur Seite schleudert, weil der Knochen im Gelenk so zurückschnalzt und ich ja auch ein bisschen unstabil geworden war wegen der vielen Knochen, die ich mir schon rausgerupft habe, schaue ich nach oben und da bemerke ich, dass ich die Spitze des Turms schon nicht mehr sehen kann - und plötzlich fällt mir auf - also mitten im Traum - was für eine bescheuerte Idee das eigentlich ist - und da bekomme ich Panik und denke, Du musst die alle wieder reintun in Dich und plötzlich fällt mir auf, dass ich nicht aufgepasst hatte, wo ich die alle raushatte - dass ich gar nicht wusste, wie die alle wieder reingehören in mich - und da steht dieses ganze riesige Teil oder Gerüst oder was weiß ich - wie so ein grotesker Baum, dessen Spitze ich nicht mal sehen kann, und ich ziehe so einen kleinen raus, der mir irgendwie bekannt vorkommt und der zwei längliche Knochen auseinanderhält - und ich schaue den so an und da weiß ich nicht einmal mehr, was das eigentlich ist - das Ding in meiner Hand - wo das herkommt und wo das hingehört und wie ich das Ding nennen soll - und ich forme meine Lippen so rund - so (macht es vor), weil ich denke, dass das gleich das rauskommen muss, aus meinem Mund, das Wort für das Ding in meiner Hand -

Er versucht das Wort zu artikulieren, es kommen aber nur unverständliche Laute aus seinem Mund, er versucht es nochmal - merkt schließlich, dass das Wort tatsächlich nicht aus seinem Mund kommen kann - er versucht es im Folgenden immer wieder und wieder und immer verzweifelter - rennt schließlich wild artikulierend von der Bühne.

EDNA (ihm nach) Wolfgang warte, das ist nicht gesund. (ab)

wegmachen

auf einem hochsitz.

werner am gewehr.

irmgard am boden.

tee aus einer thermoskanne.

WERNER (sein Auge am Zielfernrohr) Ich schlitz Dich auf, hab ich ihm gesagt. Stell Dir das mal vor: marschiert einfach so rein zu mir. Ich hab gerade den Hirsch aufgebrochen, steck mit beiden Händen drin, da steht der vor mir und sagt, dass er Herbert ist, kannst Du Dir das vorstellen?

IRMGARD (die Blechtasse umklammernd) Ich weiß nicht.

WERNER Ich hätte ihn gleich wegmachen sollen -

IRMGARD Vielleicht.

WERNER Ganz bestimmt, wer weiß, was so einer anrichten kann. Wir müssen vorsichtig sein. Das war schon immer meine Rede: Was wir nicht wegmachen, kann uns gefährlich werden.

IRMGARD Ja, ihr müsst das wegmachen.

WERNER Wolfgang ist auch meiner Meinung. Du darfst das jetzt nicht falsch verstehen.

IRMGARD Ich weiß.

WERNER Das nimmt überhand. Ich hab so etwas noch nie gesehen, als ich am Samstag draußen war, stehen vier Böcke auf der Lichtung, wie ich noch keine gesehen hab; Geweih wie ein Funkmast, konnte ich gar nicht zählen, wie viele Enden das waren, als ob das gar kein Ende hätte, das Geweih, stehen die da auf der Lichtung, die vier Böcke, bewegen sich nicht, mit ihrem Geweih im Himmel. Hab ich natürlich alle vier weggeknipst - mit einmal - wusste erst nicht, ob ich die alle vier in unseren Ausbeinkeller bekomme, ob die reinpassen.

Wenn wir das Wild nicht bejagen, gerät das alles außer Kontrolle und das will keiner, oder?

IRMGARD Wir müssen die Kontrolle behalten, ich verstehe das.

WERNER Ja, genau. Als Herbert noch da war, ist uns manchmal tagelang nicht eine Sau vors Rohr gelaufen. Kannst Du Dir das vorstellen? Einen ganzen Tag auf dem Sitz und nicht eine Sau?

IRMGARD Ja.

WERNER Und heute suhlen sie sich in unseren Gärten. Das nimmt überhand, Irmgard. Das ist nicht gut. Wolfgang glaubt, er hat eine mit blauen Ohren gesehen, war aber zu schnell im Unterholz, aber er schwört, dass er die Ohren gesehen hat, blitzeblau wie so ein Enzian. Weißt Du was das heißt, wenn das stimmt?

IRMGRAD Ich glaube schon.

WERNER Die Pest, Irmgard, das ist die Pest, wenn das stimmt.

(Pause)

WERNER Das breitet sich aus, sowas breitet sich immer aus und dann kannst Du es nicht mehr einfangen, dann stirbt Dir der ganze Bestand weg. Da kannst Du nachher nichts mehr machen, das rottet Dir das ganze Volk aus.

(Pause)

WERNER Ich hätte ihn gleich wegmachen sollen.

(Pause)

IRMGARD Aber wohin?

WERNER Was?

IRMGARD Wohin weg?

WERNER Ich versteh Dich nicht.

IRMGARD Wo geht das hin, wenn Du es wegmachst?

WERNER Was weiß ich - weg eben!

IRMGARD Muss gut sein.

WERNER Was?

IRMGARD Weg sein.

(Pause)

WERNER (blickt durchs Zielfernrohr) Ich sehe was. (Pause) Das ist kein Wild.

IRMGARD Was ist es?

WERNER Warte.

(Pause)

WERNER Das glaubst Du jetzt nicht.

IRMGARD Sag schon.

WERNER Das ist Wolfgang, der rennt halbnackt durch den Wald.

IRMGARD Wolfgang?

WERNER Ja, aber da ist noch jemand, der ihm folgt - rennt ihm nach und rudert so mit den Armen. (Pause)

IRMGARD Wer ist das?

WERNER Scheiße, das ist Edna.

IRMGARD Wir müssen ihnen helfen (klettert den Hochsitz herunter).

WERNER Wir müssen vorsichtig sein (ihr nach).

IRMGARD Werner, leg das Ding weg, das sind Wolfgang und Edna.

WERNER Wir dürfen nicht leichtsinnig sein, es ist alles aus den Fugen. (legt an und zielt auf Wolfgang, der auf ihn zu rennt)

WOLFGANG Ich muss WernerK Es Kann nn n! - ihr KÖnnMT! - Lasst jetzt MUSS - kh! -FUCK - CKCHRrr!! — W - WachRR - W. - h - WERNER!

IRMGARD Werner, nimm das Ding runter jetzt, siehst Du nicht was los ist?

WERNER (behält Wolfgang im Visier) Was sehe ich? Was sehe ich?

EDNA Werner, Irmgard - Ihr müsst mir helfen; ich habe ihn nicht halten können. Hat geträumt, sagt er, und dann nur noch so geröchelt. Schlaganfall, denke ich, oder ne Hirnblutung, weil ihm ja der Herbert eins übergebraten hat.

IRMGARD Edna, Du musst Dich beruhigen - was erzählst Du da.

EDNA Ich weiß, ich weiß, ich wollte Euch gleich anrufen, aber dann ist ja das passiert.

WERNER Was hast Du über Herbert gesagt.

EDNA Er ist wieder da. Ich hab ihn erst nicht erkannt, aber er hatte ja den Reif. Ich kenn den aus meinen Träumen, wie ich den vergrabe, den Herbert und den bescheuerten Reif. Aber jetzt ist der tatsächlich zurück und steht da bei uns im Wohnzimmer und haut den Wolfgang um, einfach so.

WERNER Das ist unmöglich.

EDNA Ich weiß, aber als der Wolfgang wieder zu sich kommt, röchelt der nur noch. Da geh`n natürlich gleich die Alarmglocken an bei mir: FAST-Test, ruf ich. Du musst den FAST-Test machen, das sagen wir den Leuten immer im Krankenhaus: Wenn Ihr einen Schlaganfall erkennen wollt, müsst Ihr den Test machen: Face, Arms, Speech, Time - F - A - S - T. Kann man sich so besser merken: FAST wie „schnell“eben.

Der muss zuerst lächeln, der Betroffene, sagen wir den Angehörigen - Face fürs Lächeln - der muss ein Lächeln ins Gesicht kriegen, der Betroffene. Soll dann beide Arme gleichzeitig heben - die Arme hoch und die Hände so nach innen, das ist der zweite Check. Und dann muss der auch was sagen können, einen Satz nachsprechen, nichts Schwieriges, aber so einen ganz einfachen Satz eben. Aber wenn das das alles nichts ist, wenn der also nur mit einer Aufgabe, wenn es also schon schwierig ist, nur eine Sache hinzubekommen, dann zählt jede Minute - Du musst jetzt professionell sein, Edna, sage ich, das hast Du doch gelernt.

WERNER Setz Dich, Mann - setz Dich hin, Wolfgang! Was war mit Herbert?

EDNA Face - Arms - Speech - Time - so hab ich das gelernt. Lächle, sag ich, Wolfgang, Du sollst lächeln, komm schon, nur für mich.

WERNER (heftig) Wolfgang!

EDNA Da lacht der, aber nicht so wie einer Dich anlacht, nicht so wie einer, der normal ist, sondern ganz anders. Fremd, ganz fremd und unheimlich.

Wolfgnag kämpft gegen einen Impuls an, er könnte die Semmelknödel des Abendessens erbrechen oder von einem Lachen geschüttelt werden, das bleibt unklar.

EDNA Hör auf, sag ich! (zu Wolfgang) Hör auf, jetzt!

WOLFGANG (fängt sich für einen kurzen Augenblick) Es kt m - mmm. KN ni- h -ch kCk! kCk!

WERNER Das ist aus den Fugen. Ich hab`s gesagt, Irmgard: Das fangen wir nicht mehr ein! Wo ist Herbert hin?

WOLFGANG (kämpft)

EDNA Das weiß ich doch nicht; der hat den Wolfgang umgehauen und dann war er wieder weg. Und der Wolfgang hört nicht auf, hört einfach nicht auf, der lacht und lacht, dass mir schlecht wird.

Wolfgang kann den Lachkrampf jetzt nicht mehr zurückhalten. Er lacht.

WERNER Wolfgang, lass das!

EDNA Den hält keiner mehr.

WOLFGANG (fängt sich plötzlich, sehr ernst und sehr gefasst) Ihr müKaCHrrt…s - Sch - I - - NickCht wenn ZiMö chKrcht Dr nBiiitchreE..ÄLöverNCi! Mi Ni - nicht me - ChrRin - kass!

dunkel.

lachen.

unordnung.

schuss.

verloren gehen

dazwischen.

LUISA Hast Du den Behinderten gesehen?

AMELIE Der ist nicht behindert, redet nur ein bisschen seltsam.

LUISA Meinetwegen, aber wo ist er hin, gerade war er doch noch hier.

AMELIE Schau mal, der ist ins Stück.

LUISA Einfach so, ohne uns zu fragen?

AMELIE (ironisch) Ein Behinderter ohne Betreuer im Stück, das ist natürlich krass!

LUISA Ich mein ja nur: Er hat den Reif mitgenommen.

AMELIE Wenn er den verkauft, kann er schon eine Weile davon leben.

LUISA Vielleicht sucht er sich ein anderes Theaterstück.

AMELIE Was Behindertengerechtes.

LUISA Du bist schlimm - schau, da ist er.

kennen lernen

friedrichs wohnung.

Johann wirft sich auf das Sofa, schleudert den Rucksack und die Flip-Flops von sich und lässt sich offensichtlich häuslich nieder. Er prüft Wind- und Lichtverhältnisse und legt sich schließlich auf dem Sofa schlafen. Er schläft eine Weile geräuschvoll - er träumt offensichtlich, schlägt um sich, murmelt, gluckst, sprutzt…er droht zu ertrinken; wacht auf und schnappt eine Weile nach Luft. Als er sich beruhigt hat, prüft er mit allerlei Gerätschaften die Atmosphäre. Er wirkt besorgt - prüft die Ergebnisse nochmals. Er kramt in seinem Rucksack, findet einen gelben Memo-Block, versieht einige Memos mit Kreuzen und klebt sie auf das Mobiliar. Schließlich kramt er aus seinem Rucksack ein Raumspray - „Waldfrische“ - und sorgt ausgiebig für einen angenehmen Tannenduft im Raum

Reimar kommt offensichtlich von der Toilette, schlaftrunken, betastet prüfend seinen Hosenlatz: Erleichterung.

REIMAR Krasser Traum… (bemerkt den Tannenduft) Oh Mann, das stinkt was weg hier. (bemerkt Johann) Fuck - Mann, wo kommst Du jetzt her?

JOHANN eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ •

REIMAR Was?

JOHANN ƿeſtar ubar ƿentılſeo dat ınan ƿıc furnam •

REIMAR Ich versteh kein Wort! Was sagst Du?

JOHANN ƿeſtar ubar ƿentılſeo dat ınan ƿıc furnam •

REIMAR Mann, ich versteh Dich nicht! - naja, ist ja eigentlich auch egal (setzt sich neben Johann aufs Sofa) Bist Du ein Kumpel von Friedi, auch so ein Mittelalterfreak?

JOHANN erdo deſero brunnono bedero uualtan •

REIMAR Erinnerst mich an Theo, der hat am Ende auch nur noch so gesprochen. Ist hier ne ganze Weile rumgehangen zusammen mit Friedi, war n´krasser Typ, noch konkreter unterwegs als Friedi. Hat´s dann aber echt übertrieben, ich mein so richtig. Hat sich für so`n Ritter oder König gehalten, was weiß ich, Ostgoten, Hunnen, Ritter der Tafelrunde, irgend sowas. Ließ sich dann nur noch als „der Große“ anreden, nichts mehr Theo, sondern Theoderich der Große.

Ist dann aus seiner Wohnung geflogen weil er die Stromleitung gekappt und aus dem Fenster gekackt hat, wollte das Mittelalter-Ding so richtig durchziehen, dann ist er nur noch hier rumgehangen. Hat sich auf Ebay ein Eisenschwert besorgt, krasses Teil, eins fünfzig und 6 Kilo. „Kannst Du doch nichtmal über`n Kopf halten“, hab ich zu ihm gesagt, er war ja selbst nur so `ne halbe Portion.

In der Zeitung ist dann gestanden, dass sie ihn eingebuchtet haben, hat in so nem Porzellanladen wohl nen ziemlichen Aufstand gemacht mit seinem Schwert, wusste aber ja keiner was er wollte mit seinem mittelalterlichen Gequatsche, konnte ja keiner wissen, dass er auf so ner heiligen Mission ist.

JOHANN erdo deſero brunnono bedero uualtan •

REIMAR Ja genau, hohes Altdeutsch oder so, weiß ich jetzt nicht. Hat jedenfalls im Porzellanladen ein ziemliches Gemetzel veranstaltet mit seiner heiligen Mission, Haufen scheiß-teure Schüsseln zerdeppert. Wär jetzt nicht so schlimm gewesen eigentlich, aber er hat ja das scheiß-Schwert nicht über`n Kopf halten können, hab ich ihm ja gesagt. Ist ihm dann natürlich so vornüber runtergesaust auf den Arm von dem Porzellantypen - zack, die Hand sauber abgetrennt. Echt mal n`krasser Scheiß! Sitzt seit gestern in Untersuchungshaft. Jetzt hat er es, sein verkacktes Mittelalter-Leben in seiner Zelle, ist vermutlich ganz glücklich da, was weiß ich! Oh Mann, Ihr Mittelalter-Typen seid echt pervers.

Hab auch mal einen gekannt, der so seltsame Videos hochgeladen hat, Nazi-Zeug, glaub ich, irgendwas mit Runen und höherer Weisheit, hatte `nen eignen youtube-Kanal: „Odin spricht“ oder so ähnlich. War ganz lustig, bis einer in den Kommentaren geschrieben hat, Odin hätte ja sein Auge geopfert und in einen Brunnen gelegt und dass der Typ ja konkret noch zwei gesunde Glubschaugen hätte, echt mal keine Geschichte für einen Maniker, vorallem wenn der seinen Suppentag hat. Er hat sich dann selbst - also ich nicht gewusst, dass man mit einem Löffel - also ich meine, dass man sich das selbst … haben die dann auch gleich wieder gelöscht, das Video; aber ich hab`s mir vorher runtergeladen - willste mal sehen (kramt sein Handy raus)

AMELIE Der hört gar nicht mehr auf zu quatschen. Wir müssen den Behinderten rausholen.

LUISA Du hast recht.

Luisa wählt auf dem Wählscheibentelefon - es klingelt in Johanns Tasche. Johann kramt umständlich nach dem Telefon, findet es nach einer Ewigkeit - hebt ab.

LUISA dat ſagetun mı uſere lıutı

AMELIE Du kannst das?

LUISA Klar, hab ich ja auch erfunden.

AMELIE Cool.

JOHANN her ƿaſ otachre ummet tırrı (packt seine Sachen zusammen)

REIMAR Du willst meinen Traum nicht hören, stimmts? (Johann ab) Na dann nicht.

üben

Friedrich kommt offensichtlich von der Morgentoillette. Er ist barfuß und nur mit einem Leinenlaibchen bekleidet, zieht ein Schwert hinter sich her, das er geräuschvoll auf den Tisch hievt, um sich Kaffee einzugießen. Hierzu sammelt er die Kaffeereste der umstehenden Tassen in einen Becher, füllt Unmengen Zucker hinzu und trinkt das Gebräu mit Todesverachtung. Unmittelbar kehrt das Leben in seine müden Glieder zurück und er beginnt mit seiner ritterlichen Morgengymnasik. Hiebei kommen allerhand Kampfgerätschaften zum Einsatz und die Wohnung leidet merklich. Reimar bleibt unterdessen unbeeindruckt auf dem Sofa sitzen, er hat das Schauspiel offensichtlich schon oft miterlebt.

FRIEDRICH (wütend, während er die Übungen fortsetzt)

mit geru scal man geba infahan,

ort widar orte.

du bist dir, alter Hun, ummet spaher;

spenis mih mit dinem wortun,

wili mih dinu speru werpan.

pist also gialtet man, so du ewin inwit fortos.

dat sagetun mi sęolidante

westar ubar wentilsęo, dat inan wic furnam:

(mit sich steigernder Heftigkeit)

tot ist Hiltibrant, Heribrantes suno.

tot ist Hiltibrant, Heribrantes suno.

tot ist Hiltibrant, Heribrantes suno.

REIMAR Ist noch irgendwas Essbares im Haus?

FRIEDRICH Keine Ahnung - müsste noch was vom Fasan im Kühlschrank sein.

REIMAR Mann, kannst Du mal was Normales einkaufen.

FRIEDRICH Du hast wirklich keine Kultur; ist eine Delikatesse, der Fasan. Den hatten wir im Internet bestellt, bei so einem Spezialversand, wollten eigentlich Fasanenzungensalat, aber die haben behauptet, dass es sowas gar nicht gibt; hatte ich aber ganz bestimmt gelesen - stell Dir vor: Fasanenzungensalat - wie geil wäre das denn?

REIMAR Pervers.

FRIEDRICH Naja, aber gab´s ja nicht, haben wir eben den Fasan bestellt.

Reimar hat inzwischen eine Tupperschüssel aus dem Kühlschrank geholt und zupft sich jetzt Fleischstücke vom Fasan, schmatzt.

REIMAR Nicht mal so übel -

FRIEDRICH Ja, der ist mit Wachteln gefüllt.

REIMAR Krass - und weshalb bestellt Ihr sowas Perverses.

FRIEDRICH Der war doch für das Abendessen mit Odoaker, sollte ja denken, dass wir uns mit ihm versöhnen, da mussten wir schon was bieten. Hat dann ja aber nichts mehr davon gegessen.

REIMAR (schmatzt) Warum nicht?

FRIEDRICH Naja, weil Theo ihn ja mit der Axt in zwei Hälften geteilt hat.

REIMAR Den Fasan?

FRIEDRICH Nein, Odoaker!

REIMAR (mit vollem Mund) Was?

FREIDRICH War ne ziemliche Sauerei, alles voller Blut, der ganze Tisch vollgespritzt, Teller, Gläser, Tischdecke, Schüsseln, ein einziges Blutbad!

REIMAR (mit offenem Mund) Was?

FRIEDRICH Kannst ruhig essen, ich hab den Fasan gründlich abgewaschen.

REIMAR (spuckt den Fasan wieder in die Tupperschüssel) Mann! Du bist echt mal krank! (sucht nach irgendetwas Trinkbarem; findet Friedrichs Kaffeereste, trinkt, spuckt angewiedert aus) Scheiße, ich muss mir andre Freunde suchen. Wer war eigentlich der Typ, der gestern hier war?

FRIEDRICH Welcher Typ?

REIMAR Naja, der Alte eben, der sich`s hier gemütlich gemacht hat.

FRIEDRICH Gestern war keiner hier außer Svenja.

REIMAR Kann nicht sein, ich habe ja mit ihm gesprochen. Also richtig gesprochen jetzt nicht, konnte ja nur so Altdeutsch.

FRIEDRICH Bist Du Dir sicher, dass Du das nicht geträumt hast?

REIMAR Klar, wollte ihm ja meinen Traum erzählen. Das war `ne ganz andere Geschichte, der Traum. Aber der Typ war wirklich da.

FRIEDRICH (plötzlich aufgeregt) Er hat Althochdeutsch gesprochen?

REIMAR (durchsucht weiter den Kühlschrank) Glaub ich zumindest, hat so geklungen.

FRIEDRICH (wird heftig - bedrängt Reimar ) Was hat er gesagt?

REIMAR Alter, keine Ahnung, hab ihn nicht verstanden!

FRIEDRICH (hält Reimar sein Schwert an den Hals) Wo kam er her?

REIMAR „ruckfuckduck gagafo“ hat er gesagt. Mann, keine Ahnung.

FRIEDRICH Ich muss mit Svenja reden!

REIMAR Mach das, Alter, ich geh laufen. Muss mal raus hier, werd über meinen Traum nachdenken, interessiert hier ja eh keinen.

FRIEDRICH (am Handy) Svenja, können wir uns sehen? (Pause) ja, am Fluss.

Friedrich zieht in großer Eile notdürftig einige Rüstungsteile an - als er die Wohnung mit seinem Schwert bewaffnet verlässt, wirkt er derangiert und beinahe - aber nur beinahe - lächerlich.

steine titschen

am fluss.

friedrich und svenja.

Friedrich hat seine Rüstungsteile neben sich gelegt. Sie lassen die Füße in den Fluss baumeln, der breit und schwarz durch den Saal fließt. Hin und wieder wirft Friedrich ein Steinchen ins Wasser und lässt es titschen.

glückliche kindheit auf zelluloid.

FRIEDRICH Er kann es nicht gewesen sein.

SVENJA Ja.

FRIEDRICH Er kommt nicht mehr.

SVENJA Das hab ich ihr auch gesagt.

(Pause)

SVENJA Er war nie da.

FRIEDRICH Ich habe immer gewartet.

SVENJA Ich weiß.

(Pause)

FRIEDRICH Ich wollte auch wütend sein.

SVENJA Hm.

FRIEDRICH Ich wollte wütend sein wie Du.

SVENJA Ja, das wäre schön gewesen.

FRIEDRICH Hab`s versucht.

(Pause)

SVENJA Ich konnte Dich nicht sehen, so weit weg warst Du, dass ich Dich nicht mal mehr sehen konnte.

FRIEDRICH Warst Du auch wütend auf mich?

SVENJA Weiß nicht - vielleicht - manchmal.

(Pause)

FRIEDRICH Ich weiß noch, wie Du wütend warst, das erste Mal: in dem Sommer, der nicht enden wollte, als wir dachten, dass das jetzt so weitergeht - ewig. Bis die ersten Herbststürme durch unseren Garten wüteten; Stühle und Sandförmchen vor sich her trieben. Wie uns der Regen ins Gesicht peitschte. Du Deine Habseligkeiten zusammenraffst: Plastiktiere und Puppen ins Haus rettest, viel zu spät schon. Hast gedacht, Du kannst dem Wetter trotzten, hast Dich an die Sommerhoffnung geklammert.

Weißt Du noch, wie Du an der Scheibe geklebt bist, Dein Kleidchen klitschnass, die Hände geballt, zitternd vor Wut? Wie Du getobt hast? Weißt Du noch, wie Du losziehen wolltest, losschlagen, die Wut der ganzen Welt in Deinen Augen?

Wie Du es nicht aushalten konntest, es nirgends ausgehalten hast; wie Du weglaufen musstest.

SEVNJA Ich war so wütend.

FRIEDRICH Ich weiß

SVENJA Da war keiner.

(Pasue)

War keiner, der mich festgehalten hat.

FRIEDRICH Ich konnte dich nicht halten.

SVENJA Wir waren Kinder, damals, Friedrich.

(Pause)

FRIEDRICH Papa war nicht da.

SVENJA Ich weiß.

(Pause)

SVENJA Mama hat nicht hinschauen können.

(Pause)

Manchmal glaube ich, ich bin seitdem wütend. Und manchmal denke ich, ich renne seitdem davon. Und wenn ich dann mal kurz stehenbleibe, halte ich es nicht aus. Ich halte es einfach nicht aus.

Wir können uns doch nicht immer weiter die gleiche Geschichte erzählen. Wir können doch nicht wieder und wieder mit unserer Wut am Fenster stehen und mit den Fäusten gegen die Scheibe schlagen. Ich will, dass das aufhört; ich will die Geschichte nicht mehr erzählen.

FRIEDRICH Ich auch nicht, ich will keine Geschichten mehr. Ich will da sein.

(Pause)

SVENJA Ist schön, wenn Du da bist, dann sehe ich das auch alles, das Blätterdach unter dem wir liegen, die Sonnenflecken, die wir jagen. Dann spüre ich, wie mich das ungeschnittenen Gras kitzelt, lese die geheimen Blätterbotschaften, wenn der Wind durch die Bäume geht. Ich schließe die Augen und spüre die Sonnenmorsezeichen auf meinen Lidern. Ich lausche hin, ich verstehe nichts und ich begreife alles. (schließt die Augen, lehnt sich an Friedrich)

FRIEDRICH Weil da nichts zu verstehen ist.

SVENJA Alles singt und tanzt,

FRIEDRICH weil da keine Melodie ist

SVENJA und kein Text mehr.

(Pause)

Dann wird es ganz still in meiner Geschichte und in mir -

(Pasue)

bis das mit einmal auseinanderreißt,

mir das Messer unter die Haut fährt

Garten, Baum und Sonnenflecken aus dem Fleisch schneidet.

Dann stehe ich da,

ganz allein

und das Blut läuft mir in die Augen

und ich kann nichts mehr sehen

und ich kann nichts mehr spüren

nur noch die Wut.

(Pause)

Papa ist weg.

FRIEDRICH Ich bin da jetzt

SVENJA Ja, das ist schön.

(Pause)

FRIEDRICH Es macht mir Angst, Svenja.

SVENJA Was?

FRIEDRICH Dass er zurückkommt, dass er einfach wieder da ist. Ich kenne die Geschichte, ich habe sie so oft gelesen. Sie stehen sich gegenüber und er erkennt ihn nicht, er erkennt seinen eigenen Vater nicht, den Vater, der ihn töten wird.

SVENJA Es ist eine Geschichte, Friedrich, wir müssen sie nicht erzählen.

FRIEDRICH Wir können nicht anders, es steht alles geschrieben, es ist alles schon gewesen, irgendwann und es wird wieder sein - immerzu - das reißt nicht ab, es wuchert weiter.

SVENJA (entschlossen) Nein, Friedrich, es fängt alles neu an in jedem Moment. Das weiß keiner, wohin das wächst; kann keiner sagen, wie das weitergeht.

FRIEDRICH Der Vater wird dem Sohn zum Töter.

SVENJA (wütend) Verdammt, Friedrich, das ist nicht wahr. Du hast es immer gesehn, hast gewusst, dass wir uns entscheiden können in jedem Augenblick, dass wir die Wand zerschneiden können einfach so. Lass das nicht zu, dass sie Dich halten! Niemand zwingt uns in diese Möglichkeit. Wer schreibt uns das vor? (zum Publikum) Das ist mein Friedrich, den kriegt Ihr nicht, der kommt nicht in Eure behinderte Geschichte, der geht jetzt schön ganz woanders hin. Der krepiert hier nicht für Eure kaputte Germanen-Kacke.

FRIEDRICH Mit wem sprichst Du?

SVENJA Mit den Leuten, die hier so bescheuert raufglotzen, mit ihren hässlichen Tränensäcken und Krähenfüßen. Mit den braven Bildungsbürgern, rede ich, die ihre Hämmorrhoiden-Hintern auf den teuren Sesseln breithocken und hoffen, dass jetzt endlich was passiert, dass das jetzt Fahrt aufnimmt hier, dass einer abkratzt hier oben, sich einer aufreißt, dass endlich Blut fließt. Ist ja alles bezahlt und war ja auch nicht billig, die Karte, die sie in ihren schmierigen Fettfingern halten.

FRIEDRICH Svenja?

SVENJA Das ist unser Leben, Ihr Molche, unser Leben, das ihr begafft, das an die Wand knallt, während ihr glotzt. Wir sind das, die am Boden kriechen, die sich abschlachten, niederstechen, und hinmetzeln; wir sind es, die sich totmachen, ausbeinen, morden, die sich für Euch kleinhacken, umbringen und auffressen, mein Reimar und ich, wir sind das, die sich abmurksen, lynchen und pfählen sollen, wir sollen uns reißen, schlachten und speeren - abknipsen, umnieten und wegknallen. Wir sind das, die für Euch flennen und jammern, die greinen und flehen, die bitten und betteln um ihr Leben - weil ihr das wollt.

Wir sind das, die hier leiden, wir sterben hier oben.

FRIEDRICH (springt auf, nimmt sein Schwert) Keiner stirbt hier, wenn ich das nicht sage.

SVENJA Ja genau, Friedrich, mach sie fertig. Mach die platt, alle - die sollen nicht so glotzen. (verlässt die Bühne - im Zuschauerraum) Hier gibt es nichts zu sehen, Ihr müsst hier nicht rumsitzen und gaffen und warten, bis es uns erwischt. Das ist jetzt vorbei. Es erwischt hier keinen. Hier tritt keiner ab vor der Zeit. Wir spielen das zu Ende, wie wir wollen, wir entscheiden das, Ihr Pappnasen. Wir sterben hier nicht, nur weil ihr das geil findet, Ihr kranken Schizos, Ihr Maulaffen-Feilhalter, Ihr Neurodermitiker, Ihr Ablaicher, Ihr Aasfresser, Schmeißfliegen, Kopfmetzger, Ausbeiner, Maul- und Klauenseucher! Friedrich, komm!

FRIEDRICH (bleibt mit erhobenem Schwert auf der Bühne stehen) Ich kann nicht. Svenja, ich kann nicht.

SVENJA (flehend) Es ist einfach. Du kannst es sehen. Du musst nur einen Schritt machen.

FRIEDRICH (ringt mit sich) Es geht nicht.

SVENJA (zurück auf die Bühne) Scheiße! (streicht ihm über die Wange) Ist schon okay. Ich hab Dich lieb. Ich bleibe bei Dir.

dunkel.

Das Publikum atmet auf, da die Situation nicht - wie einige sensible Naturen befürchtet hatten - gänzlich eskaliert. Dennoch hinterlässt Svenjas Auftritt das latent ungute Gefühl, dass die warme und weiche Behaglichkeit, in der sich die Zuschauer häuslich eingerichtet hatten, nun massiv gestört ist. Diese pessimistische Grundhaltung kann allenfalls durch exzessiven Alkoholkonsum in der Pause kompensiert werden; umsichtige Intendanten werden dem Publikum daher neben dem üblichen Theatersekt auch eine Auswahl an hochprozentigen Spirituosen anbieten, zu denken ist etwa an eine Selektion Jamaikanischen Rums oder ausgewähle Irische Highland-Whiskeys.

Es ist zu erwarten, dass sich ein Großteil des Publikums in der Pause vollständig wegschießt, zuschüttet, abknallt, zusammensäuft, herrichtet, niedertrinkt, unter den Tisch säuft, zulaufen lässt, wegknipst, abdichtet.

Dies wird billigend in Kauf genommen.

Pause.

nach hause kommen

Martha trägt einen Schlafanzug und schiebt einen Rollator vor sich her, den sie wie einen Christbaum geschmückt hat, ein batteriegesteuerter Plastikstern blinkt unentwegt und taucht Martha in unregelmäßigen Abständen in ein unwirkliches Licht, zwischen all dem Weihnachtskrempel, den Martha angesammelt und an ihrem Rollator angebracht hat, klemmt ein singender Weihnachtsmann, der mit letzter Kraft zur Musik von „Jingle Bells“ seine Hüften schwingt.

zeitlos und schön.

MARTHA Ruth! Wo bist Du? Ich bin aufgewacht. Du warst nicht da. Keiner war da. (Pause) Ich weiß nicht, was passiert ist. (Pause) Ihr dürft mich hier nicht so zurück lassen.

Geht zum Fenster und versucht es zu öffnen. Das Zimmer befindet sich im fünften Stockwerk eines Pflegeheims. Eine Plastiksicherung verhindert, dass das bodentiefe Fenster geöffnet wird. Nach einigen erfolglosen Versuchen, das Fenster zu öffnen, zerdeppert Martha mit dem singenden Weihnachtsmann die Palstiksicherung, das Fenster springt auf, der Weihnachtsmann verstummt.

(Martha stolpert zurück) Uuh, ist das hoch. Ich bin nicht schwindelfrei! Ich kann hier nicht bleiben. Es tropft mir ins Bett. Fräulein! Es regnet rein! Ruth, so eine Sauerei dürfen wir uns nicht gefallen lassen. Das kannst Du nicht zulassen, dass die uns in so einen feuchten Verschlag stecken. Ruth, Du musst was tun.

(Pause)

Das habe ich ihm ja immer gesagt: Herbert, Du bist ein schwacher Mensch. Nimm Dich vor der Ruth in Acht. Aber er hat nicht hören wollen. Du kannst sie nicht immer da rausziehen, hab ich ihm gesagt. Ihr landet irgendwann beide im Dreck. Das ist die Liebe, hat er gemeint, und dass ich das nicht verstehen kann, weil ich ja ein kaltes Herz habe, weil ich nicht weiß, was das ist: die Liebe. Das hast Du nie gelernt, wie das ist, jemanden wirklich zu lieben, waren aber nicht seine Worte, waren ihre, die hat sie ihm ja eingeflüstert. Ich weiß nämlich, was das ist: die Liebe. Ich habe das gespürt, wie das ist, wenn Du einen festhältst und wie das wehtut, wenn der sich losreißt; wie Du die Nägel reinkrallst in den und ein Stück rausreißt, weil der sich nicht mehr halten lässt und wie Du den zerreißt zum Schluss.

(Pause)

(hält sich plötzlich die Hände vor die Augen) Darf ich jetzt? (Pause) Kann ich jetzt kommen? (Pause) nicht spicken - nicht spicken - nicht spicken (Pause) Ist der Baum schön? (Pause) Ich halt das nicht aus. Mama, ich glaub ich hab mich nass gemacht. Ich bin so aufgeregt! (Pause) Das ist doch nicht schlimm, ist gar nicht schlimm! Darfst nicht gucken. Da kommt das Christkind und nimmt alles wieder mit! (Pause) Nein, nein, nein, nein - ich darf nicht gucken jetzt. Ich muss das aushalten. (Pause)

Ganz dunkel hier. Warum ist es so dunkel hier? (Pause) Ich hab Angst. Ich darf keine Angst haben. Das Christkind nimmt das alles wieder mit. Nimmt den Papa mit und die Mama mit, wenn ich gucke! (Pause) Ihr müsst dableiben. (Pause) Du darfst mich nicht wegmachen. Das ist so dunkel überall. (Pause) Papa? Bin ich noch da? Papa, ich weiß nicht wo ich bin. (Pause) Bist Du noch da? (Pause) Das tut mir leid! Ich wollte ganz bestimmt nicht gucken. Du darfst nicht böse sein. Ich pass auf jetzt - ich pass jetzt ganz bestimmt besser auf!

(Pause)

Ruth, Du Sau!

(Pause)

Du hast meinen Herbert weggemacht!

(Pause)

Pissnelke!

(Pause )

Sie hält sich noch immer die Hände vor die Augen, läuft auf das offene Fenster zu.

Papa, Mama, ich komm jetzt rein. Ich lass die Augen zu. Ich halt mir die Augen ganz fest zu, wenn ich reinkomm, versprochen.

Sie steigt mit einem Bein aus dem Fenster.

Ich komme jetzt, okay? Kann ich jetzt kommen? Ist der Baum schön? Habt Ihr auch die Lichter angemacht? ich bin so gespannt.

eingreifen

AMELIE Du kannst doch nicht die Figur kaputt machen.

LUISA Mach ich doch gar nicht - das macht die doch selbst.

AMELIE Ist aber doof.

LUISA Kannst ja Deinen Behinderten reinschicken.

AMELIE Erstens ist das nicht meiner und zweitens ist der nicht behindert. (patzige Pause)

Aber Du hast recht. (schubst Johann auf die Bühne)

JOHANN ƿeſtar ubar ƿentılſeo dat ınan ƿıc furnam •

Martha nimmt die Hände von den Augen, realisiert, dass sie im Fenster steht und balanciert etwas wackelig zurück ins Zimmer.

MARTHA Herbert, wo warst Du so lang! Du trägst den ganzen Dreck rein, zieh Dir die Schuhe aus, Herbert!

dunkel.

fallen stellen

morgens.

FRIEDRICH (allein) Ich weiß das schon - ich weiß das. Still jetzt, ganz still. Wir fangen nochmal an, das muss gespielt sein, das muss richtig gespielt sein. Seid still jetzt, bitte seid still. (Pause - Stille) Ich kann Euch hören noch! Ich weiß, was Ihr denkt. (Pause) Angst hat der, das denkt Ihr, der will jetzt weglaufen - läuft ja immer weg. Der kann ja gar nicht stehen bleiben. Das denkt Ihr - so denkt Ihr Euch den - so denkt Ihr Euch den kurz und klein.

Wenn der nicht in Bewegung bleibt, wenn der nicht die ganze Zeit in Bewegung bleibt, kriegen wir den, dann schnappen wir ihn - schnipp schnapp. Der muss ja springen wie so ein Feldhase. Stehen bleiben kann der nicht. Das ist mal klar. Soviel ist mal sicher.

Ich kann das hören. Ich weiß, was du willst: wiegst mich mit deinen Worten in Sicherheit, alter Hunne. Fangeisen sind das, Deine Worte. Leichte Beute, denkst Du, wenn der da reinläuft, wenn der sich da verfängt. Listig bist Du, alter Hunne - spenis mih mit dinem wortun! Ich weiß das schon. Ich kenne das. Ich hab das ja gesehen, wie das Eisen in die Läufe schlägt. Das merkt der erstmal nicht, wenn er da reinläuft, so schnell geht das. Läuft da rein und schwupp ist die ganze Hasenschnelligkeit - das ganze Hast-Du-ihn-nicht-gesehen-Wunder ein nutzloser Splitterhaufen im Hasenfell. Hängen die Läufe wie ein Sack voll Brei am restlichen Hasen, der noch weiterspringen will. Ist mit seinen kleinen Hasengedanken schon weiter hinterm Baum, im Bau, oder irgendwo - sind ja immer irgendwo voraus, die Hasengedanken und der Hasenrest springt dann nach.

Aber jetzt springt da nichts mehr, weil die ganze Hasenherrlichkeit ja ein nutzloser Knäul ist, der im Eisen hängt. Das merkt der erstmal nicht, der Hase, dass er festhängt. Der wirft erstmal seine Hasengedanken in eine andere Richtung, weiß ja nicht, dass er festhängt im rostigen Eisen, weiß ja nicht, dass Du ihm das Eisen hingestellt hast, weiß gar nichts von Dir in seiner Hasenunschuld. Untern Busch jetzt, denkt er vielleicht, und wirft dann seine Hasengedanken in alle Richtungen und alle Verstecke, die er kennt.

Hofft wahrscheinlich, dass der Hasenrest den Gedanken nachspringt, dass die Hasengedanken den Rest einfach nachziehen, so wie sie das immer tun, so wie das immer war, bis gerade eben.

Ganz schnell wirft er seine Hasenspringgedanken

zum Haselstrauch,

unter die Buchenhecke,

in den Baumstumpf,

neben den Holzstoß,

ins Erdloch,

in den Blätterhaufen,

aber der Hasenrest springt nicht

zum Haselstrauch,

unter die Buchenhecke,

in den Baumstumpf,

neben den Holzstoß,

ins Erdloch,

in den Blätterhaufen.

Steckt ja fest im rostigen Eisen, der nutzlose Hasenrest und ist auch nicht mehr zu gebrauchen zum Nachspringen, der Hasenrest.

Fluchtreflexe sind das, hast Du gesagt, Papa, und dass das nichts denkt, das zuckende Fellknäul in Deinem Fangeisen und dass ich aufhören soll, mir sowas auszudenken. Ob ich auch ein Hasenopfer sein will, hast Du mich gefragt, ob ich auch im Eisen enden will. Da hab ich keine Antwort gewusst - damals.

Und dann warst Du ja nicht mehr da, als ich es gewusst hab, als ich gewusst hab, dass ich nicht im Eisen enden will. Hast mir dann ja nicht mehr sagen können, wie man kein Hasenopfer wird.

Ich will nicht im Eisen enden, Papa, ich bleibe nicht stehen; meine Hasengedanken springen schneller als ihr Eure Eisen legen könnt. Ich weiß, wo Eure Eisen liegen, ich weiß es bevor Ihr sie auslegt.

(Pause)

Was sagst Ihr? Das ist nicht möglich? Das gibt es gar nicht? (zur Kommode, triumphierend) Ich weiß, was Du denkst! Das ist auch nicht möglich! „Das sind nur Dinge, Friedrich! Du kannst nicht mit den Dingen reden! Sie können Dir nicht sagen, was zu tun ist, sie tun ja nichts - sie sind nur da, Du kannst sie benutzen.“ - Ich will auch nur da sein - einfach nur stehen bleiben. (Pause) Sagt jetzt keiner mehr was? Hat es Euch die Sprache verschlagen?

Pause, plötzlich verändert, die Zuschauer erkennen sofort eine dissoziative Störung, reagieren aber mit professioneller Distanz und Freundlichkeit auf diese verstörende psychische Diagnose, das Publikum zeigt grundsätzlich eine erfreuliche Professionalität im Umgang mit psychischen Erkrankungen. Im Zuschauerraum herrscht im Folgenden eine offene und verständnisvolle Atmosphäre in der niemand bewertet wird und jeder sich akzeptiert fühlen kann.

Du kannst nicht stehen bleiben! Das hast Du nicht gelernt.

Die Zuschauer der ersten Reihe unterdrücken trotz aller Empathie ihre Tränen.

Ich stehe hier seit Du eingezogen bist. Ich kann hier stehen bleiben. Das ist ein guter Platz für eine Kommode, geräumig, hell und konfortabel, genug Platz für alle Schubladen.

Ein Zuschauer der dritten Reihe verliert beim Ausdruck „Schublade“ kurzfristig die Beherrschung - hält sich aber ein Taschentuch vors Gesicht und kaschiert geschickt das Lachen durch ein gespieltes Hüsteln.

Du hast keinen Platz. Was ist Dein Standpunkt! Du kannst nicht stehen bleiben. Du sprichst mit Deinen Möbeln - Du lässt Dich von einer Kommode beschimpfen! Wie willst Du zu einem Standpunkt kommen? Die Dinge dürfen Dir nicht sagen, was Du tun sollst. Du bist ein ganz armes Würstchen. Du hast kein gesundes Verhältnis zu den Dingen.

Ein Raunen geht durch den Zuschauerraum und signalisiert, dass die konkrete Benennung der Krankheit nicht konstruktiv ist; die Kommode ignoriert den zunehmenden Unmut.

Sag was! Du Würstchen! (Pause, anders) Ich weiß nicht. Ich will niemanden verletzen.

Eine Zusschauerin der hinteren Reihen seufzt unvermittelt und bringt unbeabsichtigt zum Ausdruck, dass dieses Thema schon häufig Gegenstand der Szene war - augenblicklich wird ihr bewusst, dass sie dies nicht hätte andeuten dürfen, nun steht der Seufzer natürlich im Raum und droht alles zu zerstören.

Ja, ich weiß das schon. Es muss immer jemand verletzt werden. Das kann nicht anders erzählt werden. (anders) Hör auf mit Deinem Selbstmitleid! Niemand schüttelt den Kopf. Niemand erwartet etwas von Dir. Das sind nur Möbel, Gegenstände, verstehst Du? Keiner beurteilt Dich.

Die Zuschauer machen sich Notizen, auch diejenigen, die bisher regungslos auf ihren Stühlen saßen und nur verständnisvoll, aber leicht abwesend genickt hatten, ziehen nun Schreibblöcke unter ihren Stühlen hervor und beginnen eifrig mitzuschreiben. Einige wenige hacken auch etwas in Laptops oder kritzeln auf Tablets herum. Es ensteht ein eigentümliches Konzert aus Tastaturgeklacker, Kugelschreibergeklicke und Füllfedergekratze. Der Schauspieler könnte diese Unterbrechung für eine Zigarettenpause oder einen schnellen Espresse aus der Nespressomaschine nutzen, sodass er das Folgende sehr anders und in beinahe überzeugend lässiger Weise sagen kann.

Was ist Dein Standpunkt? Du brauchst einen Standpunkt, Junge. Das ist doch eine ganz klare Geschichte: auf der einen Seite stehst Du und Dir gegenüber die Gegenstände, kannst Du Dir ja merken, das steckt ja auch im Wort drin: Gegenstände.

unisono schlagen sich die Zuschauer mit der flachen Hand gegen die Stirn. Es bleibt unklar, ob aus plötzlicher Einsicht in die Zusammenhänge, die nun klipp und klar und für ein und allemal herausgearbeitet sind oder aus Unmut über das alberne Wortspiel.

Hast Du das gewusst, Papa? Hast Du gewusst, wie einfach das ist? (Pause)

Du hättest mir das sagen können. (Pause)

Warum hast Du mir das nicht gesagt? Das ist doch einfach. (Pause)

Das ist doch eigentlich ganz einfach. (Pause)

Aber jetzt weiß ich das natürlich nicht - wo die Grenze ist -

und was das sein soll: ein gesundes Verhältnis zu den Dingen. (Pause)

Aber jetzt wirst Du mich umbringen.

Ein Welle der Rührung rollt durch das Parkett, vereinzelt kullern Tränen auf die Dokumentenmappen, lassen die Tinte zerfließen, weichen das chlorfreie Papier auf, bilden Pfützen, die sich bald zu blau-durchschleierten Seen ausweiten, die Anmerkungen und Notizen der Zuschauer wegschwemmen, über die Kunstledermappen schwappen, zwischen die Sitze laufen, den Zuschauerraum ausfüllen - Tränenbäche fließen jetzt in den Strom, der die ersten Reihen schon weggerissen hat, alles mit sich reißt. Von dem Zuschauer, der vorhin sein Lachen im Taschentuch versteckt hat, ist jetzt nur noch eine kraftlos übers Wasser gehaltene Hand zu sehen, die verzweifelt und langsam schwächer werdend mit dem weißen Tuch wedelt. Dann versinkt auch er geräuschlos und zurück bleibt ein kleiner Strudel an der Wasseroberfläche, der sich in konzentrischen Kreisen ausbreitet und schließlich ganz verliert.

wasser.

weite.

stille.

.

eskalieren lassen

REIMAR (am Telefon) Ja, Mann, das hab ich doch gerade gesagt. Hört Ihr mir eigentlich zu, oder was! Alter, bist Du hörbehindert oder so. Ihr Typen macht mich fertig. Ich hab´s echt mal nicht leicht, aber ich versuch´s, okay? Ich versuch´s jeden Tag. Ich steh auf, okay? Ich steh jeden verkackten Tag auf. Und ich bin freundlich. Ich versuch das jeden Tag, aber Ihr macht`s mir nicht leicht!

Ich hab`s dem Herbert versprochen. Ich lass das nicht mehr eskalieren, hab`s mir reinstechen lassen. (zieht seinen Ärmel zurück - ein Tattoo umspannt seinen muskulösen Oberarm) Kannst Du das lesen? (Pause) Wie? Du kannst es nicht sehen? Ach so, ne - na klar. „exporge frontem“ steht da, hab ich mir reinstechen lassen; das ist Latein, Du Pisser! (Pause) Verstehst Du nicht? Ist mir klar, hast Du in Deiner beschissenen Försterschule nicht gelernt: Latein, Mann! „Entspann Dich“, heißt das! Jeden Morgen steht das da und dann weiß ich es wieder: Reimar, lass es nicht eskalieren, die kriegen Dich nicht mehr in die Drecks-Therapie, Dich nicht! Aber das verbraucht sich, verstehst Du? Der Tag geht ganz okay los, aber das verbraucht sich über`n Tag, so Stück für Stück. Mit jedem Spacko, der sich in den Weg stellt, verbraucht sich das ein bisschen mehr. Hast Du das verstanden? Da ist heute nichts mehr übrig für Dich. (Pause) Ob Du das beschissene Gespräch für Ausbildungszwecke mitschneiden darfst? Jetzt spann mal Deine Förster-Ohren hübsch auf, weil ich Dir die sonst für Ausbildungszwecke rausreiße aus Deinem dämlichen Förster-Schädel:

Der verkackte Weg ist weg! (Pause) Wie der weg ist? So wie er da war, Mann: einfach so: da - weg - da - weg! Und da steht jetzt der Baum, der steht konkret im Weg, obwohl da jetzt natürlich kein Weg mehr ist, nur noch der Baum. (Pause) Woher ich…? Ich lauf da heute morgen - (Pause) Ja, Mann, ich lauf da immer, das ist gut wegen der Aggression, haben die mir in der Klinik gesagt. Wenn der Kanal voll ist, musst Du laufen, musst Du die Scheiße rauslaufen aus dem Kanal. (Pause) Nein, Mann, ich laufe nicht am Kanal, Du Idiot! Ich laufe am Wald, Mann, am Wald, aber da ist heute kein Weg, weil da nur noch der Wald ist (Pause) obwohl das jetzt auch nicht korrekt ist, weil da eigentlich kein Wald ist; da ist ja nur der Baum, steht da wie so `ne beschissene Wand, der Baum. Kannst Du nicht mal drumrumgehen, um den Baum, so steht der da, einfach nur Rinde und Borke und wie der ganze Scheiß heißt, so weit Du schauen kannst. Ich weiß ja jetzt nicht, ob das normal ist. (Pause) Was das für`n Baum ist? Was weiß ich? Bin ich der Förster? Kümmert Euch selbst um Euren verkackten Baum! (Pause) Was machst Du? Weiterleiten? Amt für Landschaftspflege? Pfleg Dich selbst, Penner! (legt auf)

rüsten

(FRIEDRICH kommt zurück)

REIMAR Das glaubst Du nicht, was ich gerade für´n Ficker dran hatte.

FRIEDRICH Es geht los! (beginnt recht unkoordiniert, Rüstungsteile zusammenzusuchen)

REIMAR Ein verfickter Förster war das! Mann. (Pause) Verfickter Förster, ist gut, oder? Das ist `ne Alliteration, oder? Das kannst Du in Deinen Mittelalter-Lieder-Scheiß einbauen, verficktes Ficklied vom verfickten Förster.

FRIEDRICH Wir müssen uns rüsten, Reimar!

REIMAR Schon klar, aber nicht mehr heute. Du hast Deine Lektionen schon durch.

FRIEDRICH Keine Lektionen mehr:

mit geru scal man geba infahan,

ort widar orte.

REIMAR Friedrich, Du sollst Deutsch reden mit mir!

FREIDRICH Das ist Deutsch, Althochdeutsch eben. Verstehst Du das? ort widar orte!

REIMAR Klar versteh ich das, gibt ja nichts Anderes mehr in unsrer WG. Ist ja sowas wie mein Frühstücksradio, Dein Althochdeutsch; ich kenn das schon auswendig: ort widar orte: Spitze gegen Spitze.

FRIEDRICH Reimar, es geht los!

REIMAR Wie meinst Du das?

FRIEDRICH Die Zeit ist da! Keine Lektionen mehr, wir schlagen los: jetzt!

REIMAR Was sagst Du?

FRIEDRICH Weißt Du, wo mein Harnisch ist?

REIMAR Das hast Du jetzt nicht wirklich gesagt?

FRIEDRICH Die Zeit ist da!

REIMAR Du meinst das wirklich, oder? (Pause) Ob ich weiß, wo Dein Harnisch ist? Mann, ich weiß wo Dein Harnisch ist seit ich hier wohne mit Dir - keine Ahnung, 5 Jahre, 10 Jahre, schon immer?

FRIEDRICH Hol mein Harnisch!

REIMAR Wie geil! (ab - holt den Harnisch) Ich weiß, wo Dein Harnisch ist, weil es da seit fünf Jahren hängt. Weil ich es da jeden Abend hinhänge und weil ich da jeden Abend draufstarre und mich frage, Reimar, was machst Du hier eigentlich, erträgst den Gestank in der Bude, die Lektionen, den Fasanenfraß, die Klamotten, das alles. „Worauf wartest Du, Reimar?“, frag ich mich manchmal und dann denke ich: du bist auch schon so ein Freak, Reimar, da fehlt nicht viel.

(kommt mit FRIEDRICHS Harnisch wieder, zieht ihm diesen im Laufe des Gesprächs an; hierzu ist eine kleine Stellleiter vonnöten)

Ich hab das geträumt gestern Nacht, wie ich im Wald bin völlig nackt, nur so ein beschissenes Kettenhemd am Leib, spür ich, wie das bei jedem Schritt so gegen meine Haut schlägt. Verdammtes kaltes Kettenhemd, denk ich, schlägt mir zwischen die Beine bei jedem Schritt. Ich spür meinen Schwanz schon nicht mehr, wie ich so durch den Wald renne. Schlägt mir gegen den Schwanz, das verkackte Kettenhemd. Wieso rennst Du so bescheuert, frag ich mich, da bleib ich plötzlich stehen, ferngesteuert irgendwie, und wie ich da so stehe, merke ich, dass ich einen Speer in der Hand halte und dass ich jetzt aushole. Alter, ein Jägertraum, wie geil ist das denn, denk ich mir im Traum, das ist ein gerechter Jägertraum und ich kann den Speer in den warmen Bauch bohren und das Blut fließt gleich und ich stech nochmal zu und das Blut läuft mir durchs Kettenhemd, riecht nach Metall, das Blut, denk ich, wie ich da so stehe und aushole. Ich spüre schon, wie es mir warm über den Bauch läuft, auf meinen Schwanz tropft, während ich den Speer über meinen Kopf halte, wie das gut tut auf der wunden Haut überall, das warme Blut - gleich.

(Pause) Und da, Alter, da sehe ich im Traum, wie der Speer aus meiner Hand gleitet, dreht sich durch die Luft, als wenn er schon tausend Jahre so geflogen wär, bohrt der sich durch den dampfenden Wald und schraubt sich - das glaubst Du jetzt nicht - in ein veficktes Eichhörnchen.

(Pause)

Schlag mir eine rein! Ich glaub das erst, wenn Du mir eine verpasst.

Schlag mich!

FRIEDRICH Ich kann nicht!

REIMAR Du musst.

Friedrich schlägt Reimar mit überraschender Heftigkeit ins Gesicht.

(Pause)

FRIEDRICH Gott, hab ich Dich verletzt?

REIMAR (freudig) Ein krasser Scheiß: ich bin wach!

FRIEDRICH Das wollte ich nicht.

(FRIEDRICH seine Hand reibend - unruhig)

Seine anfängliche Energie und Entschlusskraft versinkt zusehends im Sumpf des Zweifels.

REIMAR Wir schlagen los! Wir rüsten uns! Friedrich, Du machst mich glücklich. Ich habe es gewusst; ich habe es immer gewusst.

FRIEDRICH (die Euphorie des Anfangs ist nun ganz verschwunden) Das klingt gut, wenn Du das sagst.

REIMAR Du hast es auch gesagt. Du hast es doch gerade eben auch gesagt, hier zu mir: Wir schlagen los!

FRIEDRICH Ich weiß.

REIMAR Uns stellt sich keiner in den Weg.

FRIEDRICH Du kennst ihn nicht.

REIMAR Wen jetzt?

FRIEDRICH Meinen Vater.

REIMAR Friedrich, mach das nicht!

FRIEDRICH welaga nu, waltant got

REIMAR Bitte sag jetzt nichts! Friedrich - mach das nicht kaputt.

FRIEDRICH (lauter) welaga nu, waltant got

REIMAR Mann, ich dachte, wir schlagen los, konkret jetzt. Aber wenn Du von Deinem Vater anfängst, weiß ich wie das endet: Du sitzt im Eck und schlägst Dir den Kopf an die Wand und ich wisch nachher die Reste auf.

FRIEDRICH (laut) wewurt skihit!

REIMAR (resigniert) Ja, ich weiß: Unheil geschieht!

FRIEDRICH

Es steht geschrieben: wewurt skihit.

Unheil geschieht!

REIMAR Du kannst es nicht einfach stehen lassen, nicht für einen konkret minimal glücklichen Moment. Du kannst nicht einfach sagen: Reimar, wir rüsten uns. Wir haun die weg - alle. Das wird ein richtig geiler Scheiß. (Pause) Du stehst Dir echt mal krass selbst im Weg mit Deinem Unheil. Friedrich, da ist kein Unheil, es gibt kein „nun walte Gott“, wir sind das, Friedrich. Wir schlagen los. Wir rüsten uns!

Friedrich, Dein Vater ist nicht da, er kommt auch nicht zurück!

FRIEDRICH (eindringlich) Reimar, Ik gihorta dat seggen.

REIMAR (wütend) Was denn? Was hast Du „seggen gihort“? Du bist nicht aus dem Haus seit Jahren und hast das sagen gehört, dass Unheil geschieht. Klasse! Wer hat Dir das gesagt? Die Stehlampe, mit der Du sprichst; die Yucca, die Du niedergemetzelt hast, als sie Dich beleidigt hat, das Nachtschränkchen, das Du heimlich streichelst? Hast Du es „seggen gihort“ als Du in meinem Kleiderschrank geschlafen hast, alle meine Klamotten aufschlitzen musstest, Du Idiot. Meine Lederjacke hat Dir nichts geflüstert, die war konkret friedlich und schweigsam, meine Lederjacke! Arschloch!

FRIEDRICH Es steht alles geschrieben. Du kennst das:

sunufatarungo

REIMAR Du machst mich fertig, ehrlich! Klar kenn ich dasr:

sunufatarungo - Sohn und Vater

FRIEDRICH (ein wenig schulmeisterlich) iro saro rihtun,

REIMAR richteten ihre Scharen aus,

FRIEDRICH garutun sê iro guðhamun,

REIMAR Sie richteten ihre Kampfgewänder,

FRIEDRICH gurtun sih iro suert ana,

REIMAR gürteten sich ihre Schwerter um,

FRIEDRICH helidos,

REIMAR die Helden,

FRIEDRICH ubar hringa

REIMAR über die Rüstung,

FRIEDRICH do sie to dero hiltiu ritun.

REIMAR als sie zu dem Kampf ritten -

Beide stehen etwas unschlüssig am Bühnenrand - gerüstet. Es entsteht eine Pause.

REIMAR Das ist es doch, Friedrich, das ist konkret gerecht: sie ritten zu dem Kampf!

(Pause)

FRIEDRICH Ich habe Angst.

REIMAR Das darfst Du nicht.

FRIEDRICH Er vernichtet mich, er löscht mich aus.

REIMAR Uns macht keiner wieder weg.

(beide ab)

pflegen

pflegeheim.

(MARTHA liegt am Boden, wimmert.)

Trauf tritt auf, sein Auftritt ist, wie es die Alliteration „Trauf tritt auf“ vermuten lässt, stets von großer Freude an der Wirkung seines eigenen Auftritts geprägt, er sonnt sich geradezu darin. Hin und wieder tritt Trauf nur wegen der Alliteration auf, auch wenn er in der Szene keinerlei Funktion hat; TRAUF pflegt Martha seit einigen Jahren, an seinem Akzent ist seine kurdische Herkunft erkennbar; es betreibt mit einigem Erfolg eine nicht uneitle Körperpflege.

TRAUF Martha, was machen Sie?

MARTHA Ich habe den Baum schmücken wollen; kommt ja keiner hin, an die Spitze, so hoch wie der ist.

TRAUF Warum rufen Sie mich nicht, ich hätte Ihnen doch helfen können.

MARTHA Ich dachte, das bescheuerte Eichhörnchen könnte mir auch mal helfen. Du bist doch da ruck-zuck oben, hab ich dem blöden Eichhörnchen gesagt, sitzt ja sonst nur rum und tust nichts. Aber es hat mich nur ausgelacht, das Eichhörnchen. Eine verrückte Alte bist Du, hat es mir gesagt, Du bist es, die hier nutzlos rumliegt, Tabletten frisst und die Windeln zuscheißt.

TRAUF (hilft Martha auf) Kommen Sie, Martha, Sie sind nicht verrückt, nur ein bisschen kindisch manchmal. Ich helfe Ihnen ins Bett. (Er hilft ihr mit der Selbstverständlichkeit und Routine eines professionellen Pflegehelfers ins Bett - sie lässt es geschehen und genießt die Zuwendung) Wenn ich gewusst hätte, dass es so schlechte Manieren hat, hätte ich Ihnen das Eichhörnchen nicht mitgebracht.

MARTHA Ich mag es eigentlich gern. Ich streichle es, wenn ich nicht einschlafen kann.

TRAUF Hat mir meine Ex geschenkt. Das ist kein billiges Werbegeschenk. Da hat sie richtig Geld dafür hingelegt, das ist von Steiff oder so - jedenfalls original.

Das wär schade, wenn ich´s weggeschmissen hätte, hab ich mir gleich gedacht, dass Ihnen das gefällt; sie sammeln ja lauter Zeug.

MARTHA Dinge beruhigen mich, die Menschen regen mich auf.

TRAUF (zum Stoff-Eichhörnchen) Du darfst nicht so mit meiner Martha reden, hörst Du! Das lass ich nicht zu, dass Du so mit ihr spricht. Die hat Respekt verdient, meine Martha. Die weiß mehr vom Leben als Du Dir mit Deinen blöden Knopfaugen überhaupt vorstellen kannst. Schau Dich doch an, Du Hörnchen, mit Deinem Staubwedel-Schwanz - peinlich genug, da wär ich mal schön still, wenn ich so aussehen würde wie Du.

MARTHA Das ist lieb, dass Du das sagst.

(Pause)

TRAUF Ich hab sie gestern wieder gesehn.

MARTHA Dein Mädchen?

TRAUF Das klingt schön, wie Sie das sagen - „Dein Mädchen“ - anständig irgendwie.

MARTHA Hast Du sie angesprochen?

TRAUF Nein, hab mich nicht getraut. (Pause) Sie war mit einem andern Kerl unterwegs.

MARTHA Kerl hin, Kerl her - darfst Dich nicht klein machen. Wenn Du Dich klein machst, übersieht sie Dich.

TRAUF Ich bin klein.

MARTHA Dein Herz ist groß, das zählt viel mehr.

TRAUF Ihres auch. (küsst sie auf die Stirn) Sie hätte ich gleich angesprochen.

MARTHA Keine Chance!

TRAUF Sie hätten mir nicht widerstehen können.

MARTHA Dazu müsstest Du Dich schon ein bisschen mehr ins Zeug legen.

TRAUF (übertrieben) Schönes Fräulein, ganz allein…

MARTHA Verpiss Dich!

TRAUF Martha - Sie sollen nicht immer so ordinär sein!

MARTHA Ja, schon gut: Wenn Sie näher kommen, schreie ich!

TRAUF Das ist doch kein Ort an dem sich hübsche Fräulein wie Sie alleine herumtreiben sollten.

MARTHA Ich bin nicht allein.

TRAUF Ich sehe niemanden in Ihrer Nähe.

MARTHA Es kommt gleich jemand.

TRAUF Darf ich Ihnen vielleicht so lange Gesellschaft leisten?

MARTHA Man sorgt für mich.

TRAUF Das würde ich auch gerne.

MARTHA Ich habe Pflegestufe.

TRAUF Aha.

MARTHA Für die Teilwäsche Oberkörper sind 8 bis 10 Minuten vorgesehen, für die Teilwäsche Unterkörper sogar bis zu 15 Minuten.

TRAUF Wollen wir etwas trinken gehen?

MARTHA Für die Einnahme eines Getränks sind leider nur 1 bis 2 Minuten vorgesehen.

TRAUF Dann pfeifen wir uns einen Caipi als Sondenkost rein, dafür gibt`s 20 Minuten täglich.

MARTHA (ohrfeigt ihn) Du Schlimmer! (lacht) Du hast gewonnen. Geh raus und schnapp Dir das Mädel. (Pause - Sie nimmt Ihre Tabletten aus dem Tablettenspender) Ich muss wirklich mit den scheiß Drogen aufhören, eines Tages bringen mich diese scheiß Drogen noch um. (lacht, Trauf reicht ihr die Schnabeltasse, sie nimmt ihre Tabletten; es ist eine ganze Handvoll unterschiedlichster Tabletten, die sie mit einmal einwirft und schluckt - Pause. Martha lässt sich ins Kissen fallen - schließt die Augen) Trauf, wollen wir zusammen durchbrennen?

TRAUF Wo wollen Sie hin?

MARTHA Egal - weg von hier. (Sie breitet Ihre Arme aus)

TRAUF Von welchem Geld leben wir?

MARTHA Wir können meine Pillen verkaufen, da ist wirklich gutes Zeug dabei. Du kennst doch bestimmt so Leute.

TRAUF Sie sind so eine alte Nazi-Braut, ehrlich!

MARTHA Tut mir leid, ich dachte, weil Du …

TRAUF Weil ich Ausländer bin? Wollten Sie das sagen? Hör mir gut zu, Fräulein Riefenstahl, ich und meine arabischen Drogen-Freunde, wir stehen nicht auf Deine Nazi-Pillen, in unsre Opium-Pfeifen kommt nur, was uns unser geliebter Prophet erlaubt - Alahu akbar!

MARTHA Du musst nicht gleich wieder losheulen, das war ja nur eine Idee. Wir können auch einfach meine Schwiegertochter ausrauben.

TRAUF Jetzt gefallen Sie mir wieder. Das klingt nach einem guten Plan. Und wohin gehen wir dann?

MARTHA Nach Samangan.

TRAUF In die Heimat von Rostam?

MARTHA Ja, erzähl mir von Rostam.

TRAUF Es ist eine traurige Geschichte.

MARTHA Das ist gut.

TRAUF Rostam tötet seinen eigenen Sohn.

MARTHA Sohrab - richtig?

TRAUF Sie sind wirklich unglaublich, manchmal vergessen Sie, wer ich bin, aber Sie können sich an Sohrab erinnern.

MARTHA Ich habe ihn gekannt.

TRAUF Sohrab?

MARTHA Ja, und Rostam auch.

TRAUF Ist nicht wahr!

MARTHA Mochten keine Bohnen - beide.

TRAUF Schon möglich, waren ja auch Vater und Sohn. Aber Rostam verließ seine Frau, bevor sein Sohn geboren wurde - er zog in den Krieg.

MARTHA Draußen ist immer Krieg.

TRAUF Ja.

MARTHA Erzähl, wie sie sich wieder begegnet sind.

TRAUF Auf dem Schlachtfeld stehen sie sich gegennüber und erkennen sich nicht, der Vater und der Sohn; viele Stunden kämpfen sie, bis der Sohn den Vater niederringt, so stark ist er geworden in den Jahren.

MARTHA Zeig mir, wie stark Du bist.

(TRAUF köpft sein Hemd auf und lässt seine Muskeln spielen, es scheint ein vertrautes Ritual der beiden zu sein)

MARTHA Das ist schön. (versinkt eine Weile in Traufs Muskelspiel - abwesend) Weshalb bringt er ihn nicht um? Er muss ihn töten.

TRAUF Der Vater redet auf ihn ein.

MARTHA (noch immer versunken) Nein, das ist nicht gut. Er darf nicht auf ihn hören.

TRAUF „Unehrenhaft ist es, den Gegner im ersten Kampf zu töten“, sagt er ihm.

MARTHA Das stimmt nicht, das darf er nicht glauben. Er lügt! Mein Herbert lügt immer, wenn er Angst hat; mein Herbert ist ein schwacher Mensch.

TRAUF Ja, der Vater lügt. Er belügt den Sohn, weil er sich übermenschliche Kräfte besorgen will.

MARTHA Wir können ihm meine Pillen verkaufen.

TRAUF (lacht) Sie sind wirklich schlimm. Aber in der Geschichte macht er den Deal mit einem Berggeist. So kann er am nächsten Tag seinen Sohn besiegen.

MARTHA Er tötet ihn. Der Vater tötet den Sohn.

TRAUF Ja, und kurz bevor der Sohn stirbt, erkennt der Vater seinen Sohn.

MARTHA Wie hat er ihn erkannt? Ich habe das vergessen…ich habe das gewusst…ich habe das vorhin noch gewusst…das darf mir nicht…ich kann mich nicht erinnern…ich kann mich einfach nicht erinnen…er muss ihn doch irgendwie…

TRAUF (legt seine Hand auf Marthas Schulter) Der Reif, Martha, Sie haben nur den Reif vergessen.

MARTHA Welcher Reif?

TRAUF Der Reif, den Rostam damals seiner Frau geschenkt hat. Er sieht ihn an Sohrabs Arm und da begreift er, dass er seinen eigenen Sohn getötet hat.

MARTHA Das ist schlimm.

TRAUF Ja.

MARTHA Das muss ich ihm erzählen.

TRAUF Wem?

MARTHA Herbert.

TRAUF Wer ist Herbert?

MARTHA Mein Sohn, der Vater von Friedrich.

TRAUF Und wo ist er?

MARTHA Er ist auch zurückgekommen. Er war lange weg, jetzt wohnt er bei mir im Schrank.

TRAUF Aha.

MARTHA Willst Du ihn kennen lernen?

TRAUF Vielleicht morgen.

MARTHA Okay, ganz wie Du meinst.

TRAUF Schlafen Sie jetzt, ich singe noch ein wenig bis Sie eingeschlafen sind.

MARTHA Von Rostam und Sohrab.

TRAUF Ja. (Trauf singt)

Martha schläft während Traufs Lied friedlich ein. Trauf streicht, ehe er geht, Marthas Decke glatt, steckt das Stoff-Eichhörnchen in die Schublade des Nachttischchens, kontrolliert den Tablettenspender, füllt Wasser in die Schnabeltasse nach und löscht schließlich das Licht.

(Pause)

Johann kommt aus dem Schrank, in dem er es sich offensichtlich häuslich eingerichtet hat; durchsucht das Zimmer nach etwas Essbarem, findet in dem Nachttischschränkchen das Eichhörnchen, das er in seine Jackentasche steckt.

Er schleicht sich aus dem Zimmer.

dämmerung.

aufbrechen

Die Bühne ist in völlige Dunkelheit getaucht. Irmgard, Edna und Werner bewegen sich mit traumwandlerischer Sicherheit, die Dunkelheit scheint sie nicht zu stören, vielmehr macht es den Eindruck, als würden Sie die Dunkelheit gar nicht bemerken. Man könnte beinahe denken, das Licht sei erst angegeganen. Sie blinzeln, als kämen sie vom Dunklen ins Helle, was freilich für das Publikum wegen der völligen Finsternis kaum wahrnehmbar ist - außer natürlich jemand empfindet genauso.

EDNA Jetzt ist er weg.

IRMGARD Ja.

WERNER Wir hätten ihn aufhalten müssen.

EDNA Das kann keiner.

IRMGARD Wolfgang war ja schon immer seltsam - aber das … !

WERNER Wenn Herbert tatsächlich zurück ist, müssen wir ihn warnen. In dem Zustand ist Werner eine Gefahr für ihn. Wir müssen ihn wegmachen.

EDNA Ich halt das nicht mehr aus.

WERNER Still mal, ich höre was.

(Stille - alle lauschen)

EDNA Das kommt aus dem Sofa, glaube ich.

WERNER Nein, das kommt von unten.

IRMGARD Das muss der Baum sein.

EDNA Aber das klingt als ob was zerbrochen ist.

IRMGARD Das war vielleicht das Buffet. Ich habe es sowieso nie leiden können, war ein Hochzeitgeschenk von Werners Eltern, ein grauenvolles Teil - Eiche Rustikal im Altdeutschen Stil, ein Erbstück. Es gibt Möbel, die stehen wie schwarze Löcher in der Wohnung.

WERNER Irmgard, hör auf!

IRMGARD Die saugen Dich aus, die ziehen Dir das Licht aus der Wohnung.

WERNER Irmard, Du übertreibst wirklich!

IRMGARD Da fragst Du Dich, wo die ganze Traurigkeit herkommt in so einer Familie, das siehst Du ja auf den alten Photos, die Traurigkeit und die Sehnsucht. Das ist alles verschluckt von den Möbeln, die ganze Energie von Generationen in einer rustikalen Wohnzimmerschrankwand. Deswegen sind die so schwer, die scheiß Teile, die kriegst Du nicht mehr raus aus der Wohnung, die nimmt Dir ja keiner mehr mit.

WERNER Irmgard, bitte!

EDNA Da, schon wieder.

IRMGARD Der wächst jetzt wirklich schnell, der Baum. Heute Morgen war ich noch unten bei Frau Blücher in ihrer Wohnung wegen der Heizkostenrechnung und heute Nachmittag ist da nur noch der Ast wo vorher die Wohung von Frau Blücher war. Ist nur noch die Küche übrig. Hat sie Glück gehabt, dass sie gerade ihr Gulasch umrühren wollte, als der Baum durch die restliche Wohnung gewachsen ist.

WERNER Das nimmt überhand.

IRMGARD Naja, war ohnehin schrecklich eingerichtet, hatte keinen Geschmack, die Frau Blücher. Das mit der der Heizkostenrechnung hat sich dann ja wohl auch erledigt.

EDNA Der ist jetzt überall, der Baum. (blickt aus dem Fenster) Da ist nichts mehr zu sehen draußen (Pause) nur noch der Baum (Pause) überall.

WERNER Wir müssen Herbert finden.

EDNA Das hat mit Wolfgang angefangen.

WERNER Wie meinst Du das.

EDNA Bevor Herbert ihn umgeknallt hat, war alles normal. Das ging los, als Wolfgang dann wieder aufgestanden ist. Er hat nur noch von diesem bescheuerten Traum erzählt; vorher war das alles nicht, der Baum und das alles. Das hängt zusammen.

WERNER Seltsam.

EDNA Wir müssen ihn finden.

WERNER Ich verstehe das nicht.

IRMGARD Er wird nicht auf uns hören.

EDNA Dann müssen wir ihn eben anders aufhalten.

IRMGARD Wie willst Du?

EDNA (zu Werner) Werner, auf welche Distanz triffst Du ein Wild?

WERNER Das kommt auf die Trefferzone an.

EDNA Was heißt das?

WERNER (angeknipst) Je größer der Wildkörper ist, umso größer ist auch die Trefferzone. Wenn ich auf einen Hirch gehe, dann habe ich schon so etwa 18 Zentimeter Trefferzone. Wenn ich von sechs Zentimetern Streukreis der Waffe und zwölf Zentimeter Schützenstreuung ausgehe; könnte ich bei optimalen Bedingungen schon 300 Meter schaffen.

EDNA Und wenn Du auf Wolfgang gehen würdest.

WERNER Das ist nicht einfach zu sagen; Wolfgang hat ein breites Kreuz, da hast Du eine konfortable Trefferzone im Wolfgang-Wildkörper. Bei achtzehn Zentimetern musst Du allerdings damit rechnen, dass Du nur die Schulter wegschießt. Außerdem hat Wolfgang schmale Hüften, da würde ich dann schon eher von einer Trefferzone von maximal 15 Zentimetern ausgehen, wenn Du den sauber erlegen willst, so wie wir das bei den Wildsauen ja auch haben. Da sollten wir schon auf 200 bis 250 Meter rankommen an den Wolfgang.

IRMGARD (zu Edna) Wolfgang ist Dein Mann!

EDNA Wolfgang ist eine Gefahr.

WERNER Bei optimalen jagdlichen Begebenheiten könnte ich allerdings meine Schützenstreuung bestimmt auf 10 Zentimeter bringen, das ist alles eine Frage der Konzentration.

IRMGARD Ihr seid ja irre!

EDNA Werner, Du bist der Einzige, der das fertigbringt. (nimmt ihn am Arm)

WERNER Wir müssen das wegmachen. (schultert sein Gewehr, beide ab)

(IRMGARD versucht etwas zu sagen, aber ein ohrenbetäubender Lärm von berstenden Balken und einstürzendem Mauerwerk übertönt alles)

IRMGARD (im Abgehen brüllend) Frau Blücher!

verbergen

später.

wannen.

messer.

tierteile.

IRMGARD Komisch, dass ausgerechnet dieser Raum übrig geblieben ist. Das ganze Haus ein Baum, nur die Ausbein-Küche steht noch in ihrer ganzen gekachelten Hässlichkeit. Hängt ja auch noch alles am Haken. Vier Hirsche, hast Du gesagt, das weiß ich gar nicht, ob die in meinen Ausbeinkeller passen, ob ich die in meiner kleinen Ausbeinhöhle aufgehängt bekomme.

Das ist für jede Wand einer, hab ich gesagt, die kannst Du an die Wände verteilen wie die Windrichtungen; dann weißt Du das nachher auch noch, welchen Hirsch Du schon aufgebrochen hast, wenn Du im Norden anfängst - „nicht ohne Seife waschen“, so kannst Du Dir das merken, dann kommst Du im Westen raus, wenn Du im Norden angefangen hast.

(Pause)

Jetzt weiß ich natürlich nicht, wo ich anfangen muss: bist Du jetzt der Nord- oder der Osthirsch?

(Pause)

Still ist das. Ich bin eigentlich gerne hier, ist mystisch igendwie. Das ist wie bei einer Nitsch-Performance, Werner, mein kranker Performance-Priester mit Deinen Rehhälften und den Blutwannen, lass uns Deine Rotary-Feunde einladen und dann machen wir so richtig verstörende Aktionskunst - ein Orgien und Mysterien-Spiel im Ausbeinkeller: ich steige nackt in die Blutwanne und Du schreibst mit einem Wildschweinherz Koranverse an die Fliesen - Das hat er nicht lustig gefunden. Du kennst keine Grenze mehr, hat er zu mir gesagt, und dass das Schamgefühl eine kulturelle Berechtigung hat. Ich hab ihn dann ohne Schamgefühl gevögelt. Wenn er so peinlich berührt ist von mir, kann ich mich nicht beherrschen; wenn er mich so anschaut wie ein kleiner Junge, der was Verbotenes gesehen hat, kann ich nicht an mich halten.

(Pause)

Das kommt nicht vor in seiner Werner-Welt, was er dann denkt. Die hat nämlich eine Ordnung, die Werner-Welt. Da kommt der Hirsch drin vor und läuft vors Rohr und will nicht sterben, will noch röhren oder irgendeine andere Hirsch-Sache erledigen. Aber wer vor das Rohr läuft, hat ausgeröhrt, das ist die Ordnung in der Werner-Welt.

(Pause)

Das Blut in die Wanne, das Fell in den Eimer, die Organe aus dem Bauch -

sauber auswaschen das Wild, so ist die Werner-Welt.

Da läuft nichts verkehrt, da weiß jedes wo sein Platz ist.

Das kommt nicht vor in der Werner Welt,

dass eines seinen Platz nicht mehr kennt.

Der schaut Dich nicht an durchs Rohr, der Hirsch;

der weiß nichts von Dir, wenn ihm die Kammer platzt;

hat keine Angst, dass die Kugel ihn trifft.

Der kennt seinen Platz,

röhrt und läuft vor`s Rohr

wie er soll.

Fragt nicht.

Aber wenn eines seinen Platz nicht mehr kennt,

wenn eines fragt unentwegt?

(Pause)

Das kommt nicht vor in der Werner-Welt;

Das macht der weg, der Werner.

das muss vor`s Rohr

wenn eines fragt

immerfort

muss

vor`s Rohr

das tut mir leid

das wollte ich nicht.

Irmgard nimmt sich ein Hirschgeweih vom Tisch, das sie sich notdürftig auf den Kopf bindet.

Sie verlässt den Ausbeinkeller.

jagen

finsteres mittelalter.

STIMME VON WERNER Bist Du sicher, dass es Herbert war.

STIMME VON EDNA Er hatte den Reif - ich hab ihn genau gesehen.

STIMME VON WERNER Ich wusste immer, dass er zurückkommt. Wir dürfen jetzt nichts riskieren; Wolfgang darf ihm nicht zu nahe kommen - er ist gefährlich. Ich mach ihn weg.

STIMME VON EDNA (erregt) Ja, Du kannst das nicht anders machen. Du musst das wegmachen.

STIMME VON WERNER Warte - ich sehe was. (Pause) - da steht einer - (Pause) - was ist das? (Pause) - das ist ein Fünfender - aber der steht nur auf zwei Läufen - die ganze Zeit - das gibt`s nicht - - ein Bock geht nicht auf zwei Läufen - das ist alles außer Kontrolle - krank ist das - (Pause) - ich mach Dich weg, Du kranker Bock (Pause) - warte - (Pause - er visiert den Bock an) der schaut mich an - der schaut durch mein Rohr in mich rein - ich kann das hören, was der denkt - „Ich weiß, dass Du das bist“, denkt der - (Pause) Schwachsinn! - keiner schaut durch ein Zielfernrohr - falschrum - ein Bock erst recht nicht (Pause)

STIMME VON EDNA Mach den weg!

STIMME VON WERNER Da sind noch zwei.

STIMME VON EDNA Mach die alle weg.

schuss.

aufreißen

In der Dunkelheit ist die Orientierung schwierig. Um im Folgenden etwas zu sehen, sind für das Publikum Nachtsichtgeräte erforderlich.

IRMGARD Das rutscht einfach so weg, plötzlich gehört Dir das alles nicht mehr, der Schmerz, der Schreck, die Bewegungen, gehören Dir nicht mehr. Der Schuss knallt rein in Dich, knallt einfach mühelos so in Deine Brust und macht, dass das alles wegrutscht, dass Dir das alles nicht mehr gehört. „Falsch!“, denkt es in Dir, „gehört so nicht, ein dummer Fehler, muss korrigiert werden. Ist ja dunkel schon.“ - ist aber alles richtig, gehört zu Dir jetzt, der Kugelkanal in der Brust, ist Deiner jetzt, war er immer schon, wusstest Du lange bevor der das alles aufreißt in Dir. „Irreparabel“, denkst Du jetzt, taub fühlt sich das an, aber warm auch, wie das aufreißt. Gehört Dir nicht mehr, die Lunge, die da kollabiert, ist nicht mehr Dein Arm, den es da nach oben reißt; sind nicht mehr Deine Bewegungen. Du denkst: „Jetzt rutsche ich weg, falle raus jetzt, - einfach so - endlich!“, denkst Du noch und schlägst auf.

wegrennen

bei Friedrich.

Reimar und Friedrich sind völlig derangiert.

Svenja versucht ihnen das Blut und den Schmutz aus dem Gesicht und von der Rüstung zu wischen.

Reimar rast.

REIMAR Okay…okay…wow…wow…wow…FUCK! …

SVENJA Bleib doch mal stehen, Du bist völlig verschmiert.

REIMAR Das ist Blut - Fuck - fuck - FUCK!!! Wisch das weg! (bleibt für eine Sekunde stehen, Svenja wischt ihm übers Gesicht, Reimar kann nicht still halten, was die Sache natürlich verschlimmert) Das stinkt - das stinkt - das STINKT. Mach das weg. (kippt sich Reimars Kaffeereste über den Kopf, was die Sache auch nicht unbedingt verbessert) Scheiße! (er ist nicht zu halten - rast besinnungslos über die Bühne)

FRIEDRICH (abwesend, wie betäubt) wewurt skihit… wir haben es gesehn…wewurt skihit!

SVENJA (wischt Friedrich das Blut aus den Augen) Was habt ihr gesehen? Du musst mit mir reden, Friedrich. Was ist passiert?

REIMAR (zu Friedrich) Ja genau! Was ist passiert? (boxt und tritt ihn, was sich Friedrich willenlos gefallen lässt) Du hast doch mit der Scheiße angefangen - das ist doch alles Dein Scheiß!

FRIEDRICH Du wolltest losschlagen mit mir.

REIMAR ( schlägt und wedelt mit seinen Armen wie eine Motte im Glas) Ja Mann, ja Mann, ja Mann…! schon klar…schon klar! aber das ist scheiße real! Das ist überall jetzt! (panisch) FUCK!! das stinkt! Du kannst das nicht zuhalten, wenn das rausspritzt - da ist irgendsoeine Schlagader, die kannst Du nicht zuhalten, ich hab`s versucht, hab draufgedrückt die ganze Zeit. So viel Blut, Mann, das hab ich nicht wissen können, dass da soviel Blut rauskommt, dass da soviel Blut ist in einem einzigen Menschen.

FRIEDRICH Wir haben das nicht wissen können.

SEVNJA Was habt Ihr nicht gewusst? Du musst reden mit mir!

FRIEDRICH Reimar, wir haben das nicht gewusst.

REIMAR Ich hab das erst nicht gesehn, dass das ne Braut ist. Wer denkt denn auch an sowas: ne Braut mit `nem Hirschgeweih auf dem Kopf. Wo gibt es denn sowas?

FRIEDRICH Die haben Jagd gemacht. Das haben wir nicht wissen können, dass die Jagd machen auf einen Menschen. Svenja, die haben sie einfach abgeknallt, vor unseren Augen, abgeschossen wie ein Tier.

SVENJA Wer war das?

FREIDRICH Ich weiß nicht, wir konnten sie nicht sehen. Wir sind ja gleich zu der Frau mit dem Geweih, aber die hat geblutet, als wenn da ein Schlauch aufgerissen wär. Da war nichts mehr zu machen.

REIMAR Nichts…nichts…NICHTS! Ich hab das zugedrückt, aber da war nichts mehr zu machen! GARNICHTS! (hyperventiliert) Die hat mich angesehn, die hat mich die ganze Zeit angesehen - mit so riesigen Augen - und ich hab das nicht zuhalten können - riesige Augen hat die gehabt. Reimar, mach was, wollt die sagen, mach was … Du musst was tun … halt das zu, Du Penner! Du musst das besser zuhalten, wollt die sagen, das spritzt doch alles raus, Reimar, Du Arsch, gib Dir Mühe - das wollt die sagen, aber konnte die ja nicht.

SVENJA Ist ja gut. Du hast alles richtig gemacht. Das war nicht Eure Schuld.

REIMAR Genau, ja genau! Wir wollten losschlagen, korrekt rittermäßig - mit Respekt! Mit so einer Scheiße haben wir nichts zu tun: Frauen in die Brustschießen - auch nicht wenn die ein Geweih auf`m Kopf haben, das ist echt mal kein Grund sie einfach abzuknallen.

FRIEDRICH Sie wollten uns umbringen.

SVENJA Ich dachte, sie haben die Frau gejagt.

FRIEDRICH Ja, zuerst. Aber dann sind sie auf uns los.

REIMAR (boxt in die Luft, als wolle er einen unsichtbaren Gegner niederstrecken; hält sich im Folgenden die Fäuste vor das Gesicht, um in Deckung zu sein) Ihr kriegt uns nicht, keine Chance, Ihr Ficker!

FRIEDRICH Ich hatte mein Schild dabei. Sie haben auf uns geschossen, ist stabiler als ich dachte, das Schild. (zeigt ihr das Schild, das offensichtlich unter schwerem Beschuss war)

SVENJA Ihr könnt nicht hier bleiben, hier ist es zu gefährlich.

FRIEDRICH Ich kenne niemanden zu dem wir könnten.

SVENJA Wir gehen zu Mama.

FRIEDRICH Sie will mich nicht mehr sehen.

SVENJA Ich rede mit ihr.

FRIEDRICH Das ist lieb von Dir.

SVENJA Aber erst müssen wir Euch waschen. Kommt mit ins Bad.

(alle ab)

einnisten

ruth am tisch.

svenja an der tür.

suppe.

RUTH Komm rein, Kind. Du siehst furchtbar aus. Was ist passiert.

SVENJA Ich kann es noch nicht sagen, aber wir müssen etwas tun.

RUTH Ist was mit Friedrich?

SVENJA Ja, Mama.

RUTH Das habe ich genau gewusst, wie das enden wird.

SVENJA Er kann nichts dafür.

RUTH Das sagst Du immer. Das sagst Du seit Papa weg ist; seitdem hältst Du zu Friedrich, ganz gleich was er anstellt. Das war mir klar, dass das nicht gut gehen wird mit Friedrich.

SVENJA Mama, Du weißt gar nicht was passiert ist. Er ist in etwas reingeraten; wir müssen ihm helfen.

RUTH Ich muss Papa fragen.

SVENJA (mutlos) Mama!

RUTH Ich wollte es Dir gleich sagen, er ist wieder da. Er kommt gleich, ich habe ihn schlafen lassen. Er ist gestern Abend mit dem Baum gekommen. Der ist ja jetzt überall, der Baum. Es ist kein Durchkommen mehr; die ganze Wohnung ein Astgewühl, wir sitzen auf der Rinde und schlafen in den Astgabelungen. Und immer wieder diese Eichhörnchen, fiese kleine Biester, die kannst Du nicht einfangen, so schnell sind die zwischen den Zweigen. Das sind böse Geschöpfe, Svenja. Ich bin so froh, dass Papa wieder da ist. Erst hab ich ihn gar nicht erkannt, obwohl er ja den Reif anhatte. Aber er sieht jetzt so anders aus. Dreißig Jahre, hab ich mir gesagt, wenn dreißig Jahre durch ein Gesicht wüten, richten die eine ganz schöne Verwüstung an, die graben das um, so ein Gesicht, dass Du Dich nachher gar nicht mehr auskennst darin.

SVENJA Ja, da ist es natürlich super, dass Papa wieder da ist, schon wegen der Eichhörnchen.

RUTH Du musst Dich nicht lustig machen. Dein Vater hat eines zu fassen gekriegt. Das geht mir nicht mehr aus dem Kopf, was das gesagt hat. Es gibt Gedanken, Svenja, die fressen sich in die Welt. Das merkst Du erst nicht, wie die an Deinen Ästen nagen; den Stamm aushöhlen, wie das faulig wird mit der Zeit. Das kitzelt erst in der Rinde, juckt wie unter einem Schorf. Lass das mal weiter nagen, denkst Du zuerst, den kannst Du wegkratzen nachher.

SVENJA Hör auf jetzt! Ich will das nicht mehr hören - niemand nagt an Deinem Stamm.

RUTH Doch, Svenja, Du weißt das nicht, wie das ist, wenn Du denkst, der kommt irgendwann, wenn Du glaubst, Du kannst einfach weiterleben, kannst Dich auf Pause stellen und weiterleben, bis der zurückkommt; bis das dann losgeht – in echt – das Leben. Und dann kratzt Du das frei, schabst die Jahre weg, die sich auf Dich gekrustet haben. Und Du denkst da ist die neue Haut aber da ist alles weggefault darunter, da bleibt nur ein stinkender fauliger Morast, solche Gedanken sind das. Und dann flüstert Dir dieses verfickte Eichhörnchen, dass das Dein Baumstumpf ist jetzt, der da fault in der Nacht und leuchtet, dass da sonst nichts mehr ist.

(Pause)

Und dann greifst Du zu und es ist Dir mit einmal scheißegal, ob das jetzt richtig ist, Du denkst nicht darüber nach, ob Du das darfst, es spielt keine Rolle mehr, wer das ist; Du hältst den einfach fest, weil Du dann endlich nicht mehr alleine bist.

(Pause)

Svenja, Papa ist wieder da.

Johann ist währenddessen unbemerkt ins Zimmer gekommen, er trägt einen Beutel mit sich, in dem sich offensichtlich ein kleines gefangenes Tier befindet – der Beutel zuckt, es fällt ihm nicht leicht, ihn unter Kontrolle zu halten; beinahe wird er von dem Beutel weggerissen.

JOHANN eIk gıhorta dat ſeggen

SVENJA Ist das…

RUTH Ja.

Johann schlägt den Beutel mit großer Mühe gegen die Wand; er gibt für einen Moment Ruhe.

JOHANN dat ſih urhettun ænon muotın

SVENJA Was sagt er?

RUTH Ich weiß noch nicht. Papa hat ja nie viel geredet.

SVENJA Er war ja auch nicht da.

RUTH Du darfst nicht ungerecht sein.

JOHANN (auf Svenja zugehend) t ſih urhettun ænon muotın

SVENJA Ich darf nicht ungerecht sein? So habt Ihr Euch das überlegt? Das ist also meine Aufgabe? Du kommst zurück nach dreißig Jahren, nistest Dich hier ein, machst Dich breit und ich soll nicht ungerecht sein? Hast Du überhaupt eine Ahnung, wie das hier war, wie wir hier überlebt haben?

RUTH Jetzt bist Du aber wirklich ungerecht, wie soll er das wissen, wenn er doch gar nicht da war.

SVENJA (zu Johann) Du warst nie weg, verdammt! Du hast Dich aus dem Staub gemacht, keiner konnte Dich erreichen, aber für uns warst Du die ganze Zeit da, hast Dich breit gemacht - überall. Hast mit Deiner Abwesenheit jeden Winkel ausgefüllt. Da war kein Entkommen für uns; Du hast uns an die Wand gepresst. Wir sind Dich nicht losgeworden – all die Jahre. Ich wollte Dich rausprügeln, aber Du bist auf meinem Leben gesessen wie ein fetter Baal. Du warst nicht da und wir sind erstickt unter Dir. Ich hab getreten nach Dir. Ich habe die Nacht lang geschrien und getobt, bis ich vor Erschöpfung eingeschlafen bin, aber am Morgen war es nur noch schlimmer, hatte ich ein noch größeres Loch gerissen. Kannst Du Dir das vorstellen, wie das ist, wenn Du immer wieder und immer wieder ins Leere schlägst, wenn da nichts ist, worauf Deine Fäuste treffen können, kein Widerstand, keine Antwort, nicht einmal eine Echo, wenn da nur noch dieses Loch ist, das Dich völlig ausfüllt und das Du irgendwann selbst bist.

JOHANN eIk gıhorta dat ſeggen

Eine unbeschreibliche Wut, die über all die Jahre gewachsen ist, bricht sich nun Bahn, entlädt sich als entfesselte Naturgewalt, reißt Krusten und Schichten auf. Flüssiges Magma brodelt und Feuergeysire schleudern die Kränkungen und Demütigugen aus Svenja Innerem an die Oberfläche. Ruth ist fasziniert von dem Naturschauspiel, sie betrachtet es mit offenem Mund und tränenglänzenden Augen, ihr bebendes Gesicht ist vom Flackern der Feuer beschienen. Einer Gruppe Geologen, die dem Stück auf günstigen Stehplätzen beiwohnt, läuft der Speichel aus dem Mund, sie wiederholen in einem monotonen Singsang ergriffen: „tektonische Plattenverschiebung“. Svenja schlägt auf Johann ein; Johann nimmt die Schläge liebevoll entgegen.

SVENJA (unablässig mit Händen und Füßen auf Johann einschlagend und eintretend - ein wütendes Kind) Du hast mir gefehlt! Du hast mir gefehlt!

Svenja und Johann liegen schließlich am Boden - ein unentwirrbares Knäuel - aus den Schlägen und Tritten entsteht eine eigentümliche Bewegung, die einer geheimen Choreographie zu folgen scheint und die das Svenja-Johann-Knäul in Bewegung versetzt; es schiebt sich wie ein urzeitliches Tier über die Bühne.

Das Telefon klingelt – ewig.

verlieren

FRIEDRICH (am Telefon) Svenja, Du bist nicht zurückgekommen … ich habe gewartet, warum bist Du nicht zurückgekommen? (Pause) Das kann nicht sein. (Pause) Du hast es selbst gesagt: Er kommt nicht zurück. (Pause) Nein, hast Du vergessen, was wir am Fluss gesprochen haben? (Pause) Svenja, bitte nicht! (Pause) Du darfst da nicht bleiben! (Pause) (Pause) Doch, ich hol Dich raus! (Pause) Was hat er mit Dir gemacht – das bist nicht Du, die das sagt. (Pause) Bitte nicht, Svenja, ich brauch Dich doch! (Pause) Ja, das weiß ich schon. (Pause) Das kann nicht sein - sie lügt; sie hat uns immer belogen; hast Du das vergessen? Wir konnten ihn nicht erreichen, sie hat uns angelogen, damit wir sie in Ruhe lassen. Svenja, wenn Du jetzt dort bleibst, machen sie Dich kaputt! (Pause) Nein…nein…nein! (Pause) Svenja, ich brauch Dich; ich schaff das nicht ohne Dich. (Pause) Auf keinen Fall – (Pause) Ich werde ihn aufhalten – kommst zum Fluss. (Pause) Das ist schön – warte auf mich am Fluss. (legt auf).

REIMAR (kommt dazu) Was hast Du vor?

FRIEDRICH Ich muss ihn aufhalten – er zerstört alles.

REIMAR Und wenn er wirklich Dein Vater ist?

(Pause)

FRIEDRICH Du hast recht, wir brauchen Gewissheit!

REIMAR Wie willst Du das anstellen? Er hat den Reif und keiner kann sich erinnern, wie er aussah vor dreißig Jahren. Er könnte es sein.

FRIEDRICH Wir brauchen ein Ordal.

REIMAR Ein was?

FRIEDRICH Ein Gottesgericht.

REIMAR Aha.

FRIEDRICH Wir lassen die Flammen entscheiden. Sagt er die Wahrheit, kann ihm das Feuer nichts anhaben.

REIMAR Das klingt gut, eine Feuerprobe. Wie machen wir das?

FRIEDRICH Geh und besorg uns Benzin.

REIMAR Jetzt gefällst Du mir, wir fackeln das ab! Wir lassen die in Flammen aufgehen. Sie sollen brennen!

FRIEDRICH Ich treffe Svenja am Fluss.

finster.

bleiben

bei Ruth.

SVENJA (den Telefonhörer in der Hand) Ich geh nachher nochmal raus; ich will Friedrich sehen.

RUTH Das darfst Du nicht.

SVENJA Was?

RUTH Du darfst nicht rausgehen, es ist zu gefährlich. Werner war vorhin da, er hat gesagt, dass er Jagd macht.

SVENJA Jagd worauf?

RUTH Es ist alles außer Kontrolle. Wolfgang ist anscheinend völlig durchgedreht. Er hat Angst, dass er Herbert etwas antut. Die Stimmung könnte umschlagen, seit Herbert wieder da ist, sind alle in Aufruhr. Es gibt Leute die glauben, dass Herbert an allem Schuld ist. Sie wollen ihn wieder weghaben, sie denken, dass dann der ganze Spuk ein Ende hat. Sie sehen nicht, wie die Dinge sich zum Guten entwickeln, seit der Baum da ist. Sie weinen ihren lächerlichen Eigenheimen nach und wollen die größeren Zusammenhänge nicht begreifen.

SVENJA Worauf macht Werner Jagd?

RUTH Auf jeden, der sich unserem Haus nähert. Er hat gesagt, er macht jeden weg, der um unser Haus schleicht – ohne Vorwarnung. Du kannst nicht raus; Du kennst Herbert, der macht keine Unterschiede, wenn der auf der Jagd ist. Der macht alle weg.

SVENJA Ich bleibe heute Nacht da, aber morgen muss ich Friedrich sehen.

RUTH Ist gut, Kind. Du kannst ihn ja anrufen. Ich mach uns was zu essen. (ab)

Svenja tippt eine Nummer ins Telefon.

Gassenbesetztton.

SVENJA Mann, Friedrich, geh ran.

dunkel.

entscheiden

dazwischen.

HERBERT Wo seid Ihr? Ihr könnt das nicht zulassen! Er wird in umbringen.

AMELIE Ja, das sieht echt mal danach aus.

LUISA Schade eigentlich, ich mochte ihn gern.

HERBERT Ich muss zurück!

LUISA Du bist draußen.

AMELIE Du wolltest nicht mehr mitspielen.

HERBERT Seht Ihr nicht, was passiert, wenn Ihr mich nicht zurücklasst.

AMELIE Wir können nicht - selbst wenn wir wollten.

LUISA Es gibt Regeln.

HERBERT Ich muss Friedrich sagen, dass Svenja im Haus ist. Er kann das nicht wissen.

LUISA Ja, das ist tragisch, aber ich schätze nicht, dass es so weit kommt. Werner hat eine Schützenstreuung von 10 Zentimetern. Das ist super, den hab auch ich mir ausgedacht, der trifft ganz bestimmt.

HERBERT Friedrich ist mein Sohn.

AMELIE Dein Sohn fackelt gleich die Bude ab, in der Deine Tochter schläft.

HERBERT Das kann ich nicht zulassen. Ich kann doch nicht zusehen, wie mein eigener Sohn erschossen wird. Ihr müsst mir helfen.

LUISA Lass mich mal nachdenken.

(Pause)

LUISA Wir könnten ihn rausstreichen.

HERBERT Wie meinst Du das?

LUISA Na wir könnten Werner rausstreichen - aus dem Stück.

AMELIE Dann kann er Deinen Sohn auch nicht wegmachen, weil es ihn ja nicht gibt.

LUISA Der Wegmacher wäre weggemacht.

AMELIE Wenn wir aber Werner wegmachen, fackelt, fürchte ich, Dein Sohn Deine Tochter ab.

LUISA Und den Behinderten.

HERBERT Nein…nein…nein!! Da dürft Ihr nicht. Ich muss zu ihr! Ihr müsst mich zu Ihr lassen.

LUISA Nochmal: das geht nicht.

HERBERT Hört auf damit! Ich bin raus, verdammt, deswegen bin ich doch raus, weil das nicht sein darf, weil die Geschichte so nicht erzählt werden darf! Ihr dürft das nicht erzählen – nicht so, bitte!

AMELIE Die Geschichte erzählt sich selbst.

HERBERT Ich muss sie sehen, Svenja, mein Mädchen! (weint) Macht mich weg! Ja, Ihr könnt mich wegmachen. So geht das doch! Auge um Auge – oder nicht. Ihr nehmt einfach mich, dann könnt Ihr die beiden laufen lassen. Ihr könnt mit mir machen was Ihr wollt

LUISA Wir wollen gar nichts machen mit Dir.

AMELIE Wir sind das nicht.

LUISA Du verstehst das immer noch nicht: Wir können Werner rausstreichen, das ist alles. Du bist doch schon draußen, hast Dich ja selbst rausgeschmissen.

HERERT (verzweifelt) Nein … nein … nein – ich wusste doch nicht … Ich darf nicht draußen sein!

LUISA Das hättest Du Dir vorher überlegen müssen; Du kannst auch nicht das Kitz ausnehmen und nachher alles wieder reintun und es springen lassen.

AMELIE Draußen ist draußen, beim Kitz und bei der Geschichte. Wie ist es jetzt? Sollen wir den Idioten wegmachen?

LUISA Hey, den hab ich mir ausgedacht!

AMELIE Ich weiß, ist trotzdem ein beknackter Idiot.

HERBERT Das könnt Ihr nicht verlangen von mir.

LUISA Wir verlangen gar nichts. Du musst Dich nicht entscheiden; wir können es einfach so weiterspielen.

HERBERT Aber dann wird er meinen Sohn erschießen.

AMELIE So sieht es aus.

HERBERT Wie soll ich..? Das ist unmöglich. Das kann ich nicht! Das kann keiner entscheiden, das ist unmenschlich.

LUISA Schau, wir machen das so: Wir gehen jetzt eine rauchen und dann muss jeder entscheiden: wer mit Werner weiterspielen will, kommt wieder hierher zurück.

AMELIE Wer will, dass wir Werner wegmachen, geht nach drüben.

LUISA Wow, das waren viel Ws.

Pause

Das Publikum wird nach den Alkohlexzessen der ersten Pause vorwiegend Kaffee und Espresso zu sich nehmen; es tritt eine allgemeine Ernüchterung ein. Dem Publikum wird eine Kuchenauswahl selbstgebackener Torten und Blechkuchen gereicht (es ist unbedingt an eine Schwarzwälder Kirsch Torte zu denken), sodass sich nach und nach das Geklapper von Kuchengabeln und Kaffeelöffeln mit den Gesprächsfetzen der Gäste vermischt und einen unentwirrbaren Gemeindehausklangteppich bildet, der sich dampfig und schwer über das Publikum legt, das im warmen Kaffeedunst der überheizten Räume versinkt. Es empfiehlt sich für diese Pause den örtlichen Kolpingverein oder eine Landfrauensektion einzuladen – keinesfalls dürfen die Räumlichkeiten gelüftet werden.

Jeder Zuschauer wird in dieser Pause für sich die Entscheidung treffen müssen, ob er in den Auftrittsraum zurückkehrt, in dem das Stück mit Werner weitergespielt wird, oder ob er im Foyer bleibt, in dem das Stück ohne Werner fortgesetzt wird.

Ein Jugendlicher des nächstbesten Hochbegabtengymnasiums wird im Jogginganzug durch das Foyer springen und gebetsmühlenartig den Satz „Oh – oh, das ist eine Dilemmasituation.“ wiederholen.

Noch ehe die Gäste ihre Plätze wieder einnehmen, ist ein ohrenbetäubender Schuss aus dem Auftrittsraum zu hören.

ende eins

sterben

REIMAR Fuck – Fuck – Fuck, Friedrich – da schießt wer auf uns. Nicht schießen – nicht schießen. (hält die Arme über den Kopf) Friedrich, steh auf! Was ist mit Dir?

WERNER (das Gewehr im Anschlag) Du bist das? Das hätte ich mir denken können.

REIMAR (nimmt die Arme runter) Papa?

WERNER Das war ja klar, dass Du Schwachkopf mit Deinem Idiotenfreund hier aufschlägst.

REIMAR Du hast Friedrich getroffen.

WERNER Möglich – war höchste Zeit, dass jemand den Spacko wegmacht.

EDNA (hinter Werner) Das ist Ruths Sohn. Wir haben Ruths Sohn erschossen!

REIMAR Papa, Du hast ihn umgebracht.

WERNER Dich hätte ich auch schon längst wegmachen sollen.

REIMAR Scheiße, Du kannst doch nicht …

WERNER Pass auf, dass ich Dich nicht auch gleich danebenleg.

EDNA Werner!

WERNER Du bist ein Schwächling – erbärmlich! Ich geh mich jetzt zusaufen. (verlässt das Theater)

EDNA (ihm nach) Werner, nimm mich mit.

REIMAR Friedrich, Friedrich – Du darfst nicht sterben. (versucht ihn wiederzubeleben – hilflos) Ich muss Hilfe holen – Fuck! Hilfe! Hilfe! (ab)

im zuschauerraum.

HERBERT Ihr müsst mich reinlassen – bitte! Er stirbt. Mein Sohn stirbt und ich bin nicht bei ihm.

Luisa und Amelie beraten sich kurz.

LUISA Okay, Du kannst jetzt rein.

AMELIE Ist ja sowieso vorbei.

herbert kehrt zurück.

HERBERT (den toten Friedrich im Arm) Friedrich, sieh mich an. Du darfst nicht weggehen. Bleib da. Das wird wieder. Das ist doch nichts – ein Streifschuss, bestimmt. Schau mich an, Friedrich. Nein – nein – nein. Das ist keine Möglichkeit. Wir dürfen das nicht zu einer Möglichkeit machen. Bleib da, verdammt. Ich kann Dich nicht halten, Friedrich, Du bist so schwer, mein Gott, Friedrich, warum bist Du so schwer.

Reiß Dich zusammen jetzt. Steh auf! Du kannst das, ich weiß es. Du darfst Dich nicht so hängen lassen, nimm doch um Gottes Willen Deine Arme hoch! Nimm Dich zusammen, mach Dich nicht so schwer.

Du warst so leicht, als ich Dich gehalten habe – zum ersten Mal. So winzig, Dein Kopf in meiner Hand. Ich weiß das noch. Ich fühl die nassen Härchen auf meiner Hand. Ich kann das spüren, die zarte Haut in den rissigen schweren Händen. Das passt gar nicht zusammen, die alten Klauen, die sich durchs Leben graben, das Blut und den Dreck unter den Nägeln, wie die das Köpfchen halten, das sich nach links und rechts wirft. Sieht noch nichts mit seinen frischen verklebten Augen, sucht die Mutter, spürt schon, dass es da falsch ist, zur Mutter muss. Will nicht auf den Schwielen liegen, das warme Köpfchen, das will an die Brust. So warm ist das, ich kann das spüren noch, wie ich das an die Wange halte, ganz eng. Das sucht jetzt nicht mehr, bleibt ganz still für einen Augenblick an der bärtigen Wange, als ob es den Krieg und den Tod wähnt, der im fremden Vater-Geruch klebt, der dem Vater in die Haut gebrannt ist. Von dem will es noch nichts wissen, das unschuldige Köpfchen. Ganz still bleibt das jetzt und hat vielleicht Angst, dass die Mutter nachher den fremden Geruch wittert, dass die Mutter es verstößt, ahnt vielleicht instinktiv, dass das an ihm haften bleibt, dass es das nicht mehr los wird. „Du weißt es, mein Sohn“, hab ich gesagt, da hat Deine Mutter Dich mir aus den Händen gerissen und einen blöden Idioten genannt.

So warm, warst Du, mein Sohn, dass ich das noch in meinem Gesicht gefühlt hab, als ich schon wieder draußen war viel später und weit weg.

Ich mach uns ein Feuer, ja? Ich passe auf diesmal, dass Du nicht frierst. Du bist ganz kalt, Friedrich. Es ist auch schon spät. Wir wollen uns wärmen am Feuer. Wir tischen uns die alten Geschichten auf, wie wir gestorben sind. Wir übertreiben ganz furchtbar und stochern mit unseren langen Fingern in der Glut. Ich brech uns kleine Ästchen aus der Wirklichkeit, die flammen kurz auf und wärmen uns.

Friedrich steh auf.

SVENJA (tritt hinzu) Friedrich? Ich konnte Dich nicht erreichen. (Pause) Friedrich? Was ist mit Dir?

HERBERT Werner…

SVENJA (begreift sofort) Oh nein - nein…nein…nein, Friedrich, was machst Du hier? Warum bist Du nicht am Fluss? Ich hab Dich nicht erreicht. Ich wollte zum Fluss kommen, ganz bestimmt.

HERBERT Svenja, es tut mir so leid.

SVENJA (versteht alles) Papa?

HERBERT Svenja, ich…

SVENJA Sei still – Du darfst nichts sagen jetzt.

HERBERT Er wollte…

SVENJA Halt`s Maul! Halt jetzt einfach Dein Maul.

HERBERT Friedrich hat…

SVENJA Ich will das nicht hören. Wo ist Werner?

HERBERT Weg.

SVENJA Gut.

HERBERT Ich…

SVENJA Wo warst Du so lange? Wieso hast Du nichts gemacht? Du hast es gewusst, Du hast es all die Jahre gewusst.

HERBERT Es tut mir so leid – ich bin so froh, dass es Dir gut geht.

SVENJA Du hättest es verhindern müssen. Du hättest nicht zulassen dürfen, dass das geschieht.

HERBERT Ich konnte nicht.

SVENJA Scheiße, das stimmt nicht. Das stimmt nie. Ich will das nie wieder hören. Friedrich ist tot und Du liegst daneben im Dreck, windest Dich wie ein Wurm, suhlst Dich in Deiner beschissenen Lämmer-Logik. Redest Dir ein, dass es nicht anders kommen konnte. Steht ja immer schon geschrieben, da können wir nicht raus. Wir sind in die Geschichten eingeschrieben. So sind eben die Verhältnisse.

Ich ertrag das nicht mehr, Eure leeren Lämmer-Augen, wie Ihr Euch abschlachten lasst; wie Ihr an die Schlachtbank drängt. Das war schon immer so, wir können doch nur in diese Richtung laufen - wollen wir ja auch nicht, dass uns das Schlachtermesse durch die Kehle geht, das will keiner, aber das drängt und drückt alles in eine Richtung nur. Wir können doch nicht stehen bleiben. Schaut auch keiner zurück, weiß ja keiner mehr, wo die alle herkommen. Da gibt es nichts mehr außer die stinkenden Lämmerkörper überall, die Dich nach vorne pressen, mitschleifen, wenn Du für einen Augenblick stehen bleibst. Blökende Lämmer, die Dich nach vorne treiben, Dir die Luft rauspressen, jeden Gedanken zerdrücken. Leere Augen sind das, die keinen Blick mehr reinlassen.

Da ist keine Luft für einen Gedanken - seit Jahrhunderten. Da schlägt keiner seine Hufe in den Lehmboden und fragt das; dreht keiner seinen blöden Lämmerschädel gegen den Strom, pflanzt den einen einzigen Gedanken in die Millionen Lämmerhirne.

Das müsst Ihr doch sehen, dass da einer steht, verdammt nochmal, dass da immer einer steht hinter der Bank, der das Messer durch die Kehle zieht.

Liegst neben Deinem toten Sohn im Dreck und hältst nicht für eine Sekunde an, reißt nicht mal jetzt auf, der Schleier, in dem Du erstickst - ich konnte nicht - ich konnte nicht - ich konnte nicht.

Keiner konnte anders, das lässt sich nicht anders organisieren. (zum Publikum) Habt Ihr das auch gedacht? So ist der Lauf der Geschichte eben. Das staubt ein wenig, wenn einer mitgeschleift wird. Einer, der seinen Mund auftut für einen Moment, der die Geschichte so nicht mehr erzählen wird. Einer, der mit zwei Kanistern vor den Geschichtentrümmern steht, zittert vielleicht, weil ihm die eigene Courage Angst macht. Einer, der spürt, dass Ihr ihn vorwärts drängt, der sich ein Herz fasst, der das alles abfackeln wird.

Einer, der schließlich wild entschlossen ist.

Hat er Euch Angst gemacht oder habt Ihr gewusst, dass jemand ihn aufhalten wird, dass Ihr ihn weiterschieben werdet, so wie Ihr jeden weiterpresst, der stehen bleibt, so wie ihr jeden zur Schlachtbank gepresst habt, der das nicht ausgehalten hat, Eure Kriege, Euer Morden, Eure Ungerechtigkeiten.

Habt Ihr es Euch gemütlich gemacht an Eurer Schlachtbank, den Moment genossen, weil Ihr gesehen habt, dass es die da vorne erwischt zuerst, dass Ihr noch hübsch weit hinten sitzt?

Habt Ihr Euch eingelullt in Eure Lämmer-Blödheit?

Das hat ja nichts mit uns zu tun, das Schlachten.

Da können wir doch nicht anders.

So ist der Gang der Geschichte eben.

Da hat`s mich schon ein wenig geschaudert vorhin, als die da auf der Bühne rumgewütet ist. Sektchen noch oder wollen wir nach Hause geh`n, ist schon spät und morgen dreht sich das ja wieder, müssen wir das vorantreiben. Der Fortschritt bleibt ja nicht stehen vor so einem Theaterstückchen. Die hält nicht an, die Maschine, nur weil`s uns ein wenig schaudert. Da sind Leute einzustellen und Leute zu entlassen, müssen Kriege begonnen und Wahlen gewonnen, Verträge unterzeichnet und Portfolios gepflegt werden.

Kann keiner stehen bleiben

einfach so.

Herbert hat unterdessen die Kanister aufgeschraubt und den Zuschauerraum mit Benzin übergossen.

SVENJA Was machst Du?

HERBERT Es ist kalt überall, Svenja. Ich mach uns ein Feuer.

Herbert setzt sich neben Svenja an den Bühnenrand.

HERBERT Diesmal pass ich auf, dass Ihr nicht wieder friert.

Sie halten den toten Friedrich im Arm. Svneja entflammt ein Streichholz.

SVENJA Schön, dass Du da bist, Papa!

Svenja lässt das Streichholz in die Benzinlache fallen. Es brennt sofort licherloh; die Flammen greifen rasch um sich, erfassen die restliche Bühne, das Bühnenbild, das - nun wird der ganze Betrug offensichtlich - aus leicht-brennbarem Pappmaschee besteht, das Sofa, das von innen heraus lodert und sich dabei leicht und geräuschlos vom Bühnenboden hebt, die Lichttechnik, den Zuschauerraum, die Zuschauer der ersten Reihen, die in aristokratischer Contenance verglühen, die hinteren Reihen, die um sich schlagen und Funken stoben, die oberen Ränge, aus denen brennende Honoratioren wie Fackeln ins Foyer fallen.

Die Welt brennt.

Asche.

LUISA Was spielen wir jetzt?

AMELIE Was Neues!

LUISA Schau mal, der Behinderte hat schon angefangen.

AMELIE Ohne uns?

LUISA Ja, ich glaube, er hat einen neuen Freund gefunden.

AMELIE Das ist schön.

freunde finden

Es erklingt „Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß“, diesmal in der Interpretation von Hannes Wader.

Johann und Wolfgang streifen wie zwei junge Füchse durch den Wald, tollen über den Waldboden, necken und beschnuppern sich, zwicken sich gegenseitig in die Ohren. Ihre Sprechlaute verschmelzen mit den Klängen des alten deutschen Volkslieds und bilden einen warmen Brei unverständlicher Laute und Klänge, in dem sie besinnungslos versinken.

Die Szene sorgt für eine ausgewogene Stimmung der Besinnung, Einkehr und Hoffnung mit Momenten der Schönheit und Erbauung.

ende zwei

zurückrufen

SVENJA (am Handy – Empfang suchend) Endlich. (wählt) Friedrich, das ist gut, dass ich Dich erreiche. (Pause) Ja. (Pause) Du warst so aufgeregt, vorhin. (Pause) Das stimmt. (Pause) Ich mach mir manchmal Sorgen um Dich, Du solltest nicht alleine wohnen. (Pause) Aber das ist nicht gut, wenn Du niemanden hast, mit dem Du reden kannst, wenn es Dir nicht gut geht (Pause) Ja, das finde ich auch schön, aber ich bin kann nicht immer da sein. (Pause) Ich weiß. (Pause) Ich versteh das, aber Du müsstest ja nicht in Dein Kinderzimmer. (Pause) Ist schon gut. (Pause) Nein, ich fang nicht wieder an damit. (Pause) Du wirst auf ihn treffen, das kannst Du nicht verhindern. Er wohnt jetzt hier mit Mama. (Pause) Das ändert auch nichts, wenn Du mich anschreist. (Pause) Nein, er ist ganz anders, als wir gedacht haben. (Pause) Ich kann Dir das nicht am Telefon (Pasue) Ja, am Fluss. (Pause) Bis gleich. (legt auf – ruft) Mama? – Ich geh nochmal, ich will Friedrich sehen. Ich bin zum Abendbrot wieder da. (ab)

RUTH (kommt aus der Küche) Svenja?

JOHANN (ihr nach, hat einen Truthahnschlegel im Mund – schmatzend) her ƿaſ otachre ummet tırrı

RUTH Das ist schön, dass Svenja wieder zu Hause ist. Ich hoffe, sie kann Friedrich zur Vernunft bringen. Wenn Friedrich zurückkommt, sind wir wieder eine richtige Familie,

JOHANN eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ •

RUTH Schmeckt`s?

Johann nickt und schmatzt. Es klingelt. Ruth öffnet die Tür. Irmgard betritt den Raum - sehr anders als in den bisherigen Szenen; an ihrer Kleidung ist die esoterische Selbstfindung nicht spurlos vorübergegangen, das Zuviel an Tüchern, Gefilztem und Naturmaterialien lässt das ganze Ausmaß ihrer Beschäftigung mit sich selbst erahnen. Irmgard betritt den Raum nicht nur, sie flutet ihn mit ihrer Anwesenheit und nimmt ihn energetisch in Besitz. Zugleich ist sie unglaublich durchlässig und nimmt alle Schwingungen, die vom Publikum ausgehen, sehr bewusst wahr. Sie hat gelernt, auch negative Energien in etwas Positives umzugestalten, z.B. in einen Holzdildo.

IRMGARD Es ist ein solcher Wahnsinn, Ruth. Der Baum…der Baum…der Baum – es ist so unfassbar toll, ich krieg mich nicht mehr ein. Es ist so überwältigend – das Leben überall. Wie das jetzt wächst und wuchert. Da ist so viel Positives, das Leben, Ruth, das Leben – ist das nicht ganz wunderbar, wie das lebendig ist! (bemerkt erst jetzt Johann, was nicht gerade für ihre Achtsamkeit spricht) Johann!!

JOHANN eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ •

IRMGARD Johann, was machen Sie denn hier?

RUTH Was redest Du da?

IRMGARD Wir haben Sie überall gesucht, Johann, Sie können doch nicht einfach abhauen.

RUTH Irmgard, was soll das?

IRMGARD Wo hast Du ihn aufgegabelt?

RUTH Ich verstehe kein Wort.

IRMGARD Ich wusste nicht, dass Du ihn kennst.

RUTH Klar kenn ich Herbert – seit dreißig Jahren!

IRMGARD Ruth, jetzt beruhig Dich erstmal. Wir sind alle angespannt. Deine halbe Wohnung hat sich gerade verwandelt, da ist es kein Wunder, dass Dir die Nerven durchgehen. Setz Dich erstmal.

RUTH Ich muss mich nicht beruhigen, meinen Nerven ging es nie besser.

IRMGARD Ich hab was, das wird Dir helfen. Bachblüten: Clematis, die holen Dich in die Realität.

RUTH Ich will Deine bescheuerten Tropfen nicht. Herbert, sag Du doch was

JOHANN eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ •

IRMGARD Johann, ich kümmere mich gleich um Sie. (zu Ruth) Du musst jetzt durchatmen. Sprich mir nach: Ich bin wach. Ich sehe klar. Ich gestalte.

RUTH Irmgard, hör auf mit Deinem Kraftformel-Scheiß. Ich will wissen, was hier los ist.

IRMGARD Du phantasierst, Ruth; das kennst Du doch schon, dass Herbert auftaucht. Wenn Du in Deiner Depression versinkst, dann wirfst Du Deinen Herbert-Anker auf jeden, der gerade vorbeikommt. Weißt Du nicht mehr, als der Rumäne drei Wochen bei Dir gewohnt hat.

RUTH Der hat sich durchgefressen und meine Schränke leergeräumt, der Schmarotzer.

IRMGARD Er wollte Dir nur Orangen an der Tür verkaufen und hat schnell gecheckt, dass er sich bei Dir hübsch einnisten kann, wenn er für Dich den Herbert spielt.

RUTH Ich dachte, Herbert hat mir die Orangen mitgebracht.

IRMGARD Und jetzt hast Du Deinen Herbert-Anker auf Johann geworfen.

JOHANN eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ •

IRMGARD Er konnte Dir ja nicht erklären, woher er kam, das weiß er meistens selbst nicht. Er ist uns heute Morgen aus dem Heim abgehauen; Du hast ihn doch bestimmt schon einmal gesehen, er hat sein Zimmer im selben Stockwerk wie Deine Schwiegermutter. Die beiden sind auch oft gemeinsam unterwegs. Letzte Woche haben wir sie in der Raucherecke gefunden, waren beide eingeschlafen.

RUTH Ich will das nicht hören.

IRMGARD Es tut mir leid, Ruth, wir müssen Johann zurückbringen.

RUTH Nein … nein … nein! Du darfst mir Herbert nicht wieder wegnehmen. Er ist doch gerade erst zurückgekommen.

IRMGARD Johann, kommen Sie.

JOHANN (abwehrend) eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ •

dunkel.

abhauen

martha.

johann.

tabletten.

MARTHA Johann, mein Lieber. Es wird Zeit für uns. Wir müssen uns auf die Reise machen.

Martha holt aus dem Bauch des singenden Weihnachtsmanns eine Plastiktüte voller Tabletten, die sie um Folgenden in zwei Whiskeygläsern auflöst.

Ich habe uns was Anständiges besorgt für die Reise, das ist kein Supermarkt-Mist, das ist ein Schottischer Single Malt – 30 Jahre alt - gut, oder.

Sie trinkt einen kräftigen Schluck aus der Flasche und reicht sie Johann.

War gar nicht so einfach, den hier reinzubekommen, hat mich eine Monatsrente gekostet. Ich wusste das nicht, dass es so teure Getränke gibt

JOHANN erdo deſero brunnono bedero uualtan •

MARTHA Reg Dich nicht auf, die brauchen wir nicht mehr. (Pause) Wo warst Du heute Morgen? Ich hatte schon Angst, Du bist alleine weg. Ich hätte mich das nicht getraut - alleine. Ohne Dich hätte ich mich nicht auf die Reise gemacht.

JOHANN erdo deſero brunnono bedero uualtan •

MARTHA Ist ja auch egal – bist ja rechtzeitig zurückgekommen. (streicht ihm über die Wange) Schön, dass Du da bist - hast Du das Eichhörnchen dabei?

Johann holt den zuckenden Stoffbeutel aus seiner Hosentasche, in dem sich das Eichhörnchen befindet – gibt ihn Martha, die ihn kaum unter Kontrolle halten kann.

MARTHA (zum Beutel) Was ist das überhaupt? Das gibt`s gar nicht! Du bist ein Eichhörnchen, Mann, ein bescheuertes Eichhörnchen! Eichhörnchen tun sowas nicht! (hält den Beutel vor ihr Gesicht) Eine Schande für Deine Art, das bist Du: ein Horrorhörnchen! Kinder lieben Eichhörnchen, aber Du bist wirklich aus der Art geschlagen! (Pause) Wenn ich Dich springen lasse, machst Du alles kaputt. (Pause) Du zerstörst es nicht wieder! (ringt den Beutel zu Boden, hält ihn mit dem Fuß am Boden)

Ich habe Trauf gebeten, dass er sich um das Eichhörnchen kümmert. Er soll Benzin mitbringen.

JOHANN erdo deſero brunnono bedero uualtan •

MARTHA Du hattest schon immer ein großes Herz, das hat Herbert von Dir. Ihr hättet Euch gut verstanden.

JOHANN ƿeſtar ubar ƿentılſeo dat ınan ƿıc furnam •

MARTHA Ich weiß, wir haben es versucht. Es waren andere Zeiten.

JOHANN eddo ƿelıhheſ cnuoſleſ du ſiſ •

MARTHA Ja, wir hätten uns davon machen können. Wir hätten fliehen sollen, damals, als das noch möglich war, nur wir beide, den Krieg einfach hinter uns lassen und irgendwo neu anfangen, zu dritt. Wir haben uns nicht getraut. Es war einfacher, sich in der Lüge einzurichten. War ja alles ganz einfach: er hat mir sofort geglaubt, dass Herbert sein Sohn ist; hat nie nachgerechnet. Manchmal glaube ich, er wollte belogen werden. (Pause) Er war ihm ein guter Vater.

JOHANN erdo deſero brunnono bedero uualtan •

MARTHA Weißt Du nicht, wie wir einmal versucht haben, Herbert die Wahrheit zu sagen. Hast Du vergessen, wie er auf Dich einprügelte bis Du am Boden lagst. Wir mussten ins Krankenhaus, nachher. So sehr hat er sich gegen die Wahrheit gewehrt, dass er Dich beinahe tot geschlagen hätte.

(Pause)

Das ist lange her. (küsst ihn) Wir hatten gute Zeiten, mein Lieber, ich habe gerne in unserem Geheimnis gelebt . (Pause) Aber jetzt wird es Zeit, dass wir uns aus dem Staub machen. Heute Morgen waren schon wieder alle Geschenke weg und ich konnte mich nicht erinnern, wo der Christbaum stand, hab ihn überall gesucht, bis mir eingefallen ist, dass Papa gestorben ist. Es wird Zeit, Johann.

Sie reicht ihm das Glas – beide trinken – Pause.

Sie drückt auf den Knopf am Bett, Trauf erscheint, er trägt einen Kanister Benzin und seine Saz.

MARTHA Trauf, mein Lieber, nimm mir mal das Eichhörnchen ab.

Trauf nimmt ihr den Beutel ab, klemmt ihn unter den Arm.

TRAUF Johann, was machen Sie denn schon wieder bei Martha im Zimmer – Sie Schlimmer.

JOHANN erdo deſero brunnono bedero uualtan •

MARTHA Lass ihn bei mir, bis ich eingeschlafen bin.

TRAUF Ja, ausnahmsweise – das darf aber die Heimleitung nicht erfahren, sonst krieg ich Ärger.

MARTHA Wir schweigen wie ein Grab, oder Johann? (lacht) Von unseren Lippen kommt kein Sterbenswörtchen.

JOHANN erdo deſero brunnono bedero uualtan •

MARTHA Kannst Du das Lied singen, das ich Dir letzte Woche beigebracht habe?

TRAUF Ich versuch`s.

Trauf singt „Kein Feuer keine Kohle“ – sein arabischer Akzent verleiht dem Lied einen besonderen Glanz und sorgt für eine ausgewogene Stimmung der Besinnung, Einkehr und Hoffnung mit Momenten der Schönheit und Erbauung.

Martha und Johann schlafen ein.

Trauf legt seine Saz zur Seite, deckt Martha und Johann zu, übergießt anschließend das Eichhörnchen mit Benzin.

Er kramt Streichhölzer aus seinen Taschen – zögert aber kurz. Nimmt schließlich sein Handy und ruft irgendjemanden an.

TRAUF Hallo? (Pause) Ja. (Pause) Auch. (Pause) Ich weiß nicht, ob das mit dem Benin so eine gute Idee ist. (Pause) Ist aber eigentlich ganz süß - so ein Eichhörnchen. (Pause) Wie meint Ihr das: Wir brauchen neue Figuren? (Pause) Wieso riechen die alten Figuren? (Pause) nach Nazi-Sabber? (Pause) Ja, aber ist das nicht auch Nazi-Sabber: Figuren abfackeln, Weltenbrand und so… (Pause) Na Ihr seid gut: Ist egal - scheiß drauf - fackels ab. Ihr müsst ja nicht… (Pause) Schon gut. (legt auf)

Er zündet den Beutel an, der sofort lichterloh brennt; die Flammen greifen rasch um sich

TRAUF Fuck – ich hab´s geahnt. (rasch ab)

Die Flammen erfassen die restliche Bühne, das Bühnenbild, das - nun wird der ganze Betrug offensichtlich - aus leicht-brennbarem Pappmaschee besteht, das Sofa, das von innen heraus lodert und sich dabei leicht und geräuschlos vom Bühnenboden hebt, die Lichttechnik, den Zuschauerraum, die Zuschauer der ersten Reihen, die in aristokratischer Contenance verglühen, die hinteren Reihen, die um sich schlagen und Funken stoben, die oberen Ränge, aus denen brennende Honoratioren wie Fackeln ins Foyer fallen.

die Welt brennt.

asche.

zurück bleibt nur der altenheim-fernseher - ein robustes grundig-gerät eben.

zwischen dem flackern und flimmern zeigt das gerät bilder vom fluss,

der schwarz und langsam durch unser tal fließt.

im wasser zwei Köpfe,

die sich schwimmend entfernen.

start.txt · Zuletzt geändert: 2018/11/11 17:02 von relatief